Dr. Alexander Legler, stv. Landesvorsitzender der KPV Bayern, Landrat Landkreis Aschaffenburg: Jugendkreistag: Starke Stimmen für die Zukunft

GZ Ausgabe GZ-11-2026 vom 28. Mai 2026 | Kolumne
von Dr. Alexander Legler
Porträtfoto

Liebe Leserinnen und Leser, „Wow! Die sind echt klasse!“ war mein Fazit zu unseren Jugendkreisrätinnen und Jugendkreisräten, die am 19. Mai zur konstituierenden Sitzung unseres neuen Jugendkreistages zusammengekommen sind, der sich künftig mindestens zwei Mal im Jahr treffen wird und Themen beraten soll, die unsere Jugendlichen im Landkreis bewegen.

Mit seiner ersten Sitzung haben die 31 jungen Leute im Alter von 14 bis 17 Jahren Landkreisgeschichte geschrieben, da es ein solches Jugendparlament bis dato nicht gegeben hat. Unser Jugendkreistag, dessen Vorbild das Jugendparlament in Bamberg ist, setzt sich zusammen aus Schülerinnen und Schülern aus Schulen im Kreis sowie aus Jugendlichen, die im Landkreis wohnen. Je nach Größe kann jede Schule bis zu vier Jugendliche entsenden, die mindestens in die 7. Klasse gehen, während der Kreisjugendring vier Personen entsenden kann, die keine Schule im Kreis besuchen. Maximal können 70 Plätze im Jugendparlament vergeben werden.

Unter dem Motto „Mitreden, mitentscheiden und mitgestalten, weil uns Deine Ideen wichtig sind“ hatte der Kreistag in seiner Sitzung vom 15. Dezember 2025 die Einrichtung des Jugendkreistags beschlossen. Damit wollen wir jungen Menschen ein eigenes Gremium bieten, mit dem sie unmittelbar ihre Interessen, Anliegen und Wünsche auf Landkreisebene vertreten und an politischen Entscheidungen, die ihre Lebensbereiche betreffen, mitwirken können. Denn: wer wüsste besser Bescheid, welche Wünsche und Interessen diese Altersgruppe hat als die Jugendlichen selbst.

Ausgestattet ist der Jugendkreistag, der eigene Projekte ins Leben rufen kann, mit einem frei verfügbaren Etat von 9.000 Euro. Seine Sprecher haben Rederecht im Kreistag und können bei Jugendthemen hinzugezogen zu werden. Der Kreistag muss sich mit den Beschlüssen des Jugendkreistags in seiner jeweils nächsten Sitzung befassen.

Unser Ziel: wir wollen nicht über jungen Menschen reden, sondern mit ihnen. Und so profitiert auch der „Erwachsenen-Kreistag“, weil wir mit den jungen Menschen Expertinnen und Experten in eigener Sache gewinnen. Der Erfolg hat sich bereits bei der Abfrage der Themen für die kommenden Sitzungen eingestellt.

So zeigte sich ein großes Interesse an der Mitgestaltung der Lebensbedingungen für junge Menschen. Die Palette war breit an Themen, die unsere Jugendlichen bewegen. Engagiert, rational, leidenschaftlich sowie tiefgründig, auf den Punkt gebracht und mit hoher Sensibilität wurden Vorschläge, Wünsche und auch Kritikpunkte benannt.

Gegenstand waren u.a.: Busverbindungen und volle Schulbusse, teilweise fehlende Wasserspender, der Zugang zu Menstruationsprodukten an Schulen, mehr Angebote zur beruflichen Orientierung, Drogenprobleme, die Verharmlosung von Vapes und weiterer Suchtmittel, mehr Angebote zur Stärkung der Gesundheit und Sport, mehr digitaler Bildung, Vandalismus durch Mitschülerinnen und Mitschüler, unzureichende Aufklärung über Rassismus und zu wenig Programme gegen Antisemitismus sowie teilweise erlebte Verharmlosung der Nazizeit auf dem Pausenhof.

Mein persönliches Fazit aus dieser ersten Sitzung lautet:

Erstens bestehen offenkundig Defizite in der Bildungspolitik unter dem Aspekt Lebenskunde und Vorsorge. Insbesondere fehlt es an eingehender und fortlaufender Aufklärung über Gefahren im Netz, an ausreichend Sport sowie an früherer Befassung mit dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte, erst recht angesichts des steigenden Antisemitismus in unserem Land. Dafür braucht es grundsätzlich Raum in der Schule und eine Anpassung der Lehrpläne an die heutige Realität. An den Ausführungen der jungen Menschen hat sich klar gezeigt, wo Defizite mit Blick auf gesellschaftspolitische Themen und deren Behandlungen im Unterricht liegen.

Zweitens wurde erkennbar, dass und wie sehr junge Menschen interessiert sind an Politik, wie sehr sie mitreden und mitentscheiden wollen.

Und drittens haben wir mit unserem Jugendkreistag ein wichtiges und richtiges Format zum Austausch, zur Diskussion sowie zur Stärkung unserer Demokratie und der politischen Willensbildung geschaffen. Ich kann nur jedem ein solches Gremium ausdrücklich ans Herz legen. Denn das Herzstück und die Zukunft unserer Demokratie sind vor allem unsere Kinder und Jugendliche! Demokratiebildung beginnt damit bei ihnen!

Demokratie lebt gerade davon, dass sich Menschen engagieren und dass wir Räume schaffen und haben, wo man lernt, miteinander zu diskutieren, Lösungen zu finden und Kompromisse zu schließen. Unser Jugendkreistag ist ein solch wertvoller Ort, mit dem wir zur Förderung unserer Demokratie sowie zur Stärkung demokratischer Mitbestimmung beitragen. Mit ihm bieten wir jungen Menschen einen Ort, mit dem wir ihre Entwicklung zu selbstbewussten Mitbürgerinnen und Mitbürger unterstützen. Wir zeigen ihnen: wir nehmen Euch und Eure Anliegen ernst, wir hören Euch zu und lassen Euch mitgestalten. Und wo könnte das direkter und unmittelbarer ermöglicht werden als bei uns, vor Ort in den Kommunen!?!

Porträtbild Dr. Alexander Legler

Dr. Alexander Legler, stv. KPV-Landesvorsitzender, Landrat Landkreis Aschaffenburg

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