Jahrespressekonferenz 2026 der Bayernwerk AG: Neue Spielregeln im Energiesystem
von Doris Kirchner

Trotz wachsender Herausforderungen sieht die Bayernwerk AG den Freistaat bei der Energiewende auf einem stabilen Kurs. Auf der Jahrespressekonferenz 2026 wies Vorstandsvorsitzender Dr. Egon Leo Westphal darauf hin, dass eine sichere, resiliente und nachhaltige Energieversorgung zunehmend zur Grundlage für Wirtschaftskraft, Digitalisierung und gesellschaftliche Entwicklung im Freistaat werde. Die Energiewende sei längst kein reines Branchenthema mehr, sondern eine zentrale Zukunftsfrage für Bayern.
Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet nach Angaben des Unternehmens weiter mit hohem Tempo voran. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 2.330 Megawatt neue Photovoltaik-Leistung an das Bayernwerk-Netz angeschlossen. Insgesamt speisen inzwischen rund 640.000 Erneuerbare-Energien-Anlagen mit fast 24.000 Megawatt Leistung direkt in das Netz ein. Der Schwerpunkt liegt weiterhin auf Solarenergie. Gleichzeitig gewinnt auch die Windkraft an Bedeutung: Für neue Windkraftprojekte mit rund 5.500 Megawatt Leistung wurden bereits Einspeisezusagen erteilt.
Parallel dazu investiert das Bayernwerk massiv in den Ausbau der Netzinfrastruktur. 15 neue Umspannwerke sowie insgesamt rund 3.400 Kilometer neue Stromleitungen wurden 2025 errichtet. Zudem schreitet die Digitalisierung des Stromnetzes voran. Tausende digitale Ortsnetzstationen und Smart Meter sollen helfen, Stromflüsse besser zu steuern und Netzkapazitäten effizienter zu nutzen.
Versorgungssicherheit
Nach Einschätzung des Unternehmens ist die Versorgungssicherheit derzeit gewährleistet. Trotz immer höherer Einspeisemengen arbeite das Stromnetz stabil. Einspeisespitzen von rund 13.000 Megawatt könnten inzwischen bewältigt werden, obwohl die bisherige Höchstlast im Netzgebiet bei etwa 8.000 Megawatt liege. Befürchtungen über regionale Stromabschaltungen („Brown-Outs“) sieht das Bayernwerk aktuell nicht.
Westphal zufolge tritt die Energiewende nun in eine entscheidende neue Phase ein. Während die erste „Halbzeit“ vom massiven Ausbau erneuerbarer Energien geprägt gewesen sei, beginne nun der Umbau des gesamten Energiesystems. Dabei werde die Herausforderung deutlich komplexer. „In der zweiten Halbzeit wollen wir unsere Rolle als Spielgestalter und Spielmacher der bayerischen Energiezukunft weiter ausbauen“, erläuterte der Vorstandschef.
Strombedarf wächst
Bis 2045 erwartet das Bayernwerk eine Verdreifachung der erneuerbaren Erzeugungsleistung im Freistaat. Gleichzeitig werde sich der Stromverbrauch nach Einschätzung des Unternehmens verdoppeln. Gründe dafür seien vor allem die zunehmende Elektrifizierung von Industrie, Verkehr und Wärmeversorgung sowie der wachsende Energiebedarf der Digitalisierung.
Besonders dynamisch entwickelt sich laut Westphal der Bereich der Rechenzentren. Derzeit lägen rund 40 Anfragen für neue Rechenzentren mit einem Gesamtleistungsbedarf von etwa 6.000 Megawatt vor. Schwerpunkte seien vor allem die Regionen München sowie Würzburg und Aschaffenburg. Exemplarisch nannte der Vorstand das geplante Projekt „Blue Swan“, eine KI-Gigafactory, mit der Bayern sich um ein europäisches Förderprojekt bewerben wolle.
Eine Schlüsselrolle im neuen Energiesystem sollen Speichertechnologien übernehmen. „Wir haben aktuell 79 Zusagen mit einer Leistung von 540 Megawatt für größere Grünstromspeicher erteilt. In Summe haben wir heute bereits über 3.000 Megawatt Speicherleistung an unserem Netz, vom Kleinspeicher bis zum Großspeicher. Bei Speicherleistung gehen wir stramm auf 50 Prozent unserer 8.000 Megawatt-Spitzenlast im gesamten Bayernwerk-Netzgebiet zu. Im Verhältnis zwischen Speicherleistung und der Spitzenlast im Bezug ist das ein höherer Wert als im Energieland Kalifornien, das häufig als Vorbild genannt wird. Das Speicherland Bayern blüht auf“, unterstrich Westphal, warnte aber auch vor überzogenen Erwartungen: Beim Ausbau von Großspeichern im öffentlichen Netz müsse man sorgfältig vorgehen, da diese mit dem Netz interagieren. Hier seien noch Regelungen erforderlich, die über das Bayernwerk hinausgehen.
Künftig muss aus Westphals Sicht stärker unterschieden werden, ob Anlagen netzdienlich, netzneutral oder netzbelastend wirken. Zudem sprach er sich für eine klare Priorisierung bei der Vergabe von Netzkapazitäten aus. Das bisherige „Windhundprinzip“ – wer zuerst kommt, erhält den Zuschlag – sei angesichts knapper Netzressourcen nicht mehr zeitgemäß.
