Wie Münchens Alt-Oberbürgermeister mit der Kammerphilharmonie dacapo Menschen zusammenbringt Christian Ude: Kultur als zweite Bühne
von Anne-Marie von Hassel

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Herkulessaal der Münchner Residenz für Christian Ude einmal zu einem Lieblingsort werden würde? Als junger Mann empfand er die Konzertbesuche, zu denen ihn seine Familie mit Zehnerkarten verpflichtete, noch als Zumutung. Heute ist Münchens Alt-Oberbürgermeister Präsident des Freundeskreises der Münchner Kammerphilharmonie dacapo und hat in der Musik eine neue Leidenschaft gefunden.
Wie es dazu kam und welche gesellschaftliche Kraft Kultur entfalten kann, darüber sprach Ude im Internationalen Münchner PresseClub mit Maestro Franz Schottky, Gründer, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Orchesters. Durch das Gespräch unter dem Motto „Leben nach der Politik – Kultur als zweite Bühne“ führten Presseclub-Vorsitzender Dr. Uwe Brückner und Anne-Marie von Hassel.
Vom politischen Schlagabtausch zum musikalischen Miteinander
Ude schilderte mit viel Selbstironie, wie sehr sich seine Interessen verändert haben. Während ihn politische Veranstaltungen heute häufig ernüchterten, habe er bei dacapo etwas entdeckt, das ihn aufbaue: Musik, Begegnungen und Menschen, die eine gemeinsame Begeisterung teilen. Seine musikalische Karriere sei allerdings überschaubar geblieben. Immerhin durfte er einst mit dem Ensemble „Blechschaden“ auf Konzertreise gehen – als Triangelspieler, eigens geschult für den entscheidenden Schlag am Ende eines Stücks.
Bei dacapo bringt Ude deshalb weniger seine musikalischen als seine kommunikativen Fähigkeiten ein. Mit der Veranstaltungsreihe „Musik im Gespräch“ schafft der Freundeskreis Gelegenheiten, Künstler persönlich kennenzulernen und Hintergründe ihrer Arbeit zu erfahren. Ob Gespräche mit Solisten, Einblicke in die Aufgaben eines Dirigenten oder Begegnungen mit dem Geigenbauer Martin Schleske: Hier soll Musik auch Menschen zugänglich werden, die keine ausgewiesenen Kenner sind.
Von Oberhaching auf Europas Konzertbühnen
Die Geschichte der Münchner Kammerphilharmonie dacapo begann im Jahr 2000 in Oberhaching. Franz Schottky, einer der letzten Schüler Sergiu Celibidaches, gründete dort die „Symphonische Werkstatt Oberhaching“. Mit Aushängen beim Bäcker und Metzger suchte er damals Menschen, die gemeinsam musizieren wollten.
Aus dem zunächst gemischten Ensemble aus Amateuren, Nachwuchstalenten und erfahrenen Musikern entwickelte sich Schritt für Schritt ein professionelles Orchester. Einen Meilenstein markierte 2012 ein Konzert zum 100. Geburtstag Celibidaches im Herkulessaal. Inzwischen gastiert dacapo auch international, unter anderem beim Ljubljana Festival und im Wiener Musikverein.
Bemerkenswert ist dabei die wirtschaftliche Entwicklung. Das privat getragene Orchester finanziert nach Angaben Schottkys rund 55 Prozent seiner Ausgaben über Eintrittskarten. Hinzu kommen Sponsoren, Stiftungen, öffentliche Fördermittel und private Spenden. Der Freundeskreis übernimmt damit eine wichtige Funktion, die weit über finanzielle Unterstützung hinausreicht.
Kultur schafft Gemeinschaft
Seit der Saison 2015/16 bilden die Sonntagsmatinéen im Herkulessaal einen festen Bestandteil des Münchner Musiklebens. Dabei endet das gemeinsame Erlebnis nicht mit dem Schlussapplaus. Nach den Konzerten treffen sich Mitglieder des Freundeskreises und Gäste häufig an großen Tischen zum Austausch. Neue Besucher finden schnell Anschluss.
Gerade darin sieht Ude einen besonderen gesellschaftlichen Wert. Angesichts zunehmender Polarisierung und verhärteter politischer Auseinandersetzungen brauche es Orte, an denen Menschen trotz unterschiedlicher Auffassungen zusammenkommen können.
Als Beispiel für einen solchen Umgang erinnerte er an seine jahrzehntelangen politischen Auseinandersetzungen mit Peter Gauweiler. Trotz aller Gegensätze hätten beide anschließend fünf gemeinsame Bücher veröffentlicht. Unterschiedliche politische Überzeugungen dürften den menschlichen Umgang nicht ausschließen.
Schottky unterstrich die verbindende Kraft der Musik. Im Orchester spielten beispielsweise ukrainische und russische Musiker selbstverständlich miteinander. Das gemeinsame Musizieren stehe im Vordergrund, nicht die Vermittlung einer politischen Botschaft.
Neue Saison beginnt im Oktober
Am 11. Oktober 2026 startet die Münchner Kammerphilharmonie dacapo um 11 Uhr mit der „Matinée der Virtuosen – Russlands Seelenklang“ in die neue Saison. Auf dem Programm stehen Werke von Rubinstein, Rachmaninow, Mendelssohn, Scriabin und Schostakowitsch. Solistin ist die Geigerin Ilona Cudek.
Weitere musikalische Stationen führen nach Finnland und Österreich. Die Konzertreihe „Wege zur europäischen Romantik“ verbindet dabei bekannte Meisterwerke mit seltener gespielten Kompositionen.
Für Christian Ude ist die Musik längst mehr als eine angenehme Freizeitbeschäftigung. Sie bietet ihm eine neue Bühne, auf der er seine Erfahrungen als Kommunalpolitiker, Netzwerker und Gesprächspartner einbringen kann. Und sie zeigt, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein in politischen Debatten entsteht, sondern ebenso dort, wo Menschen gemeinsam zuhören, miteinander sprechen und Freude teilen.
Weitere Informationen und Konzertprogramm: www.kammerdacapo.de