76. Sudetendeutscher Tag in Brünn: Historisches Signal
von Doris Kirchner

81 Jahre nach Kriegsende trafen sich die Sudetendeutschen auf Einladung Tschechiens erstmals in der alten Heimat. Im Zentrum des 76. Sudetendeutschen Tages in Brünn stand das gemeinsame Gedenken an die Opfer der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Rund 1.300 Menschen beteiligten sich an einem Versöhnungsmarsch, der am Standort eines Massengrabs in Pohorelice, rund 25 Kilometer südlich von Brünn, begann. Der Gedenkakt mit Kranzniederlegung fand erstmals im Rahmen des Sudetendeutschen Tages statt. Bayerns Sozialministerin und Schirmherrschaftsministerin der Sudetendeutschen, Ulrike Scharf, erinnerte dabei an die Bedeutung des Erinnerns: „Das Massengrab steht für die unfassbaren Schrecken von Flucht und Vertreibung.“ Erinnerung sei nicht rückwärtsgewandt, sondern richtungsweisend. Der gemeinsame Friedensmarsch von Deutschen und Tschechen sei ein starkes Zeichen für Versöhnung, Dialog und Verantwortung.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt erinnerte ebenfalls an das Leid der Vergangenheit: „Die Gräber, an denen wir heute symbolisch stehen, sind Zeugen tiefen menschlichen Leids.“ Dobrindt würdigte die Organisatoren des Dialogfestivals „Meeting Brno“ als echte Brückenbauer. Versöhnung setze Mut voraus und die Bereitschaft, einander zuzuhören. Zugleich betonte der Minister, dass es nicht darum gehe, Schuld gegeneinander aufzurechnen. Die europäische Freundschaft sei vielmehr ein Schutzwall gegen neuen Nationalismus.
Beim traditionellen Pfingsttreffen der Vertriebenen auf dem Brünner Messegelände bezeichnete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die Veranstaltung als „großes Friedensfest“ und sprach von einem „historischen Signal“. Der Sprecher der Sudetendeutschen, Bernd Posselt, erklärte: „Unsere Botschaft ist keine Botschaft des Hasses, sondern der Liebe.“ Der CSU-Politiker unterstrich zudem, dass man nicht gekommen sei, um Forderungen zu stellen, sondern um etwas zu geben.
Im Rahmen der Veranstaltung erhielt der tschechische Schriftsteller und frühere Dissident Milan Uhde den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Posselt würdigte ihn als „großen Europäer und engen Freund der Sudetendeutschen“. Der heute 89-Jährige war unter anderem Kulturminister, Parlamentspräsident und Mitunterzeichner der Bürgerrechtsinitiative Charta 77 um den späteren Präsidenten Václav Havel.
Söder zufolge sind Bayern und Tschechien nach dem Ende des Kalten Krieges wieder zu dem geworden, was sie einst waren: das Herz Europas. Gleichzeitig sprach er sich deutlich gegen Nationalismus, Ressentiments, gegenseitige Angriffe und antidemokratische Entwicklungen aus.