Gastbeitrag von Jolanda Webersinn und Prof. Dr. Andreas Rothe: Holzenergie – Nachhaltiger Baustein der kommunalen Wärmewende?
von Gastbeitrag

Die Wärmewende stellt Kommunen vor die Herausforderung, Klimaschutz, Versorgungssicherheit und regionale Wertschöpfung miteinander zu verbinden. Im bayerischen Oberland (Landkreise Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen) wurde die Nutzung von Holz zur Wärmegewinnung in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich ausgebaut. Eine aktuelle Studie hat nun untersucht, ob diese Entwicklung nachhaltig war und auch künftig ausreichend Energieholz zur Verfügung steht. Die Ergebnisse zeigen: Holzenergie kann in ländlichen Regionen weiterhin einen wichtigen Beitrag zur kommunalen Energiewende leisten.
Holz ist ein nachwachsender, aber kein unbegrenzt verfügbarer Rohstoff. Für eine nachhaltige Nutzung ist daher entscheidend, wie viel Energieholz langfristig bereitgestellt werden kann. Die Bürgerstiftung Energiewende Oberland ließ bereits im Rahmen des Projekts „Bioenergieregion Oberland“ zwischen 2009 und 2015 eine umfassende Energieholzpotenzialstudie erstellen. Auf Grundlage dieser Untersuchung entstanden zahlreiche Biomasseheizwerke, wodurch die energetische Nutzung von Holz in der Region deutlich zunahm. Im Rahmen einer Masterarbeit an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (Webersinn, 2026) wurde die Studie nun aktualisiert und erstmals auch der tatsächliche Energieholzverbrauch berücksichtigt.
In der neuen Untersuchung wurden das potenziell verfügbare Energieholz, der tatsächliche Holzeinschlag und der Energieholzverbrauch miteinander verglichen. Grundlage für die Berechnung des Nutzungspotenzials waren die Daten der vierten Bundeswaldinventur. Berücksichtigt wurden dabei Nutzungseinschränkungen wie nicht erschlossene Waldflächen ebenso wie ökologische Anforderungen, etwa Naturschutzgebiete oder die notwendige Bereitstellung von Totholz. Die tatsächlich verfügbare Energieholzmenge wurde anschließend über den Energieholzanteil am Einschlag ermittelt. Die Nutzung wurde anhand des Energieholzeinschlags und des realen Verbrauchs auf Basis von Kaminkehrerdaten abgeschätzt.

Erläuterung zu Abbildung 1:
- Das theoretische Potenzial umfasst den jährlichen Zuwachs der oberirdischen Holzbiomasse. Es basiert auf den regionalen Zuwachswerten der vierten Bundeswaldinventur sowie einem Biomasseexpansionsfaktor, mit dem auch Biomasseanteile mit einem Durchmesser unter 7 cm berücksichtigt werden.
- Das technisch-ökologische Potenzial ergibt sich aus dem theoretischen Potenzial unter Abzug technischer und ökologischer Nutzungseinschränkungen, beispielsweise nicht erschlossener Gebiete, Naturschutzgebiete oder der erforderlichen Totholzbereitstellung (siehe Abbildungen 2 und 3).
- Das sozio-ökonomische Potenzial beschreibt die energetisch nutzbare Holzmenge. Grundlage ist die Sortimentsaufteilung des Holzeinschlags, aus der sich der Energieholzanteil ergibt.


Erläuterung zu Abbildung 2 und 3:
Abbildung 2 und 3 zeigen den Gesamtzuwachs (theoretisches Potenzial) und die berücksichtigten Nutzungseinschränkungen, die zur Ermittlung der potenziell nutzbaren Holzmenge (technisch-ökologisches Potenzial) vom theoretischen Potenzial abgezogen wurden.
Aufgrund der unterschiedlichen Wuchsbedingungen erfolgte die Berechnung getrennt für das Flachland (Wuchsgebiete 13 und 14) und das Hochgebirge (Wuchsgebiet 15).
Nutzung innerhalb nachhaltiger Grenzen
Die Ergebnisse zeigen: Das jährliche Energieholzpotenzial im Oberland liegt bei rund 410.000 Festmetern. Dabei beträgt der Energieholzanteil am Einschlag im Privat- und Körperschaftswald 47 Prozent, im Staatswald 27 Prozent. Dem stehen ein aktueller Energieholzverbrauch von rund 360.000 Festmetern sowie ein Energieholzeinschlag von rund 350.000 Festmetern gegenüber. Die derzeitige Nutzung bewegt sich damit innerhalb nachhaltiger Grenzen. Trotz des bereits erfolgten Ausbaus besteht weiterhin ein zusätzliches Potenzial von rund 50.000 Festmetern pro Jahr.

