Kommentar Dr. Jürgen Gros: Der digitale Euro – Fortschritt oder Prestigeprojekt?
von Dr. Jürgen Gros

Die Europäische Zentralbank (EZB) treibt den digitalen Euro und damit die elektronische Alternative zum Euro mit Verve voran. Seit November 2025 ist sie dabei, die notwendige technische Infrastruktur zu finalisieren und das Pilotprojekt vorzubereiten. Kurzum: Die EZB hat den Schritt von der Konzeptions- und Planungsarbeit zur praktischen Umsetzung und technischen Vorbereitung eines digitalen Euros längst vollzogen. Das ist freilich bemerkenswert. Zwar ist die Einführung der digitalen Währung für 2029 geplant. Möglich wird das jedoch erst, wenn EU-Kommission, die nationalen Regierungen und das Europäische Parlament gemeinsam dem Vorhaben zugestimmt haben. Das ist bislang noch nicht geschehen.
Das Vorpreschen der Notenbank wirft nicht nur Fragen zur Legitimation des Projektes auf, sondern lenkt den Blick auch darauf, ob es klug ist, das materiell wie politisch teure Projekt vor seiner formalen Genehmigung durch den Gesetzgeber zu starten. Schule sollte die unorthodoxe Vorgehensweise jedenfalls im politischen Raum nicht machen.
Während Kommission und die Staats- und Regierungschefs geschlossen hinter dem Vorhaben stehen, haben die Abgeordneten des EU-Parlaments sich noch nicht positioniert. Sie sehen erheblichen Klärungsbedarf. Mehr als 1500 Änderungsanträge zum EZB-Projekt zeigen das überdeutlich. Ein wesentlicher Punkt, der für viele Parlamentarier nach wie vor ungeklärt ist, betrifft den Kern des gesamten Konstrukts – nämlich die Anonymität der Bezahlvorgänge. Dass diese auf digitalem Wege nicht vollständig gegeben ist, gibt die EZB selbst zu und kann die Datenschutzbedenken nicht ausräumen. Es bleibt lediglich bei einer Willensbekundung. So betont die EZB, Privatsphäre beim Bezahlen gewährleisten zu wollen. Analysen weisen gleichwohl darauf hin, dass zentrale Überwachungsmöglichkeiten in einem solchen System angelegt sein könnten. Insofern dürfen sich jene bestätigt fühlen, die schon immer wussten: Eine richtige Alternative zum Bargeld wird der digitale Euro nicht sein, jedenfalls nicht für die, die Barzahlen als einen Akt bürgerlicher Freiheit begreifen.
Hinzu kommt: Auch Banken und erhebliche Teile der Finanzbranche warnen vor Wettbewerbsverzerrungen und unklaren Folgen für das bestehende Finanzsystem. Sie sehen neben anderem vor allem die Gefahr, dass Guthaben von Bankkonten abfließen und das die Kreditvergabefähigkeit der Geldhäuser einschränkt. Eine Nebenwirkung mit erheblicher Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems. Ein weiterer unklarer und gewichtiger Punkt: Welche Gestaltungsmöglichkeiten gibt die Infrastruktur eines digitalen Euros künftig, um politisch gewünschtes Zahlungsverhalten in Europa zu steuern? Möglichkeiten schaffen unweigerlich Begehrlichkeiten. Selbst was Politiker heute weit von sich weisen, kann in fernen Tagen als opportun erscheinen.
Und die Befürworter: Ihr zentrales Argument lautet, der digitale Euro sei notwendig, um Europas „strategische Autonomie“ zu sichern, um die Abhängigkeit von US-Zahlungsanbietern zu reduzieren. Das Argument klingt angesichts transatlantischer Verwerfungen zunächst gut. Aber nur auf den ersten Blick. Denn es bleibt fraglich, ob eine staatliche Digitalwährung überhaupt einen relevanten Hebel darstellt, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Zweifel daran, dass der digitale Euro die internationale Rolle der Gemeinschaftswährung nennenswert stärken kann, sind berechtigt.
Ebenso berechtigt ist die Frage nach dem Mehrwert der digitalen Währung für Bürgerinnen und Bürger. Schon heute existieren zahlreiche effiziente digitale Zahlungsmethoden. Nicht zuletzt halten deshalb innerhalb der Finanzbranche viele Experten den digitalen Euro für überflüssig und erwarten eine geringe Nachfrage. Wenn ein neues System aber weder deutliche Vorteile bringt noch ein akutes Problem löst, dann wird es schwer mit einer sinnhaften Begründung. Insofern liegt der Frankfurter Ökonomieprofessor Volker Wieland womöglich richtig, wenn er die Debatte um den digitalen Euro als „Lösung auf der Suche nach einem Problem“ pointiert zusammenfasst. Es wäre ein teures Problem. Schätzungen reichen von geringer Milliardenhöhe bis hin zu zweistelligen Milliardensummen für die Implementierung.
Natürlich ist es richtig, dass sich ein Geldsystem zeitgemäß weiterentwickelt. Doch Innovation allein ist kein Selbstzweck. Und bislang ist nicht zweifelsfrei ausgeräumt, dass der digitale Euro womöglich doch nur ein politisches Prestigeprojekt sein könnte, das mehr Probleme schafft als es löst. Herausforderungen freilich hat Europa aktuell schon genug. Sie sind einer Situation geschuldet, in der sich über Jahrzehnte geopolitische Routinen in hoher Geschwindigkeit verändern oder gar auflösen. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht politische Antworten darauf. Sie wünschen sich Stabilität und Sicherheit. Die politische Beschäftigung mit dem digitalen Euro passt schon deshalb nicht in die Zeit, weil sie das Gegenteil auslöst.