Heiße Debatte um kühle Räume

GZ Ausgabe GZ-13-2026 vom 2. Juli 2026 | Pino
von Pino – The First-Cat
Bild der Kolumne "Pino"

„36 Grad, und es wird noch heißer…“, war dies nun eine prophetische Liedzeile vom Duo 2raumwohnung aus dem Jahr 2007 oder gab es schon früher so richtig heiße Sommer? Jedenfalls hatte man diese Lyrics in den letzten Wochen dauernd im Kopf.

Die Antwort wird wohl sein: Ja, Hitze im Sommer ist keine Erfindung unserer Tage, aber so früh im Jahr eine solche Bullenhitze zu erleben, das ist eine Erfahrung, die wir erst in jüngerer Zeit machen. Deshalb werden wir auch beim Thema Hitze nicht darum herumkommen, uns an die neuen Verhältnisse durch den Klimawandel anzupassen.

Umso mehr erstaunt, dass die Rezepte, was gegen die Hitze und die Gefahren, die insbesondere von zu heißen Räumen ausgehen zu tun sei, eher dem letzten, kalten Jahrhundert zuzurechnen sind. Nachts lüften, tagsüber verschatten klappt bis zu einem gewissen Grad ganz gut, wenn man in einer Wohnung lebt, die man querlüften kann oder in einem Büro arbeitet, in dem Fenster und Türen gleichzeitig offen sein können. Aber es sind halt auch Tipps für seltene Hitzespitzen und nicht für viele Tage am Stück, wie jetzt Ende Juni in ganz Bayern.

Liest man die Empfehlungen der Bundesregierung zur Hitzeprävention oder auch viele kommunale Hitzeplanungen, so findet man seltsamerweise ein Stichwort überhaupt nicht: Klimaanlagen. Dabei empfiehlt etwa die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Verwendung von Klimaanlagen, insbesondere bei Menschen mit Herz- oder Lungenerkrankungen.
Traditionell aber hat die Klimaanlage im nördlichen Europa und besonders in Deutschland einen schlechten Ruf. Viele denken bei dem Stichwort an Besuche in den USA oder China, wenn dort Einkaufszentren oder Hotellobbys auf eisige Temperaturen heruntergekühlt werden, die man ohne Pulli oder Jacke nicht aushält. Aber andererseits hat etwa der Gründervater Singapurs, Lee Kuan Yew, die Klimaanlage als eine der größten Erfindungen der Menschheit gepriesen. Der Staat an der Spitze der Malaiischen Halbinsel ist heute eines der wohlhabendsten und am weitesten entwickelten Gemeinwesen der Welt, obwohl sein subtropisches Klima eigentlich gegen eine großflächige Besiedelung und wirtschaftliche Aktivitäten spricht. Es ist heiß, aber überall gibt es Klimaanlagen.

Studien sprechen eine sehr klare Sprache, dass weder das Wachstum der großen Wirtschaftszentren im Süden der USA noch im Subtropischen Indien ohne den Siegeszug der Klimaanlage denkbar gewesen wären. Interessant auch, dass rein statistisch die meisten Hitzetoten bei Temperaturen wie in den vergangenen Wochen im klimatisch eher gemäßigt bis kühlen Europa zu beklagen sind, nicht in den tropischen Ländern Amerikas, Afrikas oder Asiens. Stichwort: Klimatisierung von Altersheimen, Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen und auch Schulen, die in Europa rar, in anderen Weltgegenden aber Standard sind.

Ich höre jetzt schon die Gegenargumente: Klimaanlagen verbrauchen Strom. Ja, genau wie Wärmepumpen und wie diese lassen sie sich auch mit Solarstrom betreiben, dessen Ausbeute bei intensiver, erwärmender Sonneneinstrahlung besonders hoch ist. Klimaanlagen sind teuer. Ja, aber das Statistische Bundesamt geht von rund 1.500 hitzebedingten Krankenhausbehandlungen pro Jahr aus und laut Bundesarbeitsministerium kostet ein Hitzetag über 30 Grad der Volkswirtschaft 431 Millionen Euro durch Leistungs- und Produktionseinbrüche. Bis 2030 könnten die Kosten der Hitze auf 112,5 Milliarden Euro steigen, wenn wir es nicht schaffen, Wohn- und Arbeitsstätten zu klimatisieren. Derzeit beträgt der klimatisierte Raumanteil in Europa 20 Prozent, in den USA 90 Prozent.

Fakt ist doch: Wir geben als global kleines Land viel Geld aus, um mit hohen Kosten und wenig Effekten den Klimawandel im nationalen Alleingang zu stoppen. Aber für die Anpassung an den Klimawandel in Schulen, Krankenhäusern und Heimen soll kein Geld da sein? Ich denke, Indira Gandhi, die ehemalige indische Ministerpräsidentin hat Recht: „Durch die Gasse der Vorurteile muss die Wahrheit ständig Spießruten laufen.“

Pino

Pino – "The First-Cat" – Pechschwarz, wunderschön und charakterstark!

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