Mini-München zeigt seit fast 50 Jahren, wie junge Menschen Stadt, Gemeinschaft und Mitbestimmung spielerisch erproben: Kinder bauen Demokratie
von Constanze von Hassel

In der Spielstadt Mini-München übernehmen Kinder Verantwortung, handeln Regeln aus, gründen Unternehmen, arbeiten in Medien oder gestalten Politik. Margit Maschek von Kultur & Spielraum e.V. erklärt, warum das Projekt weit mehr ist als ein Ferienangebot und weshalb Kommunen gerade in Zeiten knapper Kassen in Beteiligungsräume für Kinder investieren sollten.
Spielstadt als Labor für gelebte Demokratie
GZ: Seit fast fünf Jahrzehnten ist Mini-München ein Experimentierfeld für Demokratie. Welche konkreten demokratischen Prozesse erleben und gestalten die Kinder in der Spielstadt selbst?
Margit Maschek: Mini-München ist eine Spielstadt, die mit Holzkulissen und -wänden in Hallen, Zelten und im Freien als reichhaltige urbane Landschaft und zeitlich befristetes Spiel angelegt ist. Wie sich diese Stadt während der dreiwöchigen Spielzeit entwickelt, bestimmen die Kinder und Jugendlichen selbst. Sie gestalten das Stadtleben aktiv und treffen gemeinsam Entscheidungen dar-
über, wie ihr Gemeinwesen aussehen soll.
Die Grundregeln sind bewusst einfach: Mitmachen können alle Kinder kostenlos und ohne Anmeldung. Sie entscheiden selbst, wie lange sie teilnehmen, welche Aufgaben sie übernehmen und wie sie sich in das Stadtleben einbringen. Einmal eingetaucht in die Spielstadt, übernehmen sie unterschiedliche Rollen und Funktionen und schaffen als Mini-Münchner in kurzer Zeit eine eigene urbane Wirklichkeit.
Dabei erleben sie demokratische Prozesse unmittelbar: Sie handeln Regeln aus, übernehmen Verantwortung, vertreten Interessen, lösen Konflikte und gestalten gemeinsam das Zusammenleben. So entsteht ein soziales Gefüge, in dem nahezu alle Fragen des Zusammenlebens verhandelt werden können. Voraussetzung dafür ist, dass alle Teil dieses temporären Gemeinwesens werden und das Recht haben, die Themen einzubringen und mitzugestalten, die ihnen im Hier und Jetzt wichtig sind.
GZ: Mini-München gilt als Vorbild für inzwischen mehr als 300 ähnliche Projekte im In- und Ausland. Wo wurde das Konzept bereits übernommen, und welche Elemente scheinen für andere Kommunen besonders attraktiv zu sein?
Maschek: Die Attraktivität des Stadtspiels liegt darin, dass zentrale Funktionen einer realen Stadt in einer spielerischen Form erfahrbar und gestaltbar werden. Dabei verstehen wir die Spielstadt nicht als verkleinertes Abbild einer echten Stadt, sondern als eigenständigen sozialen und kulturellen Raum, in dem Kinder und Jugendliche ihre eigenen Ideen entwickeln und umsetzen können.
Entscheidend ist, dass die Spielstadt offen für Veränderungen bleibt. Neue Verbindungen zwischen unterschiedlichen Einrichtungen und Arbeitsbereichen sind ausdrücklich erwünscht und regen die Gestaltungslust der Kinder und Jugendlichen an. Begleitet werden sie dabei von Erwachsenen aus verschiedenen Berufsfeldern, die nicht als Anleitende, sondern als Mitspieler und Experten auf Augenhöhe agieren.
So entstehen vielfältige Wechselwirkungen zwischen dem Spiel der Kinder und der realen Stadt. Genau diese Verbindung aus Selbstbestimmung, Partizipation, Kreativität und lebensnahem Lernen macht das Konzept für viele Kommunen im In- und Ausland attraktiv und hat dazu beigetragen, dass inzwischen mehr als 300 Spielstädte nach ähnlichen Prinzipien entstanden sind.
