Sulzemoos sichert sich strategische Entwicklungsfläche
von Constanze von Hassel

Gemeinde kauft Wittur-Campus und gewinnt neue Handlungsspielräume für Wirtschaft und Ortsentwicklung - Mit dem Erwerb des Wittur-Geländes im Ortsteil Wiedenzhausen hat die Gemeinde Sulzemoos eine Entscheidung getroffen, die weit über einen gewöhnlichen Immobilienkauf hinausgeht. Über ihr Kommunalunternehmen übernimmt sie die größte zusammenhängende Gewerbefläche im Ortsbereich und sichert sich damit langfristig Einfluss auf die Entwicklung eines wichtigen Wirtschaftsstandorts.
Das Areal umfasst rund 17.300 Quadratmeter Grundstücksfläche. Darauf befinden sich etwa 5.400 Quadratmeter Hallen- und rund 6.100 Quadratmeter Büroflächen sowie mehr als 100 Stellplätze. Verkäufer ist die Wittur Holding GmbH, ein international tätiger Anbieter von Komponenten und Systemen für die Aufzugsindustrie. Dem Abschluss gingen mehrere Monate intensiver Verhandlungen voraus, an denen neben der Gemeinde auch Vertreter von Wittur und des Hauptmieters Wilkes Bavaria beteiligt waren.
Gestaltungshoheit für die Zukunft
Für Bürgermeister Johannes Kneidl war vor allem die strategische Bedeutung des Areals ausschlaggebend. „Wir verfolgen seit Jahren das Ziel, unsere Entwicklung stärker selbst zu steuern. Dazu gehört auch, eine Immobilie von zentraler Bedeutung nicht aus der Hand zu geben“, erklärt er. Der Wittur-Standort befindet sich nicht in einem Gewerbegebiet, sondern mitten im Ortsteil Wiedenzhausen. Genau darin lag aus Sicht der Gemeinde die besondere Bedeutung des Erwerbs. Während vielerorts über Flächenknappheit, Innenentwicklung und den Verlust kommunaler Einflussmöglichkeiten diskutiert wird, entschied sich Sulzemoos für den direkten Weg und wurde selbst Eigentümer. „Eine vergleichbare Fläche gibt es in unserer Gemeinde nicht. Deshalb war es wichtig, diese Chance zu nutzen und die Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft zu sichern“, betont Kneidl. Der Gemeinderat habe den Erwerb deshalb als langfristige Investition in die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde bewertet. Der sogenannte Wittur-Campus prägt Wiedenzhausen seit den 1970er Jahren. Aus einem Hersteller von Aufzugtüren entwickelte sich dort die international tätige Wittur-Gruppe mit einem Jahresumsatz von zuletzt knapp einer Milliarde Euro. Das Gelände wurde über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich erweitert und zählt heute zu den markantesten Gewerbestandorten der Gemeinde. Wahrzeichen des Areals ist der weithin sichtbare Aufzugstestturm.
Mehr als ein Gewerbestandort
Mit dem Kauf verfolgt die Gemeinde zugleich das Ziel, bestehende Arbeitsplätze und wirtschaftliche Strukturen zu sichern. Wittur wird den Standort zunächst bis Ende März 2027 weiter nutzen und darüber hinaus Büroflächen langfristig zurückmieten. Auch die Wilkes Bavaria GmbH, die bereits seit 2009 auf dem Gelände ansässig ist, wird ihre Präsenz in Wiedenzhausen ausbauen und zusätzliche Flächen übernehmen.
Neue Möglichkeiten
„Mit dem Erwerb wollen wir nicht nur Flächen sichern, sondern auch Arbeitsplätze und wirtschaftliche Perspektiven am Standort erhalten“, sagt Kneidl. Damit bleibt das Areal ein bedeutender Wirtschaftsstandort. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten für weitere Unternehmen. Bereits kurzfristig stehen erste Büroflächen zur Vermietung bereit, weitere Flächen werden in den kommenden Jahren frei. Kommunalunternehmensvorstand Stefan Tanner sieht darin einen wichtigen Beitrag zur lokalen Wirtschaftsförderung. Ziel sei es, bestehenden und neuen Unternehmen attraktive sowie bezahlbare Flächen anbieten zu können und damit die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort aktiv zu unterstützen.
Mehrwert für Bürger und Unternehmen
Die Gemeinde denkt jedoch über eine reine Vermietung hinaus. Teile des Gebäudekomplexes könnten künftig auch für öffentliche Zwecke genutzt werden. Diskutiert werden unter anderem Besprechungs- und Veranstaltungsräume für Vereine sowie Flächen für Tagungen und andere gemeindliche Nutzungen. „Wir wollen hier nicht nur Arbeitsplätze sichern, sondern auch einen Ort schaffen, der für die Bürgerinnen und Bürger einen echten Mehrwert bietet“, erläutert Kneidl. Damit könnte das Areal künftig eine Doppelfunktion übernehmen: als Wirtschaftsstandort und als Ort für Begegnung und Gemeinschaft.
Modellfall für aktive Kommunalpolitik
Mit dem Erwerb übernimmt Sulzemoos zugleich Verantwortung für Betrieb, Instandhaltung und wirtschaftliche Bewirtschaftung der Immobilie. Die Verwaltung des Objekts soll die Wohnungsbaugesellschaft im Landkreis Dachau übernehmen, an der die Gemeinde beteiligt ist.
Handlungsspielraum gesichert
Der Ankauf zeigt beispielhaft, wie Kommunen auch unter schwierigen Rahmenbedingungen aktiv Einfluss auf ihre Entwicklung nehmen können. Statt zentrale Flächen aus der Hand zu geben, setzt Sulzemoos auf kommunales Eigentum und langfristige Steuerungsmöglichkeiten. Ob Wirtschaftsförderung, Flächenmanagement oder öffentliche Nutzung – die Gemeinde hat sich damit einen Handlungsspielraum gesichert, der weit über die Möglichkeiten vieler vergleichbarer Kommunen hinausgeht. Langfristig soll das Areal nach den Vorstellungen der Gemeinde zu einem festen Bestandteil des Ortslebens werden. „Ich wünsche mir, dass sich der Standort zu einem lebendigen Teil der Gemeinde entwickelt – wirtschaftlich stabil, aber gleichzeitig offen für neue Ideen“, sagt Kneidl. Entscheidend sei, „dass der Erwerb auch in vielen Jahren noch einen erkennbaren Mehrwert für Sulzemoos und Wiedenzhausen bietet“.