Ein Gastbeitrag von Lorenz Schmidt im Rahmen des 205. Jugendpressekongresses der young leaders GmbH: Wo kein Bus mehr fährt

GZ Online, 28. Mai 2026 | Gastbeiträge
von Gastbeitrag
Das NEA Mobil. Bild: Voloshyn Alexander
Das NEA Mobil. Bild: Voloshyn Alexander

„Manchmal fahre ich in Dörfer mit vier oder fünf Häusern. Orte, die fast von Gott verlassen sind.“ Wenn der 70-jährige Enzo Mingolla von seiner Arbeit erzählt, merkt man schnell, dass er den Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim bestens kennt. Seit vier Jahren fährt er für das NEA Mobil Menschen von Ort zu Ort. Dabei kommt er auch in die kleinsten Dörfer, in die oft kein Linienbus mehr fährt.

Die Sicherung von Mobilität gehört zu den großen Herausforderungen vieler ländlicher Kommunen. Besonders ältere Menschen, Jugendliche oder Bürger ohne eigenes Auto sind auf verlässliche Alternativen zum eigenen Pkw angewiesen. Der Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim setzt dabei unter anderem auf das NEA Mobil.

Das NEA Mobil ist ein Rufbus-System des Landkreises Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim. Es ergänzt den öffentlichen Nahverkehr insbesondere in kleineren Orten und ist in den Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) integriert. Betrieben wird das Angebot von der Firma Thürauf. Fahrten können telefonisch oder per App gebucht werden. Anders als ein normaler Bus fährt das NEA Mobil nur dann, wenn es tatsächlich gebraucht wird. Mittlerweile ist das Angebot im gesamten Landkreis nutzbar.

Das NEA Mobil ist ein barrierefreier Kleinbus. Bild: Voloshyn Alexander
Das NEA Mobil ist ein barrierefreier Kleinbus. Bild: Voloshyn Alexander

Für das Angebot stehen bis zu zehn barrierefreie Kleinbusse zur Verfügung, meist sind rund sechs Fahrzeuge gleichzeitig im Einsatz. Zwischen April 2025 und März 2026 nutzten knapp 30.000 Menschen das Angebot – durchschnittlich rund 100 Fahrgäste pro Tag.

Wer das Angebot nutzt? „Eigentlich jeder“, sagt Mingolla. Senioren gehören ebenso dazu wie Familien, Jugendliche oder Menschen mit Behinderung. Auch Rollstuhlfahrer können befördert werden. Die Fahrzeuge sind entsprechend ausgestattet. Außerdem stehen Kindersitze und Babyschalen zur Verfügung. Viele Fahrgäste sieht Mingolla regelmäßig. „Mittlerweile kenne ich die Stammkundschaft“, erzählt er.

Manche Menschen nutzen das Angebot mehrmals pro Woche. Gerade in kleineren Orten ist das NEA Mobil für viele längst Teil des Alltags geworden. Dass Mingolla von dem Angebot überzeugt ist, merkt man schnell. Er fährt nicht nur für das NEA Mobil, sondern nutzt es auch privat. Wenn sein eigenes Auto in die Werkstatt muss oder er selbst eine Fahrt benötigt, steigt er als Fahrgast ein. Nach eigener Aussage hat er das Angebot in den vergangenen Jahren bereits mehr als zwanzig Mal genutzt.

Vor allem den Preis lobt Mingolla immer wieder. Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt ein Beispiel: Für eine knapp 40 Kilometer lange Fahrt kostet das NEA Mobil 22,60 Euro. Für dieselbe Strecke würden bei einem Taxi nach einer Online-Berechnung etwa 97,20 Euro anfallen. Gerade für Menschen, die regelmäßig auf Fahrten angewiesen sind, kann das einen erheblichen Unterschied machen.

Auch das Angebot selbst hat sich weiterentwickelt. Heute können Fahrgäste Ziele im gesamten Landkreis erreichen. Für viele Menschen bedeutet das deutlich mehr Flexibilität im Alltag. Gleichzeitig zeigt das Beispiel, wie Landkreise versuchen, bestehende Lücken im öffentlichen Nahverkehr durch neue Mobilitätsangebote zu schließen.

