Bayerns Baugewerbe schlägt Alarm: Fast jedes zweite Unternehmen bewertet Lage als schlecht
von Michael von Hassel

Die Stimmung im bayerischen Baugewerbe hat sich massiv eingetrübt. Besonders dramatisch ist die Situation im öffentlichen Hochbau: Dort sehen nur noch 2,5 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut an, während 76 Prozent von einer schlechten Lage sprechen. Insgesamt bewerten bayernweit lediglich 13,3 Prozent der Bauunternehmen ihre wirtschaftliche Situation positiv, knapp die Hälfte (49,8 Prozent) hingegen negativ. Das sind zentrale Ergebnisse der Frühjahrs-Konjunkturumfrage des Verbands des Bayerischen Baugewerbes (LBB), an der sich 278 mittelständische Betriebe beteiligt haben. Die Umfrage wurde im Presseclub München vorgestellt.
Verbandspräsident Georg Gerhäuser sprach bei der Pressekonferenz in München von einer „deutlichen Eintrübung“ der Geschäftslage. Besonders belastend wirkten sich die Folgen der aktuellen geopolitischen Krisen, steigende Energie- und Materialkosten sowie die schwache öffentliche Auftragslage aus. „Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz kommt offenbar so gut wie gar nicht in der Praxis an“, kritisierte Gerhäuser.
Öffentlicher Hochbau besonders betroffen
Vor allem der öffentliche Hochbau entwickelt sich zunehmend zum Sorgenkind der Branche. Mehr als 72 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Auftragsbestände dort als zu klein. Bei jedem zweiten Betrieb reichen die vorhandenen Aufträge nur noch für maximal sechs Wochen. Gleichzeitig erwarten 42,4 Prozent der Unternehmen in diesem Bereich in den kommenden sechs Monaten eine weitere Verschlechterung ihrer Geschäftslage.
Die Bauunternehmen kritisieren insbesondere, dass angekündigte staatliche Investitionsprogramme bislang kaum Wirkung entfalten. Laut Umfrage spüren drei Viertel der Betriebe keinerlei zusätzliche öffentliche Auftragsvergaben infolge des Sondervermögens Infrastruktur und Klimaschutz. Nur 2,9 Prozent berichten von einer tatsächlichen Zunahme. Diese Wahrnehmung decke sich mit aktuellen Studien, wonach bislang lediglich rund zwölf Prozent der Mittel auf kommunaler Ebene angekommen seien.
Dabei tragen die Kommunen nach Angaben des Verbands mehr als die Hälfte der öffentlichen Investitionslast. Angesichts eines bundesweiten kommunalen Investitionsstaus von rund 215 Milliarden Euro sei dies „eine niederschmetternde Bilanz“, so Demmel.
Hohe Kosten und fehlende Aufträge
Als größte Belastung nennen die Unternehmen fehlende Aufträge. Mehr als die Hälfte der Betriebe sieht darin die zentrale Wachstumsbremse. Hinzu kommen Fachkräftemangel, Lieferprobleme und deutlich steigende Einkaufspreise. 96,4 Prozent der Unternehmen berichten von höheren Materialkosten. Besonders betroffen seien Produkte aus Kunststoff, Bitumen und Beton.
Der Verband warnt davor, dass viele Unternehmen mittlerweile an ihre wirtschaftlichen Grenzen gehen. Um Beschäftigte halten zu können, würden Angebote teilweise sogar unter den tatsächlichen Kosten kalkuliert – besonders im öffentlichen Hochbau. „Da wird teilweise nicht mehr kostendeckend angeboten“, erklärte Gerhäuser. Hintergrund sei die Sorge, bei weiterem Personalabbau künftig nicht mehr genügend Fachkräfte für einen möglichen Aufschwung zu finden.
Trotz der schwierigen Lage wollen 73 Prozent der Betriebe ihren Personalbestand halten. Bemerkenswert ist zudem die hohe Ausbildungsbereitschaft: Rund ein Drittel der Unternehmen plant sogar, mehr Ausbildungsplätze anzubieten als im Vorjahr. Gleichzeitig bleiben viele Lehrstellen unbesetzt.
Wohnungsbau zeigt leichte Stabilisierung
Etwas differenzierter fällt der Blick auf den Wohnungsbau aus. Dort haben sich die Umfragewerte leicht verbessert. Zwar bewertet weiterhin fast die Hälfte der Unternehmen ihre Lage als schlecht, doch steigen die Baugenehmigungszahlen erstmals wieder moderat an. Im ersten Quartal 2026 wurden in Bayern rund zwölf Prozent mehr Wohnungen genehmigt als im Vorjahreszeitraum. Besonders stark fiel der Zuwachs bei Zwei- und Mehrfamilienhäusern aus. Allerdings mahnt der Verband zur Vorsicht: Zwischen Genehmigung und Fertigstellung lägen meist zwei Jahre oder mehr. Zudem würden längst nicht alle genehmigten Projekte tatsächlich umgesetzt. Der sogenannte Bauüberhang – also genehmigte, aber noch nicht fertiggestellte Wohnungen – liege in Bayern inzwischen bei über 182.000 Einheiten. Bei rund der Hälfte davon habe der Bau noch gar nicht begonnen.
Forderungen an die Politik
Der Verband fordert daher dringend politische Gegenmaßnahmen. Dazu gehören steuerliche Anreize für Selbstnutzer, vereinfachte Bauvorschriften sowie eine Absenkung der energetischen Standards im geförderten Wohnungsbau. Der derzeit vielfach geforderte EH40-Standard verursache erhebliche Mehrkosten, ohne einen entsprechend großen zusätzlichen Nutzen zu bringen. Stattdessen plädiert das Baugewerbe für pragmatischere Standards wie EH55.
Auch beim sogenannten Gebäudetyp E fordert die Branche mehr Tempo. Ziel sei es, kostengünstiger bauen zu können, ohne Qualitätsmängel zu riskieren. Allerdings bremsten rechtliche Unsicherheiten und überbordende Normen die Umsetzung. „Wir haben uns zu viele Vorschriften und zu viel Luxus aufgebaut“, sagte Gerhäuser.
Für die Kommunen bedeutet die Entwicklung eine schwierige Gemengelage: Einerseits wächst der Investitionsbedarf bei Infrastruktur, Schulen, Straßen und Wohnraum weiter. Andererseits fehlen vielerorts Planungskapazitäten, Finanzierungsspielräume und ausreichend wirtschaftliche Rahmenbedingungen für eine schnelle Umsetzung. Das bayerische Baugewerbe macht deutlich: Ohne spürbare Impulse droht sich die Krise am Bau weiter zu verschärfen.