Kommunales VorsorgeForum von Versicherungskammer Bayern und Bayerischer GemeindeZeitung diskutiert Resilienz, Gesundheitsversorgung und Prävention: Vorsorge ist mehr als eine Frage der Gesundheit

GZ Ausgabe GZ-20-2026 vom 22. Oktober 2026 | Bildung, Betreuung & Gesundheit
von Constanze von Hassel
Podiumsdiskussion
V. l.: Constanze von Hassel, Martin Fleischer, Prof. Dr. med. Sven Vetter und Landrat Stefan Löwl. Bild: Jessica Kassner

München. Wie bleiben Menschen, Kommunen und Versorgungssysteme auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig? Beim Kommunalen VorsorgeForum 2026, das die Versicherungskammer Bayern gemeinsam mit der Bayerischen GemeindeZeitung veranstaltete, reichte die Diskussion von persönlicher Resilienz über krisenfeste Krankenhäuser und Rettungsdienste bis zur ärztlichen Versorgung auf dem Land. Martin Fleischer, Vorstand der Bayerischen Beamtenkrankenkasse AG, und Hauptabteilungsleiter Christian Geiling begrüßten die Teilnehmer.

Alexander Juli von der Versicherungskammer Bayern eröffnete das Fachprogramm mit dem Thema Resilienz im Berufsalltag. Diese lasse sich nicht in einem sechsstündigen Workshop erlernen, sondern verlange Reflexion und die Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen. Zwei Faktoren stellte Juli heraus: die Realität anzuerkennen und Zuversicht zu bewahren. Sein Appell an die kommunalen Vertreter: „Erkennen Sie an, welche Probleme die Bürger wirklich haben. Verbreiten Sie Zuversicht, diese Probleme gelöst zu bekommen.“

Prof. Dr. med. Sven Vetter von der BG Klinik Ludwigshafen weitete den Blick auf die Resilienz von Krankenhäusern. Cyberangriffe, Strom- oder Wasserausfälle, Hitze, fehlende Medikamente und mögliche Großschadenslagen verlangten Vorbereitung, klare Zuständigkeiten und regelmäßige Übungen. Resilienz sei nicht zum Nulltarif zu haben: Krankenhäuser benötigten dafür Personal, technische Redundanzen und entsprechende Investitionen. Auch die Beschäftigten müssten auf Krisen vorbereitet werden.

Wie Risiken in der medizinischen Behandlung vermieden und die Folgen schwerer Gesundheitsschäden begrenzt werden können, erläuterten Gabriele Seebauer und Corinna Mauermayer von MediRisk Bayern. Seit 1998 wurden mehr als 150 Kliniken im Risikomanagement begleitet. Im Reha-Management wurden mehr als 1.000 Menschen betreut – zum Teil über Jahre mit dem Ziel, sie wieder in Alltag und Beruf zu integrieren oder eine bestmögliche Pflege zu organisieren.

„Nicht unser Arzt, unsere Praxis“

Bahar Ucar vom Genossenschaftsverband Bayern stellte das genossenschaftliche Medizinische Versorgungszentrum als mögliches Nachfolgemodell für Arztpraxen vor. Gerade im ländlichen Raum gehe es nicht allein um die Frage, wie ein neuer Arzt ins Dorf komme, sondern darum, „wie die Praxis im Dorf bleibt“. Kommune, Ärzte und Genossenschaft teilen sich dabei Verantwortung und Aufgaben. Das Modell ermöglicht angestellten Ärzten flexible Arbeitsformen, während die Praxis dauerhaft vor Ort erhalten werden kann.

Julija Barisic von der Smartes Land GmbH zeigte mit der App StadtLand.Funk, wie kommunale Kommunikation zur Resilienz beitragen kann. Kommunen, Vereine und Blaulichtorganisationen können darüber ihre Informationen bündeln. Wichtig sei, einen solchen Kanal nicht erst in der Krise aufzubauen, sondern bereits im Alltag zu etablieren. In Bayern wird die Anwendung nach ihren Angaben bereits von 260 Kommunen genutzt.

