Drei faire Produkte als Joker
von Pat Christ

Trotz Finanzkrise halten Bayerns Kommunen am Gedanken „Fairtrade“ fest - Die Initiative startete in Bayern vor 17 Jahren und hat sich seitdem kontinuierlich ausdehnen können: 2009 wurde Neumarkt erste „Fair-Trade-Stadt“. Heute gibt es 285 „faire“ Kommunen. Zuletzt wurde im April der Landkreis Bad Kisingen ausgezeichnet. „23 weitere Kommunen in Bayern haben ihr Interesse an der Kampagne bekundet“, sagt Hannah Maidorn von „Fairtrade Deutschland“. Um Fairtrade-Stadt zu bleiben, muss man sich alle zwei Jahre rezertifizieren. Dies gelingt trotz finanziell schwieriger Zeiten.
„2025 haben lediglich drei Fairtrade-Towns in Bayern ihren Titel nicht verlängert“, so Hannah Maidorn. Dabei handelt es sich um Wemding, Landshut und den Landkreis Rhön-Grabfeld. Die Gründe seien individuell und würden dem Verein „Fairtrade Deutschland“ auch nicht immer mitgeteilt. „Aus der Erfahrung geht es in den meisten Fällen um fehlende oder gekürzte Ressourcen, entweder personeller oder finanzieller Natur“, sagt die Pressesprecherin. Manche Kommunen entschieden sich nach einer Pause auch zur Weiterführung des Titels und erneuerten diesen nach ein paar Jahren.
Auch dort, wo man sich immer wieder neu zertifizieren lässt, ist einer Äußerung von Ute Michallik, Geschäftsführerin der Augsburger Weltladen GmbH zu entnehmen, läuft es nicht immer für alle Beteiligten zugfriedenstellend. Ute Michallik engagiert sich in der Steuerungsgruppe „Fairtrade-Stadt Augsburg“. „Der Faire Handel braucht Menschen, die Aktionen auf die Beine stellen“, sagt sie. Dar-
an fehlt es aus ihrer Sicht in Augsburg: „Vor allem im politischen Bereich, zivilgesellschaftlich ist es ein bisschen besser.“ Geld sei weniger das Problem: „Das Entscheidende bei der ‘Fairtrade-Stadt’ ist die Arbeit, die es macht!“
Sabine Leistner aus Regensburg gehört zu jenen Bürgern, für die es nicht bedeutungslos ist, woher das stammt, was in ihrem Einkaufskorb landet. Die Leiterin des Weltladens „Una Terra“ möchte keine Lebensmittel und auch sonst keine Produkte kaufen, die ausbeuterisch hergestellt wurden. Darum engagiert sie sich für Fairtrade. Und darum ist sie glücklich, dass ihre Heimatstadt 2012 „Fairtrade-Town“ wurde. Seither, so das Mitglied der dortigen Steuerungsgruppe, hat sich viel getan: „Die Feuerwehrkleidung und die Bekleidung im Gartenamt sind inzwischen aus nachhaltiger Produktion.“
In Regensburg gelang es, Vorurteile gegenüber dem fairen Handel zu beseitigen und neue Fans von „Fairtrade“ zu gewinnen. Ein gängiges Vorurteil betrifft den Preis. „Doch fair gehandelte Produkte sind nicht viel teurer“, sagt Sabine Leistner. Die geringen Mehrkosten müssten es jedem Bürger und jeder Stadt wert sein – selbst in finanziell schwierigen Zeiten. Sie selbst könnte nie Billigkaffee kaufen. Dann würde vor ihrem geistigen Auge sofort das Bild eines ausgebeuteten afrikanischen Kleinbauern entstehen: „Können wir dem wirklich ins Gesicht sagen, dass wir jetzt billigen Kaffee kaufen müssen, weil unser Budget gekürzt wurde?“
Rühriger Koordinator
Dass Waren erlaubt sind, die durch Kinderarbeit oder unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wurden, ist für Sabine Leistner unerträglich. Viel an Ausbeutung hätte nach ihre Ansicht reduziert werden können, wäre das Lieferkettengesetz in seiner ursprünglichen Fassung in Kraft getreten: „Doch es wurde deutlich abgeschwächt.“ Immerhin geht es lokal gut voran. Und zwar nicht zuletzt deshalb, weil es in Regensburg mit Michael Grein seit über fünf Jahren einen rührigen Koordinator für kommunale Entwicklungspolitik gibt. Einen Koordinator zu haben, ist für Sabine Leistner in einer „Fairtrade-Town“ von großer Bedeutung.
