Bayerische Verwaltungsschule: Was Bayerns Bürger jetzt fordern
von Constanze von Hassel

Kommunale Verwaltung unter Erwartungsdruck - Nach den Kommunalwahlen stehen die Mandatsträger vor den konkreten Herausforderungen ihrer Amtszeit: Wahlversprechen müssen eingelöst, Erwartungen erfüllt werden. Das erstmalig veröffentlichte BVS-Stimmungsbarometer 2026 zeigt ein klares Bild: Die Bürger sind mit ihrer Verwaltung überwiegend zufrieden, formulieren aber gleichzeitig konkrete Anforderungen. Digitalisierung soll verständlich und sicher sein und Entscheidungen transparenter werden. GZ-Chefredakteurin Constanze von Hassel sprach mit Hans-Christian Witthauer, Vorstand der Bayerischen Verwaltungsschule (BVS), über zentrale Erkenntnisse aus der Befragung und konkrete Ansatzpunkte für die Praxis.
GZ: Herr Witthauer, wenn Sie die Ergebnisse des Stimmungsbarometers auf einen Punkt bringen müssten: Was erwarten die Bürger aktuell am meisten von ihrer Verwaltung?
Hans-Christian Witthauer: Wenn man es wirklich zuspitzt, dann ist es Transparenz in der Kommunikation. Viele Bürger wollen besser verstehen, wie Entscheidungen zustande kommen, was auf kommunaler Ebene passiert und wer eigentlich wofür verantwortlich ist. Dieses Bedürfnis nach Einordnung und Nachvollziehbarkeit ist sehr ausgeprägt und wird in Zukunft noch wichtiger werden.
GZ: Die Offenheit gegenüber Digitalisierung ist groß, die Nutzung bleibt aber gering. Woran liegt das?
Witthauer: Das hat mehrere Ursachen. Ein zentraler Punkt ist, dass wir in Deutschland noch immer mit uneinheitlichen Strukturen und Standards arbeiten. Das führt zu Medienbrüchen und komplizierten Abläufen. Gleichzeitig müssen auch die Verwaltungen selbst weiter investieren, sowohl in Angebote als auch in die Qualifikation ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Und ganz entscheidend: Digitalisierung funktioniert nur dann wirklich gut, wenn man Prozesse neu denkt. Wenn man analoge Abläufe eins zu eins digital abbildet, entsteht oft genau das, was viele Bürger frustriert.
GZ: Viele befürworten KI, gleichzeitig gibt es Sorgen und den Wunsch nach Transparenz. Wie kann man dieses Spannungsfeld lösen?
Witthauer: Indem man offen damit umgeht. KI wird in der Verwaltung vor allem dort helfen, wo es um standardisierte Prozesse geht, also prüfen, vorsortieren, unterstützen. Aber die Entscheidung selbst wird auch künftig beim Menschen liegen.
Genau das muss man den Bürgern erklären. Wenn klar ist, dass Technik unterstützt und nicht ersetzt, dann wächst auch das Vertrauen. Angst entsteht meist dort, wo Dinge intransparent bleiben.
GZ: Auffällig ist, dass sich nicht die Älteren, sondern oft die mittleren Altersgruppen überfordert fühlen. Warum?
Witthauer: Weil genau diese Gruppe die Angebote am intensivsten nutzt und gleichzeitig unter Zeitdruck steht. Wer arbeitet, Familie hat und wenig Zeit, erwartet einfache, funktionierende Lösungen.
Das bedeutet für Kommunen: Angebote müssen intuitiv und niedrigschwellig sein. Im besten Fall so einfach wie eine Online-Bestellung. Niemand sollte sich erst durch komplexe Prozesse kämpfen müssen, um eine Verwaltungsleistung in Anspruch zu nehmen.
GZ: Viele Bürger wissen nicht, wie Entscheidungen in der Kommune zustande kommen. Was bedeutet das für die Kommunikation vor Ort?
Witthauer: Kommunikation hat sich grundlegend verändert. Früher reichte oft die Tageszeitung, heute müssen Kommunen dort präsent sein, wo sich die Menschen informieren, also auch digital und in sozialen Medien.
Information ist Hol- und Bringschuld
Gleichzeitig gilt: Information ist immer eine Kombination aus Hol- und Bringschuld. Aber die Verwaltung muss stärker als früher aktiv erklären, einordnen und sichtbar machen, was sie tut. Das kann über Bürger-Apps, Social Media oder auch über verständliche Formate wie kurze Erklärvideos geschehen.
GZ: Die Zufriedenheit mit Behörden ist hoch, gleichzeitig werden Öffnungszeiten kritisiert. Wie passt das zusammen?
Witthauer: Das zeigt sehr gut den Wandel, in dem wir uns befinden. Die klassische Verwaltung funktioniert, aber sie passt nicht mehr vollständig zu den Lebensrealitäten der Bürger.
Die Zukunft wird daher ein Mix sein: mehr digitale Angebote für maximale Flexibilität und gleichzeitig persönliche Ansprechpartner für diejenigen, die sie brauchen oder wünschen. Wichtig ist, dass beide Welten zusammengedacht werden.
Fördermittelmanagement
GZ: Viele Bürger glauben, dass Fördermittel nicht ausreichend genutzt werden. Woran liegt das?
Witthauer: Förderverfahren sind oft schlicht sehr komplex. Das ist weniger ein strukturelles Problem der Kommunen als vielmehr eine Herausforderung des Systems insgesamt.
Deshalb ist es wichtig, dass es vor Ort Menschen gibt, die sich damit auskennen. Genau hier setzen wir als BVS mit unseren Angeboten an: etwa im Bereich Fördermittelmanagement und Antragstellung.
GZ: Zum Abschluss: Was sollten neu gewählte Bürgermeister in den ersten 100 Tagen unbedingt angehen?
Witthauer: Ganz klar: Kommunikation zur Priorität machen.
Entscheidungen erklären, Hintergründe transparent machen, auch dann, wenn sie unbequem sind. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass alle Entscheidungen populär sind, sondern dadurch, dass sie nachvollziehbar sind.
Ein Bürgermeister hat es einmal sehr treffend formuliert: Man sollte jede Entscheidung so treffen, dass man sie auf dem Marktplatz erklären kann. Ich glaube, das bringt es auf den Punkt.
Über die Bayerische Verwaltungsschule (BVS)
Die Bayerische Verwaltungsschule ist seit über 100 Jahren zentrale Bildungs- und Kompetenzpartnerin für die öffentliche Verwaltung im Freistaat. Sie qualifiziert Beschäftigte und Führungskräfte praxisnah – von rechtlichen Grundlagen über Digitalisierung bis hin zu Führung und Organisation – und unterstützt Kommunen dabei, leistungsfähig, bürgernah und zukunftssicher zu bleiben.
Das BVS-Stimmungsbarometer 2026 ist abrufbar unter: https://www.bvs.de/umfrage.