Warum Bayern bis heute „eine Maß“ bestellt Der gestohlene Schluck
von Constanze von Hassel

Warum heißt es in Bayern eigentlich „eine Maß Bier“ und nicht einfach „ein Liter Bier“? Die Antwort darauf führt tief hinein in die Geschichte des Königreichs Bayern, der deutschen Einheit und eines kleinen, aber bis heute legendären Bierverlusts. Passend zum Welttag der Metrologie am 20. Mai präsentierte Stefan Thums, Leiter des Bayerischen Landesamts für Maß und Gewicht, dem Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler im Bayerischen Landtag, Florian Streibl, sowie Theresa von Hassel von der Bayerischen GemeindeZeitung die historische „Mutter einer bayerischen Mass“.
Bereits 1809 führte König Max I. Joseph ein einheitliches Maß- und Gewichtssystem für Bayern ein. Ziel war es, das Chaos unterschiedlichster regionaler Maße zu beenden und Handel sowie Verwaltung zu vereinfachen. Die berühmte „Bayerische Maß“ fasste damals allerdings nicht exakt einen Liter, sondern stolze 1,069 Liter Bier. Mit der Industrialisierung und der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtung deutscher Staaten wuchs jedoch der Druck zur Vereinheitlichung.
Einzug des metrischen Systems
König Ludwig II. unterzeichnete schließlich die „Königlich Bayerische Maß- und Gewichtsordnung“, die am 1. Januar 1872 in Kraft trat. Seitdem gilt auch in Bayern das metrische System mit dem Liter als offizieller Maßeinheit.

Für viele Bayern bedeutete das allerdings vor allem eines: weniger Bier. Denn mit der Umstellung schrumpfte die Maß offiziell um 6,9 Zentiliter, fast ein Stamperl weniger. Im Volksmund war deshalb schnell vom „Schluck, den uns Bismarck gestohlen hat“ die Rede. Tatsächlich hatte Otto von Bismarck damit persönlich zwar nichts zu tun. Die Vereinheitlichung der Maße wurde jedoch im Zuge der deutschen Einigungs- und Wirtschaftsbewegung stark durch Preußen vorangetrieben und damit indirekt auch durch den politischen Einfluss Bismarcks geprägt.
Besonders anschaulich wird diese Geschichte an alten Bierkrügen: Manche erhielten damals tatsächlich zwei Eichstriche, einen für die ursprüngliche bayerische Maß und einen für das neue Reichsmaß.
Basis: Präzise Messungen
Der Welttag der Metrologie erinnert heute daran, wie wichtig verlässliche Messungen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sind. Unter dem Motto „Metrologie: Vertrauen aufbauen für die Politikgestaltung“ verweist Thums darauf, dass präzise Messungen nicht nur im Alltag, sondern auch für technische Innovationen, Energiewende und Forschung unverzichtbar sind.
Und wenn wir schon beim exakten Messen sind: In Bayern gibt es nun zwar keinen Unterschied mehr zwischen der Maß und dem Liter, aber sehr wohl zwischen „die Maß“ und „das Maß“. Während „das Maß“ für Präzision und Eichung steht, ist „die Maß“ bis heute ein Stück bayerisches Lebensgefühl.