In Dingolfing setzt sich Walter Koch dafür ein, das ein afrikanischer Bauer, der auf seiner Ackerfläche Kaffee oder Kakao anbaut, fair entlohnt wird. Vor 30 Jahren half der 68-Jährige mit, den Dingolfinger Weltladen zu gründen. Seit 2002, als Dingolfing „Fairtrade-Stadt“ wurde, ist er Mitglied der dortigen Steuerungsgruppe. „Die Stadt stieg mit viel Initiative ein, die Anfänge waren erfreulich“, schildert er. Doch wegen der aktuellen Finanzmisere droht die Euphorie zu verebben. Die Gewerbesteuereinnahmen brachen in Dingolfing drastisch ein. Was laut Walter Koch die Frage aufgeworfen habe, ob man sich im Rathaus faire Produkte im bisherigen Umfang noch leisten könne.
Walter Koch, der mit leidenschaftlichem Engagement für eine gerechtere Weltwirtschaft kämpft, ist in mancher Hinsicht enttäuscht. Er würde sich zum Beispiel wünschen, dass mehr fair gehandelte Produkte über die „Tourist Information“ angeboten werden. Doch bisher gingen diesbezügliche Vorstöße ins Leere. Auch seine Idee, einen Stadtführer zu kreieren, der alle Stellen auflistet, wo man in Dingolfing fair Gehandeltes bekommt, wartet noch auf Realisierung. Trotz mancher Enttäuschung engagiert sich Walter Koch weiter. Jedes Produkt aus fairem Handel, das einen Abnehmer findet, sei den Kampf wert.
Faire Fußbälle
Das Nürnberger Land, seit 2020 ein „fairer Landkreis“, ist ein gutes Beispiel dafür, dass „faire„ Kommunen durchaus bei sich selbst anfangen, statt auf Engagement aus der Zivilgesellschaft zu warten. Hier gibt es zum Beispiel Fairtrade-Fußbälle mit Landkreislogo, berichtet Nachhaltigkeitsmanagerin Alena Hölzel. Die werden vom Landrat als Geschenk an Vereine oder Institutionen überreicht: „Beispielsweise bei der Einweihung von Förderprojekten an Grundschulen, um das Thema ‚Fairtrade’ auch schon an sehr junge Menschen zu adressieren.“
Finanzielle, personelle und zeitliche Ressourcen müssen dieser Tage auch im Nürnberger Land geschont werden, weshalb die Kommune froh ist, dass sie nicht isoliert agiert. „Die Vernetzung der Fairtrade-Community ist für alle Beteiligten ein Zugewinn“, erklärt die Nachhaltigkeitsmanagerin. Mit vereinten Kräften konnten bisher alle Herausforderungen gemeistert werden. Das betrifft zum Beispiel die gemeinsame Anschaffung von Materialien.
Im Nürnberger Land sind Aktivitäten rund um das Thema „Fairtrade“ alles andere als dünn gesät. Bei der RegioPlus Challenge in der Erntedank-Zeit zum Beispiel werden die Landkreisbürger seit 2020 alljährlich animiert, sieben Tage lang nur regionale Lebensmittel aus der Region zu verzehren. Wobei es, mit Blick auf die für die meisten Menschen unverzichtbaren Produkte „Kaffee“ und „Schokolade“, drei Joker gibt. „Die sollten aus fairem Handel bezogen werden“, erläutert Alena Hölzel. Der Fairtrade-Landkreis nimmt außerdem alljährlich mit einem Aktionsstand am „Tag der Regionen“ teil.
