Zu Gast bei: Dr. Dr. Kristina Becker, Erste Bürgermeisterin der Stadt Treuchtlingen

GZ Ausgabe GZ-17-2026 vom 10. September 2026 | GZ zu Gast bei...
von Constanze von Hassel
Dr. Dr. Kristina Becker, Erste Bürgermeisterin der Stadt Treuchtlingen. Bild: Dietmar Denger
Dr. Dr. Kristina Becker, Erste Bürgermeisterin der Stadt Treuchtlingen. Bild: Dietmar Denger

Welche Kommune vertreten Sie und wie viele Einwohner zählt sie?
Ich vertrete die Stadt Treuchtlingen mit rund 13.700 Einwohnerinnen und Einwohnern. Sie umfasst die Kernstadt und zwölf Ortsteile auf einer Fläche von 103 km².

Was macht Ihre Heimatkommune besonders lebenswert und was sollten Besucher dort unbedingt gesehen haben?
Treuchtlingen liegt am nordwestlichen Eingang zum Naturpark Altmühltal und verbindet eine hohe Lebensqualität mit einer sehr guten Verkehrsanbindung. Unser Bahnhof ist ein wichtiger Knotenpunkt und der einzige ICE-Halt im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Unser überregionaler „Leuchtturm“ ist die direkt an der Altmühl gelegene Altmühltherme. Sie wird aus einer eigenen, rund 700 Meter tiefen Thermalquelle gespeist. Angeschlossen sind ein Heilquellenkurbetrieb und ein großer, weitgehend naturbelassener Kurpark. Die abwechslungsreiche Landschaft mit vielen Rad- und Wanderwegen macht Treuchtlingen besonders lebenswert.

Seit wann sind Sie im Amt (und sind Sie haupt- oder ehrenamtlich tätig)?
Seit Mai 2020 bin ich hauptamtliche Erste Bürgermeisterin.

Welchen Beruf übten Sie vor Amtsantritt aus?
Ich war Partnerin einer Münchner Patentanwaltskanzlei.

Was hat Sie persönlich motiviert in die Kommunalpolitik zu gehen?
Ich wollte mich aktiv einbringen und die Entwicklung meiner Heimatstadt mitgestalten. Treuchtlingen steht zudem seit vielen Jahren vor schwierigen finanziellen Herausforderungen. An nachhaltigen Lösungen mitzuwirken und einen tragfähigen Weg für die Zukunft zu finden, war ein wesentlicher Grund für mein kommunalpolitisches Engagement.

Wie haben Sie sich auf Ihr Amt vorbereitet?
Vor meinem Amtsantritt war ich knapp sieben Jahre Mitglied des Stadtrats. Zwischen Wahl und Amtsantritt habe ich die Verantwortlichen in Stadtverwaltung, Stadtwerken und den städtischen Betrieben sowie die jeweils aktuellen Herausforderungen besser kennengelernt – soweit dies unter den Corona-Bedingungen möglich war. Zuhören und Lernen waren dabei besonders wichtig – und bleiben es bis heute.

Welche Herausforderungen standen zu Beginn Ihrer Amtszeit im Vordergrund?
Die ersten Jahre waren stark von der Corona-Pandemie und anschließend vom Ukraine-Krieg geprägt. Besonders belastend war die fast einjährige Schließung der Altmühltherme - keine Gäste/Einnahmen unter weitgehendem Vollbetrieb. Ein finanzieller Ausgleich wurde aufgrund der kommunalen Trägerschaft nicht gewährt. Nach Beginn des Ukraine-Krieges wurde eine große Schulturnhalle für knapp sechs Monate zur Unterbringung von Geflüchteten benötigt. Auch die Aufnahme und Integration zahlreicher Menschen beschäftigt uns seit 2022 intensiv und wird weiterhin eine wichtige kommunale Aufgabe bleiben.

Auf welches Projekt oder welche Entscheidung Ihrer Amtszeit sind Sie besonders stolz?
Mit der Öffentlich-Privaten Partnerschaft „Neue Energien Treuchtlingen GmbH“ haben wir die Planung und Genehmigung von zwei Windparks mit insgesamt 72 MW sowie zwei Photovoltaikparks mit knapp 30 MW umgesetzt. Die Realisierung und insbesondere die Netzanbindung bleiben allerdings anspruchsvoll.

