„Man muss sich nicht verbiegen, um Politik zu machen“

GZ Ausgabe GZ-11-2026 vom 28. Mai 2026 | Landes-, Bundes- und Europapolitik, Verbände
von Constanze von Hassel
Foto einer Diskussionsrunde
V.l.: Moderatorin Caro Matzko, Bürgermeisterin Kathrin Alte, Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen. Bild: Lennart Preiss, Bildarchiv Bayerischer Landtag.

„Bavaria ruft!“ diskutiert über weibliche Perspektiven in der Politik - Mit einer Mischung aus politischer Analyse, persönlichen Erfahrungen und klaren Forderungen nach mehr weiblicher Beteiligung hat die Initiative „Bavaria ruft!“ im Bayerischen Landtag über die Zukunft von Frauen in der Politik diskutiert. Im Mittelpunkt standen die Keynote von Landtagspräsidentin Ilse Aigner sowie ein Podiumsgespräch mit Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende Bündnis90/Die Grünen, Anzings Erste Bürgermeisterin Kathrin Alte und Moderatorin Caro Matzko. Anlass war die Sondervorführung des Dokumentarfilms „Die Premierministerin“ über die ehemalige neuseeländische Regierungschefin Jacinda Ardern.

Aigner machte gleich zu Beginn deutlich, dass die Diskussion um Frauen in politischen Ämtern „kein Frauenthema, sondern ein Demokratiethema“ sei. Zwar sei der Frauenanteil bei den Ersten Bürgermeistern nach den jüngsten Kommunalwahlen leicht gestiegen (von 10 auf 12 Prozent), bei Spitzenämtern unter den Landräten und Oberbürgermeistern der kreisfreien Städte, falle die Bilanz jedoch weiterhin ernüchternd aus. Frauen seien hier nach wie vor nicht nur deutlich unterrepräsentiert, hier habe der Frauenanteil auch noch abgenommen. Frauen fehlten in politischen Entscheidungsprozessen nicht nur zahlenmäßig, sagte Aigner, sondern auch mit ihren Erfahrungen und Perspektiven. Dabei brauche Politik bei Fragen bspw. der Kinderbetreuung, Stadtplanung oder Haushaltsprioritäten unterschiedliche Blickwinkel.

Deutlich sprach die Landtagspräsidentin auch die zunehmende Verrohung des politischen Klimas an. Besonders Frauen seien in sozialen Medien massiven Angriffen ausgesetzt. Hasskommentare, digitale Gewalt und persönliche Herabwürdigungen hätten ein Ausmaß erreicht, das viele Frauen abschrecke, sich überhaupt politisch zu engagieren. „Hass ist keine Meinung“, betonte Aigner. Politik brauche zwar ein „dickes Fell“, dürfe aber nicht dazu führen, dass sich engagierte Frauen aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

Persönliche Erfahrungen und Rollenzuschreibungen

Im anschließenden Gespräch schilderten die Podiumsteilnehmerinnen sehr persönliche Erfahrungen mit Rollenzuschreibungen und strukturellen Hürden. Katharina Schulze erinnerte sich an ihre ersten politischen Auftritte, bei denen nicht Inhalte, sondern Auftreten, Kleidung oder Sprache kommentiert worden seien. Lange habe sie geglaubt, sich an männliche Maßstäbe anpassen zu müssen. Erst später habe sie erkannt, dass Authentizität wichtiger sei als Anpassung. „Man muss sich nicht verbiegen, um Politik zu machen“, sagte die Landespolitikerin.

Auch Bürgermeisterin Kathrin Alte berichtete von alltäglichen Vorurteilen. Immer wieder würden Frauen in politischen Führungspositionen stärker nach Familienrolle, Auftreten oder Sympathie bewertet als nach Kompetenz. Gleichzeitig seien die Erwartungen widersprüchlich: Frauen sollten durchsetzungsfähig sein, dabei aber möglichst nicht anecken. Alte verwies auch auf Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes, in dem festgeschrieben ist: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Daraus leite sich aus ihrer Sicht auch ein klarer Auftrag an den Staat ab, tatsächliche Gleichstellung aktiv zu fördern und bestehende Benachteiligungen abzubauen. Gerade kommunale Mandatsträgerinnen müssten Familie, Beruf und Ehrenamt häufig unter hohem organisatorischem Druck vereinbaren.

Ein zentrales Thema der Diskussion war zudem die Frage, wie Politik familienfreundlicher und attraktiver gestaltet werden kann. Genannt wurden unter anderem klarere Sitzungszeiten, hybride Teilnahmeformate und bessere Unterstützungsstrukturen für Eltern. Schulze sprach sich offen für gesetzliche Paritätsregelungen aus. Freiwilligkeit allein reiche nicht aus, um eine gleichberechtigte Vertretung von Frauen in Parlamenten zu erreichen.

Trotz aller Kritik dominierten an diesem Abend Zuversicht und gegenseitige Ermutigung. Mehrfach wurde betont, dass Politik gestalten könne und Freude mache. Netzwerke wie „Bavaria ruft!“ seien deshalb wichtig, weil sie Frauen parteiübergreifend stärkten und sichtbarer machten. Demokratie brauche Vielfalt, auch in der Politik. Oder wie Katharina Schulze formulierte: „Wir sind 50 Prozent der Gesellschaft. Dann gehören uns auch 50 Prozent der Entscheidungsräume.“

Constanze von Hassel

Constanze von Hassel, Chefredakteurin

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