Kommunen als Vorbilder
„Fair Trade“ bleibt ein wichtiges Thema, ungeachtet dessen, dass aktuell viele Themen bedrängen, bekräftigt man auch im unterfränkischen Marktheidenfeld. „Wir als Kommune nehmen eine Vorbildfunktion ein und können aktiv zur Förderung fairer Handelsbeziehungen und nachhaltiger Produktionsweisen beitragen“, so Pressesprecher Marcus Meier. Marktheidenfeld schloss sich 2016 der Kampagne „Fairtrade-Städte“ an. Seitdem wurden Fairtrade-Produkte in der Stadtverwaltung und bei öffentlichen Veranstaltungen eingeführt. Mehrere Einzelhändler und Gastronomiebetriebe nahmen diese ebenfalls in ihr Sortiment auf.
Durch Bildungsangebote und Workshops in Schulen und Kindergärten hofft die Stadt, mit dem „Fairtrade“-Gedanken schon auf Kinder und Teenies abfärben zu können. Dass man sich alle zwei Jahre rezertifizieren muss, wird als positiv angesehen. „Das sorgt dafür, dass unser Engagement lebendig bleibt und wir uns immer wieder neu hinterfragen“, erklärt Marcus Meier. Die Rezertifizierung selbst stelle keine größere finanzielle oder personelle Herausforderungen dar. Die notwendigen personellen Ressourcen würden hauptsächlich durch das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder der Steuerungsgruppe abgedeckt. Die Stadt unterstütze.
Um Menschen für den Gedanken „Fairtrade“ zu begeistern, ist es wichtig, nicht nur abstraktes Wissen zu vermitteln. In Marktheidenfeld wird „Fairer Handel“ erlebbar. Heuer nahm die Kommune zum Beispiel an der bundesweiten Kampagne „fairbruary“ teil. „In der Stadtbibliothek haben wir in diesem Zeitraum über fairen Handel informiert und ein Quiz angeboten, im März folgte eine Aktion mit fairen Rosen zum Weltfrauentag“, berichtet Marcus Meier. Am 2. Mai gab es einen Tanzabend unter dem Motto „TanzFAIRgnügen“. Bewirtet wurde mit Produkten aus fairem Handel.
Gescheiterter Versuch
In vielen Ländern dieser Erde müssen Menschen bis heute für ein Almosen arbeiten. Werden sie ausgebeutet. Sie und sogar ihre Kinder. Fairer Handel kann zumindest etwas gegensteuern. Wobei nicht jede bayerische Stadt, die sich gern hierfür engagieren würde, dies letztlich auch tut. In Nördlingen zum Beispiel scheiterte der Versuch, „Fairtrade-Town“ zu werden. Es gelang in diesem Fall nicht, die für die Zertifizierung erforderliche Zahl an kooperierenden Gastronomen zu gewinnen, berichtet Pressesprecherin Helena Ott.
Um das Risiko zu vermeiden, dass „Fairtrade“ nur auf einem netten Schild prangt, müssen harte Kriterien erfüllt werden. Eine Stadt alleine kann niemals „fair“ werden. Örtliche Gastronomen müssen ebenso wie Einzelhändler, Vereine und Institutionen hinter der Idee stehen. Nicht zuletzt die Corona-Krise machte in Nördlingen einen Strich durch die Rechnung: Der Beschluss, „fair“ zu werden, fiel im Oktober 2019 und damit gerade einmal ein halbes Jahr, bevor die Krise ihren Lauf nahm. Nördlingen ist allerdings Teil des „Internationalen Netzwerks lebenswerter Städte“. Kommen Gäste ins Rathaus, werden sie möglichst mit nachhaltigen Produkten bewirtet.
Auch wenn im Rathaus gerade viele schwierige Themen in Atem halten, steht man auch in Bamberg weiterhin voll und ganz hinter der Idee, den Welthandel gerechter zu gestalten. Seit September 2014 ist die Kommune „fair“. Motivation für die Bewerbung war, dass sich die Stadt im Rahmen der „Agenda 21“ bereits viele Jahre zuvor im Bereich Fairer Handel engagiert hatte. Seit 2003 gibt es einen fair gehandelten „Bamberg Kaffee“. Die Bamberger Hochschule ist inzwischen Fairtrade-University. Außerdem haben sich neun Schulen zu Fairtrade-Schulen gemausert.