Wo sind sie hin, die Vuvuzelas?

GZ Ausgabe GZ-12-2026 vom 18. Juni 2026 | Pino
von Pino – The First-Cat
Bild der Kolumne "Pino"

Es ist tatsächlich passiert: Die Fußball-WM der Männer hat begonnen. Im Eröffnungsspiel gleich drei rote Karten, 52 Jahre nachdem zum ersten Mal eine rote Karte bei einer Fußball-WM zum Einsatz kam (1974 im Spiel Deutschland gegen Chile, erwischt hat es den Chilenen Carlos Caszely).

Ja, die Zeitungen und das Netz sind voller solcher mehr oder weniger gewichtigen Informationen und Spekulationen. Es gibt in fast jedem Zoo Orakeltiere, beileibe nicht nur Kraken. Seriöse Institutionen wie die Großbank Goldman Sachs füttern ihre hauseigenen Supercomputer, um zu verkünden, dass Spanien mit einer Wahrscheinlichkeit von 26 Prozent Weltmeister wird und im Finale Argentinien schlägt. Den dritten Platz machen Frankreich und Brasilien untereinander aus. Deutschland fliegt traditionsgemäß im Achtelfinale raus.

Ob sich diese Prognose schon lauffeuerartig unter den deutschen Fans verbreitet und eine gewisse Lustlosigkeit an der WM ausgelöst hat? Ich jedenfalls sehe nichts von Begeisterung, WM-Fieber oder Vorfreude auf die Spiele. Keine Fähnchen an den Autofenstern oder schwarz-rot-goldene Überzüge an den Rückspiegeln. Keine Vuvuzelas klingen durch die Parks. Keine Leute mit Trikots oder Weltmeisterkappe auf den Straßen, wobei die Kappe wohl tatsächlich zu hässlich ist, um außerhalb einer Fanzone getragen zu werden. Aber auch beim Rudelglotzen (synonym für das deutsche public viewing) tut sich wenig, was am instabilen Wetter liegen mag, an den ungünstigen Sendezeiten der Spiele oder einfach daran, dass bisher kein Funke übergesprungen ist.

Viele fragen sich, woran es liegt. Einiges ist denkbar: Eine reservierte Haltung zu den USA mag eine Rolle spielen, die mit ihren politischen und wirtschaftlichen Mätzchen derzeit bei vielen Menschen so unbeliebt wie Fußpilz sind. Dann sind die Vereinigten Staaten zwar „the home of the brave“, aber ganz sicher nicht die Heimat des dort soccer genannten Balltretens. Nach Katar also wieder ein Land, das eigentlich nichts mit dem europäischen Herzenssport anfangen kann. Das ist dem Turnier gegenüber aber ungerecht, denn die Fußball-Weltmacht Mexiko und das europäischste Land in Amerika, Kanada, sind auch Austragungsnationen.

Möglicherweise liegt es an der unüberschaubaren Vielzahl der Endrundenteilnehmer und der Masse der Gruppen und Spiele. Aber da habe ich meine ganz eigene Meinung: Ich finde es positiv, wenn kleinere, engagierte Länder bzw. Verbände einmal die Chance auf Sichtbarkeit erhalten. Wer kannte schon Curaçao in den Generationen, die nicht mit dem Blue Curaçao als Modegetränkt der Adoleszenz aufgewachsen sind? Oder Cabo Verde, die schöne Schwester der Kanarischen Inseln, deren Trikot originellerweise ein Hai ziert. Dann die Mannschaft mit dem wohl schönsten und fröhlichsten Trikot, Côte d’Ivoire, die Elfenbeinküste. Ja, die Begegnung DR Kongo gegen Usbekistan mag verwöhnte Kicker-Gourmets sicher nicht vor die Mattscheibe locken, aber ich finde schon gut, dass solche Länder auch mal außerhalb der Vorrunde auf ihren Kontinenten bekannt werden.

Dann natürlich das Stichwort Kommerzialisierung und Geldschneiderei der FIFA. Ja, ein Preis von 11,5 Millionen Dollar auf der offiziellen FIFA-Wiederverkaufsplattform für ein Finalticket ist ebenso absurd wie ein Ticket der Kategorie 1 für Deutschland-Curaçao zu 138.000 Dollar. Aber solche Mondpreise aufzurufen und sie zu bezahlen sind doch immer noch verschiedene Dinge. Und ob WM dahoam oder in Übersee – für uns Normalos bleibt das Fernsehen und wir müssen uns nicht über teure Hotels, Zugtickets für 100 Dollar oder Parkplätze für 225 Dollar ärgern. Und schließlich ist nicht nur die FIFA vom Stamme Nimm, wie auch das regelmäßige Geschacher um die Fußballübertragungsrechte der Bundesliga zeigt.

Ich denke, viele trauern halt dem Sommermärchen von vor 20 Jahren nach oder können sich nicht vorstellen, dass es wieder wie 2014 läuft. Aber Fußball ist ein Spiel der Unberechenbarkeit, das schon Philosophen wie Jean-Paul Sartre zu Höchstform auflaufen ließ. Von ihm wissen wir: „Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“

Pino

Pino – "The First-Cat" – Pechschwarz, wunderschön und charakterstark!

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