Eine weitere wichtige Entscheidung war der Einstieg in eine konsequente Haushaltskonsolidierung. Nach knapp einjähriger Vorbereitung beschloss der Stadtrat 2024 erstmals einstimmig die Beantragung von Stabilisierungshilfen nach Art. 11 FAG. Auch die fortgeschriebenen Konsolidierungskonzepte wurden bislang über alle Fraktionsgrenzen hinweg einstimmig verabschiedet. Dieser Prozess wird uns noch mehrere Jahre begleiten

Welche Themen beschäftigen Sie aktuell?
Die Haushaltskonsolidierung bleibt ein zentrales Thema. Gleichzeitig müssen wir den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung umsetzen und dafür unsere Grundschule erweitern. Hinzu kommen mehrere Bahnbrückenprojekte, an denen wir über das Eisenbahnkreuzungsgesetz als Straßenbaulastträger notwendigerweise beteiligt sind. Im Bereich erneuerbare Energie fehlt es an Planungssicherheit, insbesondere bei Netzanschlüssen und ausreichenden Ausschreibungsmengen in Süddeutschland. Bereits genehmigte Projekte müssen auch tatsächlich umgesetzt werden können. Eine Möglichkeit liegt in der Ansiedlung energieintensiver Abnehmer wie Rechenzentren oder anderer strategisch wichtiger Gewerbe- und Industriebetriebe.

Mit welchen Themen möchten oder müssen Sie sich künftig auseinandersetzen?
Als ländliche Region müssen wir unsere Stärken ausbauen, etwa bei erneuerbaren Energien, Lebensmittelerzeugung, Tourismus und Naherholung. Gleichzeitig müssen wir dem demografischen Wandel, dem Verlust von Arbeitsplätzen und möglichen Defiziten bei ärztlicher Versorgung, Bildung und Verkehrsanbindung entgegenwirken. Auch die Versorgung örtlicher Unternehmen mit regional erzeugter, möglichst günstiger Energie, die Ansiedlung neuer Betriebe sowie Klimaanpassungsmaßnahmen werden künftig eine wichtige Rolle spielen.

Wie beziehen Sie Verwaltung, Gemeinderat und Bürgerschaft in Ihre Arbeit und Entscheidungsprozesse ein?
Mit den Führungskräften der Verwaltung und den Vorständen der städtischen Beteiligungen finden wöchentliche Abstimmungsgespräche statt. Der Stadtrat wird darüber fortlaufend informiert und entwickelt in Klausuren strategische sowie finanzielle Leitlinien. Bürgerinnen und Bürger werden über jährliche Bürgerversammlungen, das dreimal jährlich erscheinende Mitteilungsblatt und themenbezogene Informationsveranstaltungen einbezogen. Bei besonderen Fragestellungen nutzen wir zudem Bürgerbefragungen, Onlineformate und extern moderierte Beteiligungsverfahren.

Welchen Einfluss wird die Digitalisierung auf die künftige Kommunalpolitik haben?
Digitalisierung muss Verwaltungsprozesse effizienter machen und kann die interkommunale Zusammenarbeit stärken. Gleichzeitig müssen Kommunen ihre digitale Souveränität bewahren und Abhängigkeiten von einzelnen globalen Anbietern vermeiden. Dafür braucht es gemeinsame, standardbasierte Softwarelösungen und digital souveräne kommunale Rechenzentren. Gerade kleinere Kommunen benötigen dabei koordinierte Unterstützung durch Land und Bund.

Welchen Rat geben Sie jungen Kolleginnen und Kollegen?
Bleibt mit den Bürgerinnen und Bürgern im engen Austausch, bewahrt Neugier und Optimismus, bezieht klar Stellung und habt den Mut, schwierige Themen anzusprechen. Schaut über den eigenen Kirchturm hinaus und behaltet bei allem das große Ganze im Blick.

Constanze von Hassel

Constanze von Hassel, Chefredakteurin

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