Mingolla ist überzeugt, dass solche Angebote in Zukunft noch wichtiger werden. Nach seiner Beobachtung nutzen im Moment immer mehr Menschen das Angebot. Was ihm an seiner Arbeit am besten gefällt? Die Antwort kommt ohne langes Überlegen: „Der Umgang mit den Leuten.“

Das NEA Mobil zeigt, wie ein Landkreis Mobilitätslücken im öffentlichen Nahverkehr schließen kann. Doch nicht überall wird auf Rufbusse gesetzt. Daneben gibt es weitere Ansätze, mit denen Kommunen und ehrenamtliche Initiativen versuchen, Mobilität im ländlichen Raum zu sichern.

Die Mitfahrbank in Gnodstadt. Bild: Lorenz Schmidt
Die Mitfahrbank in Gnodstadt. Bild: Lorenz Schmidt

Selbstversuch Mitfahrbank

Ein Selbstversuch an einer Mitfahrbank in Gnodstadt sollte zeigen, wie eines dieser Angebote in der Praxis angenommen wird.

Dort steht eine der Mitfahrbänke, die vor rund sechs Jahren im Raum Marktbreit eingerichtet wurden. Die Idee dahinter ist einfach: Wer mitgenommen werden möchte, setzt sich auf die Bank und signalisiert so vorbeifahrenden Autofahrern, dass er eine Mitfahrgelegenheit sucht.

45 Minuten lang wartete dort jemand auf eine Mitfahrgelegenheit. Rund 35 Autos fuhren vorbei. Angehalten hat niemand.

Die Mitfahrbank zeigt zugleich eine Herausforderung vieler kommunaler Mobilitätsprojekte. Selbst wenn die notwendige Infrastruktur vorhanden ist, hängt der Erfolg letztlich davon ab, ob die Angebote bekannt sind und von den Bürgerinnen und Bürgern tatsächlich genutzt werden.

Auch aus der Verwaltungsgemeinschaft Marktbreit kam eine eher zurückhaltende Einschätzung. Nach Angaben von Jana Bernard, stellvertretende Hauptamtsleiterin der Verwaltungsgemeinschaft Marktbreit, gibt es mehrere Gründe dafür, dass die Mitfahrbänke bislang nur wenig genutzt werden. Zum einen seien vielen Menschen die Mitfahrbänke und ihre Funktionsweise gar nicht bekannt. Zum anderen spiele möglicherweise eine Hemmschwelle eine Rolle. Viele Menschen lernen schon früh, nicht zu Fremden ins Auto zu steigen und umgekehrt keine unbekannten Personen mitzunehmen. Genau darauf ist das Konzept der Mitfahrbank jedoch angewiesen.

Eine ältere Anwohnerin aus Gnodstadt erzählte außerdem, dass sie in den rund sechs Jahren seit der Einrichtung der Mitfahrbank noch nie jemanden dort habe warten sehen. Ihrer Einschätzung nach besitzen die meisten Menschen vor Ort ohnehin ein eigenes Auto.

Generationenbus

Ein anderer Ansatz wird im Raum Seinsheim und Gnötzheim verfolgt. Dort sorgt der Generationenbus dafür, dass Menschen auch ohne eigenes Auto mobil bleiben.

In einem Telefongespräch erklärte die zweite Vorsitzende des Generationenbusvereins das Konzept. Das Angebot wird ehrenamtlich organisiert und von den Beteiligten gemeinschaftlich getragen. Vereinsmitglieder können die Fahrzeuge selbst nutzen. Eine Mitgliedschaft kostet 12 Euro pro Jahr. Hinzu kommen 35 Cent pro gefahrenem Kilometer sowie ein Euro pro Stunde Fahrzeugnutzung, maximal jedoch 16 Euro pro Tag.

Zusätzlich gibt es montags, mittwochs und freitags feste Fahrten. Dabei fährt der Bus durch die Ortschaften rund um Marktbreit und Ochsenfurt und bringt Menschen beispielsweise zum Einkaufen, zu Arztterminen oder ins Krankenhaus. Für diese Fahrten fällt nur ein Euro pro Fahrt an.

