Wiesn-Moral für die Katz
von Pino – The First-Cat

Endlich ist es wieder soweit: In München steigt das größte Volksfest der Welt, die Wiesn. Eigentlich braucht so ein international bekanntes und in über 80 Ländern kopiertes Event wie das Oktoberfest keine zusätzliche Werbung, aber auch einem Marketingselbstläufer wie der Wiesn schaden ein paar Schlagzeilen im Vorfeld nicht.
Eher technische Auseinandersetzungen, wie die um den wirklich keinem, der nicht im Münchner Stadtrat oder in der Vorstandsetage eines großen Braukonzerns sitzt, zu erklärenden Umstand, dass eine rein Münchner Brauerei (sogar nach einem Stadtteil benannt) ihr anerkannt süffiges Bier nicht auf dem Oktoberfest kredenzen darf oder die Frage nach der Notwendigkeit von europaweiten Ausschreibungen für Standplätze sorgten für Aufmerksamkeit, aber ihnen fehlte doch der rechte Skandalbiss.
In die Lücke sprang die Gleichstellungsstelle der Landeshauptstadt, die traditionelle Werbefiguren von ebenso traditionsreichen Schaugeschäften einer kritischen Prüfung unterzog, die diese prompt nicht bestanden. Sexistisch, rassistisch und geht gar nicht hieß es für Figuren des Teufelsrads und von Happy Sailor. Gut, die Frauenfiguren am Teufelsrad hatten ursprünglich so wenig an, dass man sie tatsächlich auch als Werbeträgerinnen für einen Karibik- oder Südpazifikurlaub hätte halten können. Ob die Darstellungen aber sexistisch waren, darüber lässt sich genauso streiten, wie darüber, ob der Kapitän bei Happy Sailor ein rassistisches Stereotyp bediente. Nach der Umgestaltung soll er aber wie Käptn Iglo aussehen.
Die Damen auf dem Teufelsrad wurden ebenfalls umgestaltet. Statt Tops gibt es nun Blusen, statt Hot Pants Radlerhosen und nachdem der real existierende bürokratische Sozialismus auch gründlich ist, wurden nackte (sic!) Füße in korrekte flache Ballerinas gesteckt, wie sie auch für die sichere Benutzung des Schaustellergeräts empfohlen werden.
Diese Mischung aus sauertöpfischer Humorlosigkeit und prinzipienfestem Spießertum hatte natürlich ein ganz anderes Potenzial für Aufregungen. Schließlich wurde München damit ja ins 19. Jahrhundert zurückgebeamt, als extra ein Feigenblatt aus Bronze gegossen wurde, das man Michelangelos David um die Lenden schnallte, als Königin Viktoria eine Kopie zu Gesicht bekommen sollte. Überregional, ja landesweit wurde das Treiben der Münchner Spaßbremsen besprochen und mit der Absage des traditionellen Wiesnrundgangs wurde die Aufmerksamkeitsspitze ausgereizt.
Leider blieb dabei ein wirklich ernstes Problem auf der Strecke. Nämlich die Tatsache, dass wohl tausende Fotos oder Videos von Frauen auf dem Teufelsrad im Netz im Umlauf sind. Zwar kann man in den Lebenserinnerungen längst verstorbener Münchener Hauskatzen lesen, dass früher so mancher männlicher Jungspund seine weibliche Angebetete nur deshalb aufs Teufelsrad eingeladen hat, um einmal einen kurzen Einblick auf ansonsten züchtig verhüllte, aber dennoch heiß begehrte Köperteile werfen zu können. Aber diese Vor-Social-Media-Ausformung des männlichen Forschergeistes ist eine andere Hausnummer, als das gezielte Upskirting wildfremder Frauen und das Einstellen der Aufnahmen ins Netz.
Ob man sich nicht lieber Gedanken über die Prävention von Foto- und Videoaufnahmen „unter dem Rock“ von Frauen machen sollte, statt Symbolpolitik mit dem Pinsel zu treiben? Andere Unanständigkeiten wie Catcalling sollen ja auch strafrechtlich besser erfasst werden können. Wobei ich mich immer frage, was wir armen Katzen verbrochen haben, mit dem anstößigen Hinter-einer-Frau-herpfeifen in Verbindung gebracht zu werden. Hat da jemand zu
viele BR-Serien der 70er und 80er Jahre gesehen, in denen der Münchener Vorstadt-Strizzi weibliche Bekanntschaften schon mal mit „meine Katz“ betitelt hat?
Wer auf Upskirting mit dem Bemalen von Figuren reagiert, sei an Umberto Eco erinnert: „Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.“