Pinos Welt: Eine Generation fordert ihre Zukunft zurück

GZ Ausgabe GZ-21-2026 vom 5. November 2026 | Pino
von Pino – The First-Cat
Bild der Kolumne "Pino"

In Indien nennen sie sich selbst die Bewegung der Kakerlaken, auf Sri Lanka, in Bangladesch und Nepal haben sie in den letzten fünf Jahren durch ihre Proteste einen Regierungswechsel herbeigeführt. Gemeint sind junge Leute der Gen Z, die durch ihren Unmut über die Zustände in ihren Ländern zu einer Bewegung geformt wurden und sich nun in der Politik dieser Länder engagieren. Die indischen Protestler nennen sich übrigens Kakerlaken, weil ein arroganter Richter einige junge Leute mit dieser Bezeichnung beschimpft hat, als sie undurchsichtige Regeln bei der Studienplatzvergabe öffentlich kritisierten.

Schauen wir nach Afrika. In Kenia musste die Regierung aufgrund von Protesten junger Menschen vor zwei Jahren massive Steuererhöhungen zurücknehmen. Auf Madagaskar stürzte die Bewegung „Gen Z Madagascar“ vor einem Jahr den damaligen Präsidenten. Das war allerdings im Nachhinein betrachtet keine gute Idee, denn die Regierung, die sich in der Folgezeit an die Macht putschte, ist noch repressiver als die Vorgänger.

Proteste der Jugend oder gar ein „Aufstand der Gen Z“ sind also beileibe kein Phänomen in Europa. Wenngleich die plötzlichen und eruptiven Bewegungen junger Menschen in Frankreich, Spanien oder Italien für viele Europäer doch ziemlich überraschend kamen. Überraschend auch die extensive Gewalt, die mit den Protesten einherging und die zeigte, wie leicht eine Bewegung, die sich über TikTok und Instagram organisiert, durch radikale und kriminelle Elemente gekapert werden kann. Denn dem Linkssozialisten, der das historisch bedeutsame Rathaus von Limoges in Schutt und Asche legte, sind die Forderungen der jungen Leute im Zweifel egal. Er will vor allem der Republik und ihren demokratischen Werten den Stinkefinger zeigen.

Geradezu unter Laborbedingungen konnte man diesen Dualismus an Halloween in Deutschland sehen. Während die bürgerliche Jugend, die auch einmal, wie ihre Freunde vom Schüleraustausch mit Frankreich Revolution spielen wollten, am Nachmittag friedlich ihre Parolen skandierend den von den Ordnungsbehörden freigegeben Weg entlangliefen und sich dann für die abendlichen Partys zerstreuten, übernahm nach Einbruch der Dunkelheit der schwarze Block und machte aus Berlin, Hamburg und Frankfurt einen Hexenkessel.

Interessant ist, dass sich die Beweggründe für den Protest durchaus ähneln. Da sind zum einen die abstrakten Ziele wie Ablehnung der Wehrpflicht oder mehr Klimaschutz. Aber die Protestbewegung in Spanien hat sich wohl an der Wohnungsnot, genauer am Fehlen bezahlbaren Wohnraums in spanischen Städten entzündet. Frankreichs Schüler gingen ursprünglich wegen ausfallender Unterrichtsstunden, maroden Schulgebäuden und einer als ungerecht empfundenen Studienplatzvergabe auf die Straße. Und immer wieder verweisen die jungen Menschen auf die hohen Lebenshaltungskosten, die ihnen das Leben schwer und den Aufbau einer Zukunft in ihren Augen unmöglich machen.

In der Tat sind Forderungen nach mehr Unterricht und mehr Studienplätzen kein Zeichen von aufkommender Anarchie. Sie sind auch kein Ausweis der angeblich faulen und nur Ansprüche stellenden Gen Z, sondern zeugen eher davon, dass das Aufstiegsversprechen, wonach es jeder Generation einmal besser gehen wird, als der davor, und das unsere Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg groß gemacht hat, schal geworden ist. Sicher gibt es Unvereinbarkeiten in der Argumentation der jungen Leute. Denn wer Klimaschutz und Degrowth will, muss steigende Preise für Energie und Wohnen billigend in Kauf nehmen. Da muss Finanzbildung ansetzen. Aber dass zum Beispiel die Rentenpolitik in Deutschland, Italien und Frankreich nur die Bedürfnisse der älteren Generation auf Kosten der Jugend befriedigt, muss im Lichte der Proteste doch mal anerkannt werden.

Oder wie es der Initiator des Tages der Erde, Gaylord Nelson, ausgedrückt hat: „Die höchste Prüfung des menschlichen Gewissens ist die Bereitschaft, heute etwas für zukünftige Generationen zu tun, deren Dankesworte nicht zu hören sein werden“.

Pino

Pino – "The First-Cat" – Pechschwarz, wunderschön und charakterstark!

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