100 Jahre Bayerische Beamtenkrankenkasse: „Wir müssen weg von einer Reparaturversorgung“
von Constanze von Hassel

München. Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach fordert einen stärkeren Kurswechsel hin zur Prävention. „Wir müssen weg von einer Reparaturversorgung hin zu einer echten Präventionskultur“, sagte sie beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen der Bayerischen Beamtenkrankenkasse AG in München. Ein leistungsfähiges Gesundheitswesen dürfe nicht erst aktiv werden, wenn Menschen bereits erkrankt seien. Krankheiten müssten, wo möglich, verhindert, Risiken reduziert und Menschen dabei unterstützt werden, ihre Gesundheit möglichst lange zu erhalten.
Die Frage „Wie werde ich 100?“, unter der der Festabend stand, fasste Gerlach deshalb anders. Entscheidend sei weniger ein bestimmtes Lebensalter als eine möglichst lange Gesundheitsspanne, also viele Jahre gesund und selbstbestimmt leben zu können.
Prävention sei dabei keine gesundheitspolitische Zusatzaufgabe. Gerlach verband sie ausdrücklich mit Eigenverantwortung. Politik, Krankenkassen und andere Akteure könnten Angebote und geeignete Rahmenbedingungen schaffen; Entscheidungen über den eigenen Lebensstil könne dem Einzelnen jedoch niemand abnehmen. Voraussetzung dafür sei Gesundheitskompetenz. Zugleich betonte die Ministerin, dass sich selbstverständlich nicht jede Erkrankung durch persönliches Verhalten verhindern lasse.
Mit dem bayerischen Masterplan Prävention will der Freistaat die Vorsorge stärker in unterschiedlichen Lebensbereichen verankern. Er wurde gemeinsam mit mehr als 170 Partnern entwickelt und umfasst rund 250 Maßnahmen. Entscheidend sei nicht allein, Angebote bereitzustellen. Sie müssten die Menschen tatsächlich erreichen und zu ihrer Lebenssituation passen. Eine wichtige Chance sieht Gerlach dabei in der besseren Nutzung von Gesundheitsdaten. Die elektronische Patientenakte könne sich zu einer Art persönlichem Gesundheitsdatencockpit entwickeln, das Informationen bündelt und individuelle Hinweise ermöglicht.
Krankheit möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen, bezeichnete Gerlach als „Königsweg“ für gesetzliche wie private Krankenversicherungen. Die Bayerische Beamtenkrankenkasse würdigte sie als langjährigen Partner und warb dafür, Prävention auch in der privaten Krankenversicherung weiter zu stärken.
100 Jahre Bayerische Beamtenkrankenkasse
Vorstandsvorsitzender Klaus G. Leyh stellte in seinem Grußwort neben der wirtschaftlichen Stärke des Unternehmens vor allem die Menschen heraus, die dahinterstehen. Die Bayerische Beamtenkrankenkasse verzeichnet heute ein Beitragsvolumen von mehr als 2,3 Milliarden Euro und Kapitalanlagen von 13,8 Milliarden Euro. Gemeinsam mit der Union Krankenversicherung zählt sie zu den großen privaten Krankenversicherern in Deutschland. Mehr als zwei Millionen Menschen haben sich für eine Versicherung bei den Unternehmen entschieden.

Mehr als 750 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien heute für die Bayerische Beamtenkrankenkasse tätig. Ihre Arbeit verlange neben Fachwissen und Verantwortungsbewusstsein auch Einfühlungsvermögen. Denn hinter Versicherungsleistungen stünden häufig persönliche Schicksale. Ihnen dankte Leyh ausdrücklich für ihren Einsatz. Erfolg und Stabilität des Unternehmens beruhten auf Vertrauen und auf den Menschen, die dieses Vertrauen täglich einlösten.
Aufsichtsratsvorsitzende Isabella Martorell Naßl nahm das Jubiläum zum Anlass für einen Rückblick auf die Unternehmensgeschichte. Ausgangspunkt war ein Versicherungsschein aus dem Gründungsjahr 1926. Er stehe für ein Versprechen, das trotz aller Veränderungen bis heute gelte: für Menschen da zu sein, wenn sie Hilfe brauchen.
1924 entstand bei der Bayerischen Versicherungskammer zunächst die Krankenfürsorgekasse, 1926 wurde die „Krankenkasse für Staatsbeamte“ gegründet. Sie nahm ihre Tätigkeit mit zwei Beamten auf. Bereits im ersten Geschäftsjahr bestanden nach Martorell Naßls Angaben 117.361 Versicherungsverträge. Weltwirtschaftskrise, Diktatur und Krieg, Währungsreform, Wiederaufbau und Wiedervereinigung hätten das Unternehmen immer wieder vor neue Bedingungen gestellt.
Heute zeige sich der Wandel vor allem in der Digitalisierung. Mehr als 600.000 Versicherte nutzten die App „Mein GesundheitsManager“, mit Künstlicher Intelligenz kündige sich der nächste Technologiesprung an. Bei aller Technik dürfe der Mensch aber nicht aus dem Blick geraten: Hinter einer Rechnung stehe ein Mensch, hinter einem Leistungsfall möglicherweise eine Sorge und hinter einer Versicherungsnummer eine Lebensgeschichte.
Für Martorell Naßl hat dieser Rückblick auch eine persönliche Dimension. Seit 1998 ist sie mit der Bayerischen Beamtenkrankenkasse verbunden – zunächst als Mitarbeiterin und Abteilungsleiterin, später als Vorständin und Vorstandsvorsitzende, heute als Aufsichtsratsvorsitzende. Der Anspruch einer Krankenversicherung gehe inzwischen über das Prüfen von Rechnungen und die Kostenerstattung hinaus: Sie solle begleiten, Orientierung geben und Gesundheitspartner sein.

Warum Vorsorge oft nicht umgesetzt wird
Im anschließenden Gespräch mit Nina Ruge und Martin Fleischer, Mitglied des Vorstands der Bayerischen Beamtenkrankenkasse AG, ging es um die Lücke zwischen Wissen und Handeln. Fleischer verwies auf die Vorsorge „Langlebigkeit und Vorsorge“: Rund 80 Prozent der Befragten hielten Vorsorge für wichtig, nur etwa 40 Prozent setzten sie tatsächlich um. Auffällig sei die Bedeutung der Zukunftszuversicht. Wer positiv auf die kommenden Jahre blicke, sei eher bereit, heute etwas dafür zu tun.
Länger gesund statt einfach nur älter
Nina Ruge griff in ihrem Impulsvortrag zum Thema Longevity die Gesundheitsspanne auf. Ziel sei nicht allein, möglichst alt zu werden, sondern die von Krankheit und Einschränkungen geprägte Zeit am Lebensende zu verkürzen. Zugleich warnte sie vor wissenschaftlich nicht ausreichend belegten Versprechen auf dem wachsenden Longevity-Markt.
Dem Festakt vorausgegangen war das Kommunale VorsorgeForum 2026 von Versicherungskammer Bayern und Bayerischer GemeindeZeitung. Dort diskutierten Fachleute aus Kommunen, Medizin, Rettungswesen und Versicherungswirtschaft darüber, wie Vorsorge und Resilienz praktisch gestärkt werden können – von krisenfesten Krankenhäusern über die ärztliche Versorgung auf dem Land bis zur persönlichen und finanziellen Vorsorge.