Erläuterung zu Abbildung 4:
Abbildung 4 vergleicht die potenziell nutzbare Energieholzmenge (Energieholzpotenzial) mit dem Energieholzverbrauch sowie dem Energieholzeinschlag. Die Werte beziehen sich auf die Waldfläche des Oberlands.
Für den Gesamtwert des Energieholzpotenzials wurde das sozio-ökonomische Potenzial auf die Fläche hochgerechnet.
Der Energieholzverbrauch wurde auf Basis der in den Kaminkehrerdaten erfassten Holzfeuerungsanlagen abgeschätzt. Er setzt sich aus energetisch genutztem Waldholz sowie Nicht-Waldholz zusammen, das überwiegend aus der Garten- und Landschaftspflege stammt.
Der Energieholzeinschlag wurde anhand der Einschlagsdaten ermittelt.
Der Vergleich zeigt, dass Einschlag und Verbrauch leicht unter dem Potenzial liegen. Die derzeitige Energieholznutzung kann damit langfristig gedeckt werden und es besteht ein zusätzliches Energieholzpotenzial von rund 50.000 fm.
Dominierende Baumart im Oberland ist die Fichte. Die massiven Schäden durch Sturmereignisse und Borkenkäfer insbesondere in Mittel- und Norddeutschland haben gezeigt, wie wichtig der Umbau hin zu stabileren Mischwäldern mit höheren Laubbaumanteilen ist. Vor diesem Hintergrund erscheint auch ein moderater Abbau der hohen Holzvorräte sinnvoll. Mit durchschnittlich 440 Festmetern je Hektar liegen die Vorräte im Oberland über dem bayerischen Durchschnitt von 405 Festmetern je Hektar. Ein über zwanzig Jahre verteilter Vorratsabbau von fünf Prozent würde zusätzlich rund 50.000 Festmeter Energieholz pro Jahr bereitstellen. Insgesamt ergibt sich damit ein zusätzliches Potenzial von rund 100.000 Festmetern jährlich.
Die energetische Nutzung von Holz wird in der öffentlichen Diskussion häufig kontrovers bewertet. Kritiker verweisen auf mögliche Übernutzung, Zweifel an der Klimaneutralität aufgrund der CO₂-Emissionen bei der Verbrennung, Konkurrenz zur stofflichen Nutzung oder Schadstoffemissionen.
Bilanziell klimaneutral
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass im Oberland ausreichend Holz zur Verfügung steht, obwohl bei den Kalkulationen rechnerisch rund 50 Prozent des gesamten Holzzuwachses im Wald verbleiben. Wichtige ökologische Funktionen des Waldes – etwa ausreichende Totholzmengen, Nährstoffnachhaltigkeit und die Schonung von Naturschutzgebieten – sind somit mit der Energieholznutzung vereinbar. Die bei der Verbrennung entstehenden CO₂-Emissionen werden im Holzzuwachs wieder gebunden, sodass Holzenergie bei nachhaltiger Waldbewirtschaftung bilanziell klimaneutral genutzt werden kann. Ein vollständiger Nutzungsverzicht in fichtendominierten Wäldern wäre dagegen kaum sinnvoll, da mit hoher Wahrscheinlichkeit Kalamitäten auftreten und diese zu erheblichen Kohlenstofffreisetzungen durch Holzzersetzung führen, wie die aktuelle Bundeswaldinventur eindrücklich zeigt.
Aus Sicht des Klimaschutzes und der Wertschöpfung bleibt eine Kaskadennutzung sinnvoll, bei der Holz vorrangig stofflich verwendet wird. Allerdings bestehen im Oberland nur begrenzte regionale Verarbeitungsmöglichkeiten für Industrieholz. Unter diesen Bedingungen kann die regionale energetische Nutzung sinnvoller sein als lange Transportwege zur stofflichen Verwertung. Zudem eignen sich bestimmte Holzsortimente ausschließlich für die thermische Nutzung.
Insgesamt zeigt die Studie, dass Holz als nachwachsender, regional verfügbarer und speicherbarer Energieträger auch künftig ein wichtiger Baustein der kommunalen Wärmewende sein kann. Moderne Biomasseheizwerke verfügen über leistungsfähige Filtertechnik und verursachen nur geringe Schadstoffemissionen. Besonders in Kombination mit anderen erneuerbaren Wärmequellen wie Wärmepumpen und Solarthermie können die Vorteile von Holz genutzt werden. Aufgrund seiner guten Lagerfähigkeit eignet sich Energieholz insbesondere zur flexiblen Abdeckung von Spitzenlasten im Winter und ergänzt damit andere erneuerbare Energien sinnvoll. Dadurch kann der begrenzte Rohstoff effizient eingesetzt und eine nachhaltige, klimafreundliche Wärmeversorgung sichergestellt werden.
Details zur Studie siehe:
Webersinn, J. (2026). Energieholzpotenzial im Oberland – Aktualisierung und Erweiterung der bestehenden Daten auf Aufkommens- und Verbrauchsseite. Masterarbeit an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, Freising.
Zu den Autoren
- Jolanda Webersinn verfasste ihre Masterarbeit im Studiengang „Climate Change Management“ an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.
- Dr. Andreas Rothe ist Professor an der Fakultät Wald und Forstwirtschaft der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und betreute die Arbeit.
Literatur
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- Drexlmeier, S., Esser, Ellen, E., Kohlhauf, E., Scharli, A., & Zäh, M. (2017). Schlussbericht zum Vorhaben Bioenergieregion Oberland [Schlussbericht]. EWO-Kompetenzzentrum Energie EKO e.V. https://www.fnr.de/fileadmin/projektdatenbank/22009812.pdf
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- Rothe, A., Wittkopf, S., & Wilnhammer, M. (2010a). Energieholzprognose für den Privat- und Körperschaftswald im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen.
- Rothe, A., Wittkopf, S., & Wilnhammer, M. (2010b). Energieholzprognose für den Privat- und Körperschaftswald im Landkreis Miesbach.
- Rothe, A., Wittkopf, S., & Wilnhammer, M. (2013). Energieholzprognose für den Privat- und Körperschaftswald im Landkreis Weilheim-Schongau.
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