Ruhpolding steuert ein Bürgermeister mit ungewöhnlichem Erfahrungsschatz durch anspruchsvolle Zeiten: Vom Cockpit ins Rathaus
von Constanze von Hassel

Wer Justus Pfeifer begegnet, merkt schnell: Hier sitzt kein typischer Verwaltungschef. Der Ruhpoldinger Bürgermeister spricht mit derselben Leidenschaft über Kampfjets wie über Kinderbetreuung, Tourismus oder kommunale Finanzen. Seine Zeit als Luftwaffenoffizier prägt ihn bis heute – im Umgang mit Krisen ebenso wie bei der Führung seiner Mitarbeiter. Sein Antrieb: die Heimat ein Stück besser machen.
Bürgermeister einer Gemeinde mit 7.200 Einwohnern klingt zunächst überschaubar. Tatsächlich verantwortet Justus Pfeifer einen Haushalt von rund 30 Millionen Euro, ein kommunales Heizwerk, das Erlebnis- und Wellnessbad Vita Alpina sowie die weltbekannte Chiemgau Arena. Der heute 36-Jährige engagierte sich bereits als Jugendlicher in der Kommunalpolitik, war Mitglied des Gemeinderats und schlug zugleich eine militärische Laufbahn ein, die ihn bis nach Amerika führte. Als Tornado-Pilot der Bundeswehr lernte er, unter Druck Entscheidungen zu treffen, Risiken abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen – Fähigkeiten, die ihm heute im Bürgermeisteramt zugutekommen.
Pfeifer bezeichnet sich selbst als Patriot, allerdings nicht im engen Sinne. Seine Begeisterung gilt Bayern, Deutschland und Europa gleichermaßen. Für ihn bedeutet Patriotismus vor allem, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Bürgermeister zu werden, sei deshalb kein Bruch mit seiner früheren Laufbahn gewesen, sondern deren logische Fortsetzung. Diese Haltung prägt auch seinen Führungsstil. Im Rathaus hat Pfeifer eine Kultur etabliert, die er aus der Luftwaffe kennt. Fehler werden offen angesprochen, öffentliche Schuldzuweisungen lehnt er ab. Nach außen stehen Bürgermeister und Verwaltungsleitung vor den Mitarbeitern. Wer Verantwortung übernehmen soll, müsse die Sicherheit haben, bei Fehlern nicht allein dazustehen. Nur so entstünden Vertrauen und Eigenverantwortung.

Der Waldbrand am Saurüsselkopf
Dann kam der Frühling 2026. Als am Saurüsselkopf ein Großbrand ausbrach, rückte Ruhpolding schlagartig in den Fokus der Öffentlichkeit. Es war der größte Waldbrand in Bayern seit rund einem halben Jahrhundert. Für Pfeifer war das nicht nur eine Bewährungsprobe als Bürgermeister, sondern auch ein Moment, in dem sich die Erfahrungen aus seiner Zeit als Offizier auszahlten: Ruhe bewahren, Prioritäten setzen und Entscheidungen treffen. Bis heute beschäftigt ihn dabei vor allem die Frage, warum wertvolle Zeit verloren ging.
Seine Forderung ist eindeutig: Wenn Bürgermeister, Feuerwehrkommandant, Kreisbrandrat und Landrat gemeinsam feststellen, dass ein Großgerät benötigt wird, „dann brauchen wir einen Hubschrauber mit Löschtank, und zwar sofort“. Bürokratische und vor allem finanzielle Hürden dürften einer schnellen Reaktion nicht im Weg stehen. Insbesondere, wenn es sich um eine kleine finanzschwache Kommune handelt. Gleichzeitig erinnert er sich vor allem an den außergewöhnlichen Zusammenhalt. Feuerwehren, Bergwacht, Bundeswehr, Arbeitgeber, Hoteliers und zahlreiche Bürger hätten bewiesen, welche Kraft eine Gemeinschaft entfalten kann, wenn es darauf ankommt.
Während Ausnahmesituationen wie der Brand am Saurüsselkopf viel Aufmerksamkeit erzeugen, entscheidet sich die Zukunft Ruhpoldings vor allem im kommunalen Alltag. Ruhpolding verfügt über eine Infrastruktur, die für eine Gemeinde mit rund 7.200 Einwohnern außergewöhnlich umfangreich ist. Dazu gehören die Chiemgau Arena, in der jährlich der Biathlon-Weltcup stattfindet, das Erlebnis- und Wellnessbad Vita Alpina, eine Dreifachturnhalle, eine Eishalle sowie das kommunale Heizwerk. Einrichtungen, die Lebensqualität schaffen, zugleich aber erhebliche Investitionen erfordern.
Besonders das Vita Alpina steht für eine Entwicklung, die viele Kommunen beschäftigt. Schwimmbäder, Turnhallen und andere öffentliche Einrichtungen aus den 1970er-Jahren erreichen in den kommenden Jahren gleichzeitig ein Alter, in dem umfassende Sanierungen notwendig werden. Während die Anforderungen an die Kommunen wachsen, müssen jahrzehntealte Infrastrukturen modernisiert und finanziert werden.