Auch neue technische Konzepte sollen helfen, vorhandene Infrastruktur effizienter zu nutzen. Dazu zählen sogenannte Einspeisesteckdosen sowie die „Überbauung“ bestehender Netzanschlüsse. Letzteres ermöglicht beispielsweise, zusätzliche Windkraftanlagen an bereits vorhandene Anschlusspunkte von Solaranlagen anzubinden. Mit dem digitalen Tool „Snap Pro“ vermittelt Bayernwerk dafür passende Partner und Netzanschlüsse. Nach Unternehmensangaben sind bereits 60 Megawatt überbaute Leistung in Betrieb.
Ein weiteres Zukunftsthema ist das bidirektionale Laden von Elektroautos. Gemeinsam mit BMW testet Bayernwerk derzeit Fahrzeuge, die Strom nicht nur laden, sondern bei Bedarf auch wieder ins Netz zurückspeisen können. Dadurch könnten Elektroautos künftig als flexible Speicher Teil des Energiesystems werden.
Grundsätzlich sieht Bayernwerk große Chancen in einem dezentralen Energiesystem. „Wir brauchen eine klare und neue Rollenverteilung. Und das machen wir mit unserem Gartenzaun-Prinzip. Damit erweitern wir unser Flower-Power-Konzept und bringen Ordnung ins Spiel zurück“, erklärte Westphal. „Vor dem Gartenzaun ist das öffentliche Netz. Innerhalb des Gartenzauns ist die Spielwiese der Kunden. Diese können sich dort energetisch nach ihren Plänen aufstellen und optimieren. Aber nur bis zum Gartenzaun. Dort beginnt mit dem Netzanschlusspunkt das öffentliche Netz. Ab hier gelten die technischen Spielregeln des öffentlichen Energiesystems.“ Dies schaffe Freiheiten auf Kundenseite, klare Schnittstellen und klare Verantwortlichkeiten im Energiesystem.
Milliardeninvestitionen
Nach Angaben von Finanzvorständin Daniela Groher hat die Bayernwerk AG bereits im Jahr 2022 auf die wachsenden Anforderungen der Energiewende mit einem konsequenten Wachstumskurs reagiert und setzt diesen nun weiter fort. „Schon im vergangenen Jahr haben wir beim Budget die Marke von zwei Milliarden Euro überschritten“, erklärte Groher. Für das Jahr 2026 plane das Unternehmen Investitionen von knapp 2,2 Milliarden Euro. In den Folgejahren sollen die Ausgaben weiter steigen.
Insgesamt plant die Bayernwerk-Gruppe zwischen 2026 und 2030 Investitionen von rund zwölf Milliarden Euro in die Energieinfrastruktur und die Energiewende in Bayern. Das Wachstum des Unternehmens habe zugleich positive Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft. Laut einer unternehmenseigenen Studie fließen durch die Geschäftstätigkeit des Bayernwerks jährlich rund 300 Millionen Euro in die öffentlichen Haushalte Bayerns. Zudem vergebe das Unternehmen nach Möglichkeit Aufträge an Firmen aus dem Freistaat. „Von jedem Euro, den wir ausgeben, bleiben 64 Cent in Bayern“, bemerkte Groher.
Wie Personal- und Marktvorstand Albert Zettl darlegte, baue das Unternehmen seine Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz angesichts wachsender klimatischer, politischer und sicherheitsrelevanter Herausforderungen weiter aus. „Wir erleben die Auswirkungen des Klimawandels etwa durch das extreme Hochwasser 2024 in den Landkreisen Pfaffenhofen a. d. Ilm und Neuburg-Schrobenhausen. Gleichzeitig sehen wir Angriffe auf kritische Infrastrukturen wie zuletzt in Berlin. Sicherheit, Stabilität und Resilienz gehören daher zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit“, so Zettl.
Das Unternehmen betrachtet das Thema Resilienz dabei nicht nur unter dem Aspekt des Klimaschutzes, sondern auch mit Blick auf mögliche physische Angriffe auf die Energieversorgung. Bayernwerk arbeitet dazu eng mit Sicherheitsbehörden, der Bundeswehr sowie Einsatz- und Hilfsorganisationen zusammen, überprüft bestehende Schutzkonzepte und setzt verstärkt auf Schulungen und Präventionsmaßnahmen. Zudem trage die regionale Verankerung vieler Beschäftigter, unter anderem durch ehrenamtliches Engagement bei Feuerwehr oder THW, wesentlich zur Krisenvorsorge bei.
Zettl informierte schließlich über die Aktivitäten der wettbewerblichen Tochtergesellschaften des Bayernwerks. Diese unterstützen Industrie, Gewerbe und Kommunen bei der Transformation in die neue Energiewelt. Zu den aktuellen Projekten zählen unter anderem ein Biomasseheizwerk für BMW in Dingolfing, Dekarbonisierungsvorhaben an Standorten der Bundeswehr sowie kommunale Wärmeprojekte wie die neue Wärmeversorgung in Haar.