Für das Angebot stehen zwei Fahrzeuge zur Verfügung. Der Generationenbus wird von Bürgerinnen und Bürgern ehrenamtlich organisiert und zeigt, wie bürgerschaftliches Engagement kommunale Mobilitätsangebote sinnvoll ergänzen kann. Gerade in kleineren Gemeinden entstehen dadurch zusätzliche Möglichkeiten für Menschen, die nicht selbst Auto fahren können.

Besonders bemerkenswert ist das Engagement der Fahrer. Sie übernehmen ihre Fahrten ehrenamtlich. Ob das Angebot auch in Zukunft Bestand haben wird? „Ja, ich bin überzeugt davon“, sagt die zweite Vorsitzende des Generationenbusvereins. Allein letzte Woche seien drei neue Mitglieder hinzugekommen.

Ob Rufbus, Mitfahrbank oder Generationenbus – die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Kommunen, Landkreise und ehrenamtliche Initiativen auf die Herausforderungen im ländlichen Raum reagieren. Während manche Angebote bereits fest zum Alltag vieler Menschen gehören, stehen andere noch vor der Aufgabe, stärker wahrgenommen und genutzt zu werden.

Nachhaltigkeit und Mobilität: 205. Jugendpressekongresses

Wie Mobilität auch außerhalb großer Städte langfristig gesichert werden kann, war auch Thema des 205. Jugendpressekongresses der young leaders GmbH in Berlin zum Thema „Nachhaltigkeit und Mobilität“, der vom Bundesministerium für Verkehr unterstützt wurde. Dort diskutierten junge Nachwuchsjournalisten mit Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über die Mobilität der Zukunft. Einer der Referenten war Prof. Dr. Jürgen Krahl, Präsident der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe, der über alternative Kraftstoffe und nachhaltige Mobilitätskonzepte sprach. Die Gespräche auf dem Kongress machten deutlich: Neben technischen Innovationen werden auch kommunale Lösungen und lokale Initiativen eine wichtige Rolle spielen, um Mobilität im ländlichen Raum langfristig sicherzustellen.

Lorenz Schmidt

Über diesen Beitrag

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des 205. Jugendpressekongresses der young leaders GmbH zum Thema „Nachhaltigkeit und Mobilität“, der vom Bundesministerium für Verkehr unterstützt wurde. Autor Lorenz Schmidt (17) besucht das Christian-von-Bomhard-Gymnasium in Uffenheim und hat die Reportage für einen journalistischen Nachwuchswettbewerb recherchiert und verfasst.

Für den Beitrag führte er Interviews mit Verantwortlichen und Nutzern verschiedener Mobilitätsangebote im ländlichen Raum, darunter das NEA Mobil im Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim, Mitfahrbänke im Raum Marktbreit sowie der Generationenbus im Landkreis Kitzingen. Die Bayerische GemeindeZeitung veröffentlicht den Text als Gastbeitrag im Rahmen der Nachwuchsförderung im Journalismus.

Gastbeitrag

Gastbeitrag

Ihre optimale Website-Nutzung

Diese Website verwendet Cookies und bindet externe Medien ein. Mit dem Klick auf „✓ Alles akzeptieren“ entscheiden Sie sich für eine optimale Web-Erfahrung und willigen ein, dass Ihnen externe Inhalte angezeigt werden können. Auf „Einstellungen“ erfahren Sie mehr darüber und können persönliche Präferenzen festlegen. Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Detailinformationen zu Cookies & externer Mediennutzung

Externe Medien sind z.B. Videos oder iFrames von anderen Plattformen, die auf dieser Website eingebunden werden. Bei den Cookies handelt es sich um anonymisierte Informationen über Ihren Besuch dieser Website, die die Nutzung für Sie angenehmer machen.

Damit die Website optimal funktioniert, müssen Sie Ihre aktive Zustimmung für die Verwendung dieser Cookies geben. Sie können hier Ihre persönlichen Einstellungen selbst festlegen.

Noch Fragen? Erfahren Sie mehr über Ihre Rechte als Nutzer in der Datenschutzerklärung und Impressum!

Ihre Cookie Einstellungen wurden gespeichert.