Ein weiteres Zukunftsprojekt ist das kommunale Heizwerk. Die Gemeinde investiert seit Jahren in dessen Ausbau und Modernisierung. Für Pfeifer ist die Wärmeversorgung eine strategische Aufgabe der Daseinsvorsorge. Gleichzeitig warnt er davor, die Energiewende zu einfach zu denken. Gerade bei der Nutzung von Holz als Energieträger sieht er Zielkonflikte zwischen Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und Rohstoffverfügbarkeit. Sein Ansatz bleibt dabei typisch für den ehemaligen Piloten: Probleme nüchtern analysieren und pragmatische Lösungen suchen.
Zwischen Daseinsvorsorge und Finanzdruck: Ruhpoldings Weg in die Zukunft
Sorgen bereitet dem Bürgermeister vor allem die finanzielle Lage der Kommunen. Immer mehr Aufgaben würden von Bund und Ländern übertragen, während die Spielräume kleiner würden. Als Beispiel nennt Pfeifer den Ganztagsanspruch für Grundschulkinder. Was auf den ersten Blick nach einer Bildungsfrage klingt, wird vor Ort schnell zur Mobilitätsfrage. In Ruhpolding müsse dieselbe Busflotte künftig zusätzliche Schülerfahrten übernehmen. Busse, die bislang nach den Schulfahrten Wanderer und Urlaubsgäste zu beliebten Ausflugszielen brachten, stünden dann nur mehr für den Ganztagsbetrieb der offenen Ganztagesschule zur Verfügung. „Der Bus kann nur einmal fahren“, sagt Pfeifer. Für ihn verdeutlicht dieses Beispiel, dass politische Entscheidungen nicht an der Schultür enden, sondern ganz konkrete Folgen für Infrastruktur, Personal und kommunale Haushalte haben.
Gleichzeitig arbeitet Pfeifer daran, Ruhpolding wirtschaftlich breiter aufzustellen. Der Tourismus bleibt zwar das Fundament der Gemeinde, doch der Bürgermeister denkt weiter. Seine Vision ist ein Ort, der nicht nur Gäste anzieht, sondern auch hochqualifizierte Fachkräfte und innovative Unternehmen. Menschen sollen nicht mehr zwischen Karriere und Lebensqualität wählen müssen. Die einzigartige Kombination aus Natur, Familienfreundlichkeit, moderner Infrastruktur und hoher Lebensqualität sieht Pfeifer als große Chance für die Zukunft. Ruhpolding soll nicht nur ein attraktiver Urlaubsort bleiben, sondern auch ein Ort, an dem die nächste Generation gerne lebt, arbeitet und ihre Zukunft aufbaut. Ein weiterer Baustein hierfür ist der Campus Chiemgau – erst kürzlich eröffnete die Technische Hochschule Rosenheim einen Ableger in Ruhpolding. Studieren und Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Ein Konzept, das laut Pfeifer Zukunftsperspektiven schaffen kann.
Und warum sollte man Ruhpolding kennen? Die Antwort fällt überraschend aus. Nicht der Biathlon-Weltcup steht für den Bürgermeister im Mittelpunkt, obwohl er das internationale Aushängeschild des Ortes ist. Entscheidend sei die besondere Mischung aus Natur, Familienfreundlichkeit, Sport, Tradition und Gastfreundschaft. Viele Orte hätten einzelne dieser Qualitäten. Ruhpolding vereine sie alle auf engem Raum. Und vielleicht beschreibt genau das auch Justus Pfeifer selbst: Kampfpilot, Familienvater, Kommunalpolitiker und Krisenmanager. Einer, der Verantwortung nicht als Belastung, sondern als Auftrag versteht.
Die größte Herausforderung sieht er derzeit nicht im nächsten Waldbrand, sondern in den wachsenden Aufgaben der Kommunen bei gleichzeitig schrumpfenden finanziellen Spielräumen. Seine Sorge: Wenn Städte und Gemeinden ihre Leistungen nicht mehr in der gewohnten Qualität erbringen können, leidet das Vertrauen der Bürger in den Staat insgesamt. Die Kommune sei die politische Ebene, die die Menschen jeden Tag erleben – über Schulen, Straßen, Kinderbetreuung, Nahverkehr oder Freizeiteinrichtungen. Funktioniere das nicht mehr, wachse die Unzufriedenheit und damit auch die Gefahr, dass politische Ränder Zulauf erhalten. Für Pfeifer ist die Stärkung der Kommunen deshalb weit mehr als eine Finanzfrage; sie ist eine Frage der demokratischen Stabilität. Sein Appell richtet sich deshalb an Politik und Gesellschaft gleichermaßen: Große Aufgaben lassen sich nur bewältigen, wenn alle zusammenhelfen, um das sprichwörtliche Feuer zu löschen. Für Justus Pfeifer gilt dieses Prinzip nicht nur im Katastrophenschutz, sondern auch für die Zukunft der Kommunen.