GZ: Viele Kommunen suchen nach neuen Wegen der Kinder- und Jugendbeteiligung. Welche Bausteine von Mini-München lassen sich auch in kleineren Städten und Gemeinden mit begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen umsetzen?
Maschek: Spielstädte gibt es in ganz unterschiedlichen Größenordnungen. Gerade neue Initiativen starten häufig mit weniger als 100 teilnehmenden Kindern. Auch in München und der Region gibt es kleinere Stadtspiele, etwa RiemMini in Riem, Mini-Rosenheim, Projekte auf Abenteuerspielplätzen oder Spielstädte im schulischen Kontext mit mehreren hundert Teilnehmenden. Spielentscheidend ist also nicht die schiere Größe!
Die besondere Stärke von Spielstädten liegt darin, dass sie ihre eigene Dynamik und Zeitlichkeit entwickeln. Mitspielen, Mitreden und Mitentscheiden finden unmittelbar statt – Entscheidungen haben direkte Auswirkungen auf das Zusammenleben in der Spielstadt und werden für die Kinder sofort erfahrbar.
Bei vielen Beteiligungsprojekten außerhalb der Spielstadt stehen dagegen planerische Vorhaben oder konkrete Problemlagen im Vordergrund. Die damit verbundenen Prozesse sind häufig auf längere Perspektive hin angelegt oder dauern sehr lange und sind somit für Kinder nur schwer nachvollziehbar.
Die Herausforderung bestünde also darin, tragfähige Verbindungen zwischen der intensiven Erfahrungswelt der Spielstadt und realen Beteiligungsprozessen herzustellen. Entscheidend ist, dass sich diese Verknüpfungen eventuell stärker an der Logik der Spielstadt orientieren – also an Methoden der Selbstorganisation, unmittelbarer Mitgestaltung und eigenverantwortlichem Handeln – und weniger an den Abläufen von Verwaltung oder formalen politischen Entscheidungsprozessen. Das erfordert Anpassungen auf beiden Seiten, eröffnet aber große Chancen für eine zeitgemäße und wirksame Beteiligung von Kindern und Jugendlichen.
Verantwortung stärkt Gemeinschaftssinn
GZ: In Mini-München übernehmen Kinder Verantwortung, gründen Unternehmen, arbeiten in Medien oder engagieren sich in der Politik. Welche Fähigkeiten und Kompetenzen entwickeln sie dabei, die auch für das spätere Leben in einer demokratischen Gesellschaft wichtig sind?
Maschek: Welche Fähigkeiten und Kompetenzen Kinder im Rahmen einer dreiwöchigen Spielstadt im Einzelnen entwickeln, ist wissenschaftlich bislang nur begrenzt erforscht. Gleichzeitig formulieren Spielstädte keine festgelegten Lernziele, die erreicht werden müssen. Ihr Potenzial liegt gerade darin, einen offenen Erfahrungs- und Möglichkeitsraum mit einem breit angelegten Handlungsspektrum zu schaffen.
In einer Zeit, die von gesellschaftlichen Krisen, zunehmender Komplexität und vielfältigen Herausforderungen geprägt ist, bieten Spielstädte Kindern einen selten gewordenen öffentlichen Versammlungs- und Experimentierraum. Hier können sie herausfinden, was ihnen wichtig ist, welche Anliegen andere Kinder haben und wie sich ein gemeinsames Zusammenleben gestalten lässt. Sie übernehmen dafür Verantwortung, handeln Interessen aus, treffen Entscheidungen und erleben unmittelbar, dass ihr Handeln Folgen hat.
Die Erfahrung, das eigene Umfeld aktiv mitgestalten zu können, stärkt das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit. Gleichzeitig wird erfahrbar, dass demokratisches Zusammenleben von Beteiligung, Aushandlung und gemeinsamer Verantwortung lebt. Diese Erfahrungen sind keine abstrakten Lerninhalte, sondern gelebte kulturelle Praxis – und damit eine wichtige Grundlage für das spätere Leben in einer demokratischen Gesellschaft.