Josef Pemmerl vom Malteser Rettungsdienst stellte die Frage, ob man den bayerischen Rettungsdienst heute noch einmal genauso aufbauen würde. Für ein belastbares System brauche es unter anderem Reserven bei Personal, Fahrzeugen und Material, mehr Flexibilität und eine bessere Vernetzung. Nicht für jeden Hilfesuchenden müsse automatisch ein Rettungswagen oder Notarzt eingesetzt werden. Telenotarzt, erweiterte Kompetenzen des Rettungsfachpersonals und eine bessere Steuerung könnten Ressourcen gezielter dorthin bringen, wo sie tatsächlich gebraucht werden.

Marco Gottwald von der Versicherungskammer Bayern nahm anschließend die Altersvorsorge in den Blick. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sprach er über das Verhältnis von staatlicher Absicherung und Eigenverantwortung. Die gesetzliche Rente könne Alterssicherung leisten, nicht aber für jeden den gewohnten Wohlstand garantieren. Neben privater Vorsorge hob Gottwald die betriebliche Altersversorgung hervor; Arbeitgeber könnten für Beschäftigte ein wichtiger und vertrauenswürdiger Zugang zur Vorsorge sein.

Wissen allein reicht nicht

In der abschließenden, von GZ-Redakteurin Constanze von Hassel moderierten Diskussion trafen mit Landrat Stefan Löwl, Prof. Sven Vetter und Martin Fleischer kommunale, medizinische und versicherungswirtschaftliche Sichtweisen aufeinander. Im Mittelpunkt stand die Frage, warum vorhandenes Wissen über Vorsorge so häufig nicht in konkretes Handeln mündet.

Löwl unterschied zwischen der Kommune als Arbeitgeber und ihrer Verantwortung gegenüber der Bevölkerung. Für die eigenen Beschäftigten könne ein Landratsamt mit betrieblichem Gesundheitsmanagement und Gesundheitstagen unmittelbar tätig werden. In der Fläche liege eine wichtige Aufgabe dagegen in der Vernetzung. Gesundheitsregionenplus sollen Ärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen, Apotheken, Hebammen und weitere Akteure zusammenbringen. Löwl verwies zugleich auf die angespannte Finanzlage der Kommunen: Für zusätzliche freiwillige Aufgaben fehlten vielerorts die Ressourcen.

Vetter plädierte dafür, mit Prävention wesentlich früher zu beginnen. Vorsorgeuntersuchungen im Erwachsenenalter seien nur ein Teil. Bewegung, Ernährung und Gesundheitswissen müssten bereits Kindern vermittelt werden. Investitionen in Prävention könnten sich Jahrzehnte später auszahlen. „Warum fangen wir nicht an bei den Menschen, die erst mit ihrem Leben beginnen?“, fragte Vetter. Auch die gebaute Umwelt spiele eine Rolle: Sichere Radwege und eine Infrastruktur, die Bewegung erleichtert, seien konkrete Beiträge zur Gesundheitsvorsorge.

Fleischer fasste Vorsorge weiter als rein medizinische Prävention. Dazu gehörten auch finanzielle sowie rechtlich-organisatorische Entscheidungen. Kommunen könnten helfen, den Zugang zu solchen Angeboten zu erleichtern. Besonders verwies er auf Ergebnisse einer Untersuchung zum Vorsorgeverhalten: Entscheidend sei nicht allein die soziale oder demografische Situation, sondern in hohem Maße die Einstellung zur eigenen Zukunft. Wer mit Zuversicht auf das Alter blicke, sei eher bereit, heute vorzusorgen.

Am Ende bestand Einigkeit, dass Prävention weder allein Sache des Einzelnen noch der Ärzte, Kommunen, Arbeitgeber oder Versicherer sein kann. Vetter forderte, bekannte Lösungen endlich auf den unterschiedlichen Ebenen umzusetzen. Fleischer brachte das Ziel auf eine knappe Formel: „Wir leben länger besser.“

Im Anschluss an das Kommunale VorsorgeForum feierte die Bayerische Beamtenkrankenkasse ihr 100-jähriges Bestehen. Auch beim Festakt stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich Gesundheit möglichst lange erhalten lässt. Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach warb dabei für einen grundlegenden Perspektivwechsel: weg von der „Reparaturversorgung“ und hin zu einer stärkeren Präventionskultur.

Zum Bericht über das 100-jährige Jubiläum der Bayerischen Beamtenkrankenkasse

Constanze von Hassel

Constanze von Hassel, Chefredakteurin

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