Verbieten ist leichter als Verantwortung

GZ Ausgabe GZ-14-2026 vom 16. Juli 2026 | Pino
von Pino – The First-Cat
Bild der Kolumne "Pino"

Eine eigentlich sehr deutsche Untugend verbreitet sich rasend schnell um den Globus: Die Verbieterritis. In Australien, Malaysia, Indonesien und der Türkei ist es Jugendlichen unter 15 oder 16 Jahren bereits verboten, generell Social Media oder bestimmte Plattformen zu nutzen. Europäische Staaten wie Großbritannien oder Frankreich diskutieren ein Verbot ernsthaft und auch hierzulande gibt es seriöse Stimmen, die sich für ein Verbot einsetzen, wenngleich die Bandbreite der Vorschläge für eine Altersgrenze von unter 13 bis unter 16 Jahren reicht.

Befürworter eines Verbots malen die verheerenden Auswirkungen des Social-Media-Konsums auf die Seelen der Kinder und Jugendlichen in den düstersten Farben aus. Es gibt auch warnende Stimmen, die prophezeien, dass eine junge Generation heranwachse, die kognitiv und intellektuell hinter ihre Elterngeneration zurückfalle. Eine apokalyptische Vorstellung, zumal in Meinungsumfragen schon heute die aktuelle Generation zu rund 40 Prozent radikale und russlandfreundliche Parteien wählen würde.

Und natürlich stellt Social Media manchmal eine arge Herausforderung für den guten Geschmack und einen funktionierenden Intellekt dar. Da gibt es Gewaltdarstellungen, sexuell geprägte Inhalte jedweder Bodenlosigkeit, rechts- und linksradikale Hohlschwätzer, Islamismus und Antisemitismus. Aber es gibt eben auch harmlose Instagram-Storys, witzige Memes, den TikTok-Buchklub oder echte, nützliche Informationen von denkenden Menschen.

Social Media ist wie das Leben: Widersprüchlich. Einerseits freut man sich, wenn man auf dem WhatsApp-Status von Freunden tagesaktuelle Urlaubsfotos in manchmal beachtlicher Strecke sieht – der Diaabend des 21. Jahrhunderts. Andererseits fasst man sich an den Kopf, wenn man hört, dass sich helle Scharen von Kindsköpfen in Sandalen in die Berge aufmachen, um sich an einem gefährlichen Felsvorsprung in waghalsiger Pose selbst zu fotografieren – immer schön in Reih und Glied, damit dasselbe Motiv nur mit anderen Gesichtern im Vordergrund hundertfach die Insta-Kanäle verstopft. Es mag lustig sein, wenn sich Tausende rund um den Globus Eimer mit Eiswürfeln als „Challenge“ über den Kopf stülpen. Unverantwortlich aber ist der Looksmaxxing-Trend, sich mit einem Hammer ins Gesicht zu schlagen, um vor der TikTok-Gemeinde mit seiner Männlichkeit zu flexen.

Jeder Vergleich hinkt, aber eigentlich ist Social-Media wie früher eine gut sortierte Bahnhofsbuchhandlung. Da lag der literarische Klassiker neben dem Schundroman, das seriöse Politmagazin oben und das Schmuddelblättchen als Bückware auf Nachfrage unter dem Verkaufstisch.

Aber genau wie in einer Buchhandlung muss man sich auch bei Social Media erst einmal zurechtfinden, die einzelnen Rubriken voneinander scheiden, Qualität von Schrott trennen. Oder anders gesagt, die aktuell so rar gewordene Kernkompetenz, zwischen Empörung, Eitelkeit und Endlos-Scrollen den Blick für das Wesentliche zu behalten, sollten Eltern, Lehrkräfte und Medien-Scouts in den Jugendzentren den Kindern und Jugendlichen vermitteln. Durch Verbote lernt man nichts, nur durch kritische Auseinandersetzung.

Man sollte übrigens nicht vergessen, dass die Algorithmen auch um die Aufmerksamkeit der Mütter und Väter buhlen, sie im Dauerscrollen am Frühstückstisch, beim Spazierengehen oder im Bus gefangen halten. Zeit, in der sie sich eigentlich auch um ihre Kinder und deren Entwicklung zu mündigen Medienkonsumenten kümmern könnten. Kinder werden schon von klein an beim Restaurantbesuch oder bei der Kaffeetafel mit nervigen Verwandten durch Videos auf dem Handy oder Tablet sediert und bekommen oft schon ein elektronisches Spielzeug, bevor sie sprechen können. Könnte der Ruf nach Verboten also etwas scheinheilig sein?

Der Chemiker Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger hat es – natürlich in anderem Zusammenhang – auf die kurze Formel gebracht: „Es ist leichter und deshalb beliebter, Bedenken zu tragen, als Verantwortung.“

Pino

Pino – "The First-Cat" – Pechschwarz, wunderschön und charakterstark!

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