Breites Bündnis notwendig
GZ: Die Landeshauptstadt München musste ihre Zuschüsse trotz grundsätzlicher Unterstützung deutlich reduzieren. Welche Auswirkungen hat diese finanzielle Situation auf Mini-München, und welche Strategien entwickeln Sie, um ein so großes Beteiligungs- und Bildungsprojekt dennoch langfristig zu sichern?
Maschek: Den Kommunen wird auch künftig eine zentrale Rolle zukommen, Beteiligungs- und Bildungsprojekte wie Mini-München zu ermöglichen. Dazu gehört zunächst, geeignete Räume bereitzustellen oder anzumieten und die grundlegende Infrastruktur der Spielstadt zu sichern. Gleichzeitig braucht es ein breites Bündnis weiterer Partner aus Wirtschaft, Stiftungen, Kultur und Zivilgesellschaft, die sich finanziell und inhaltlich beteiligen. Auch Modelle einer sozial ausgewogenen Eigenbeteiligung werden künftig zu diskutieren sein. Solche Veränderungen benötigen jedoch Zeit, während der finanzielle Druck auf die Kommunen bereits heute spürbar ist.
Solange Spielstädte nicht primär als Ferienbetreuung verstanden werden, sondern als offene, konsumfreie Orte der Begegnung und Beteiligung von Kindern, gehören sie kommunalrechtlich zwar zu den freiwilligen Leistungen. Gerade darin liegt jedoch ihre besondere gesellschaftliche Bedeutung: Sie schaffen öffentliche Räume, in denen Kinder demokratisches Zusammenleben praktisch erfahren und gestalten können.
Bündnisse sichern Erfahrungsräume
GZ: Mini-München entsteht gemeinsam mit zahlreichen Partnern aus Verwaltung, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien. Welche Voraussetzungen müssen Kommunen schaffen, um ein vergleichbar breites Bündnis für Kinder- und Jugendbeteiligung aufzubauen?
Maschek: Die Spielstadt Mini-München entsteht alle zwei Jahre in einer einzigartigen Unterstützungslandschaft aus kommunalen, staatlichen, privaten, kulturellen und sozialen Partnern. Mehr als 50 Einrichtungen wirken aktiv an ihrer Gestaltung mit. Dieses Netzwerk ist über Jahrzehnte gewachsen und basiert auf gegenseitigem Vertrauen sowie der gemeinsamen Überzeugung, Kindern und Jugendlichen einen außergewöhnlichen und für München einzigartigen Erfahrungsraum zu eröffnen.
Viele der beteiligten Einrichtungen schätzen besonders die unmittelbare Begegnung mit einer Bevölkerungsgruppe, die in öffentlichen Planungs- und Entscheidungsprozessen häufig nur begrenzt Gehör findet. Gerade diese Perspektive macht die Zusammenarbeit für viele Partner so wertvoll. Hier lernen im Idealfall die Erwachsenen genauso wie die beteiligten Kinder.
Solche Bündnisse werden künftig noch wichtiger werden, wenn Spielstädte neu entstehen oder dauerhaft gesichert werden sollen.
Hier wird die Zukunft verhandelt
GZ: Wenn Sie Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern eine zentrale Erkenntnis aus fast 50 Jahren Mini-München mitgeben könnten: Warum lohnt es sich gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und knapper Kassen, in Beteiligungsangebote für Kinder und Jugendliche zu investieren?
Maschek: Spielstädte machen Spaß – sie sind aber weit mehr als ein Ferienangebot oder ein Vergnügungspark. Sie sind Orte, an denen Zukunft verhandelt wird: spielerisch, im Modus des Als-ob und zugleich mit erstaunlicher Verbindlichkeit. Kinder bauen eine Stadt auf, übernehmen Verantwortung, lösen Konflikte und erleben, dass ihr Handeln Folgen hat. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und knapper öffentlicher Mittel sind solche Erfahrungen von besonderem Wert. Demokratie entsteht nicht allein durch Wissen über politische Institutionen, sondern vor allem durch die Erfahrung, gemeinsam etwas gestalten zu können. Wer Kindern solche Räume eröffnet, investiert nicht nur in ihre Entwicklung, sondern in die demokratische Kultur einer Kommune.
