KPV-Landesvorstand und Hauptausschuss: Kommunalwahl-Analyse

GZ Ausgabe GZ-14-2026 vom 16. Juli 2026 | Landes-, Bundes- und Europapolitik, Verbände
von Doris Kirchner
Gruppenfoto
V.l.: Kathrin Alte, Eva Weber, Gerhard Hirscher, Alexander Legler. ©DK

Im Rahmen der jüngsten Sitzung des KPV-Landesvorstands und Hauptausschusses in München unter der Leitung der Landesvorsitzenden, Stadträtin Eva Weber (Augsburg), präsentierte Dr. Gerhard Hirscher, Leiter der Leitungsstelle Grundlagen der Demokratie, Parteienentwicklung und Wahlforschung der Hanns-Seidel-Stiftung e.V., eine umfassende Analyse der bayerischen Kommunalwahl 2026. Nach seiner Einschätzung bewegt sich das Gesamtergebnis sowohl im historischen als auch im aktuellen demoskopischen Rahmen. Besondere Entwicklungen seien vor allem im regionalen Kontext zu beobachten.

Hirscher zufolge zeichnen die Kommunalwahlen vom 8. und 22. März 2026 ein differenziertes Bild. Einerseits füge sich das Gesamtergebnis der Gremienwahlen in den langfristigen Trend des Wahlverhaltens in Bayern ein. Andererseits hätten insbesondere die Stichwahlen gezeigt, wie stark kommunale Besonderheiten das Wahlergebnis beeinflussen können. So habe es mehrere Überraschungen gegeben, bei denen sich Amtsinhaber nicht behaupten konnten und stattdessen Herausforderer erfolgreich waren.

CSU führt weiterhin

Die CSU konnte trotz leichter Verluste ihre führende Position behaupten. Die Freien Wähler sowie andere freie Listen bewegten sich in etwa auf dem bisherigen Niveau. Die Grünen verloren rund ein Viertel ihrer Wählerinnen und Wähler, blieben jedoch zweitstärkste Kraft. Die SPD schnitt besser ab als im Landesdurchschnitt. Die AfD legte sowohl bei den Stimmenanteilen als auch bei den Mandaten zu und erzielte insbesondere in Ostbayern sowie in Teilen Schwabens überdurchschnittliche Ergebnisse. Dennoch blieb sie weit davon entfernt, eine prägende Rolle in der Kommunalpolitik einzunehmen: Kein AfD-Kandidat erreichte eine Stichwahl, und die Partei stellt keinen einzigen (Ober-)Bürgermeister. Dies unterstreiche, so Hirscher, ihren weiterhin ausgeprägten Charakter als Protestpartei, der es nach wie vor an überzeugendem Führungspersonal fehle.

Keine Garantie mit Amtsbonus

„Anscheinend ist ein Amtsbonus allein heute nicht mehr ausreichend für einen klaren Wahlsieg“, erklärte Hirscher. Davon hätten CSU und SPD ebenso profitiert wie diesmal auch die Grünen und insbesondere in den Landkreisen die Freien Wähler. Dies zeige zugleich, dass die Wählerschaften der jeweils unterlegenen Kandidaten und Listen flexibel auf die jeweiligen Angebote reagiert hätten. Eine klassische Stammwählerschaft, die sich ausschließlich an der Parteiidentifikation orientiere, spiele auf kommunaler Ebene noch weniger eine Rolle als bei Landtags- oder Bundestagswahlen. Ein deutliches Signal sei zudem, dass sich überall Kandidatinnen und Kandidaten der demokratischen Mitte durchgesetzt hätten.

Hohe Wahlbeteiligung im ersten Wahlgang

Aus dem ersten Wahlgang der Kommunalwahlen am 8. März ging die CSU erneut als stärkste politische Kraft hervor. Bei einer für Kommunalwahlen sehr hohen Wahlbeteiligung von 63,4 Prozent gegenüber 58,7 Prozent im Jahr 2020 lag sie bei den Gremienwahlen klar vorn. Listen der CSU sowie gemeinsame Listen mit der CSU erreichten 32,5 Prozent der Stimmen. Listen der Freien Wähler und weiterer freier Gruppierungen kamen auf 12,1 Prozent, AfD und verbundene Listen auf 12,2 Prozent, Grüne und verbundene Listen auf 13,6 Prozent sowie SPD und verbundene Listen auf 12,3 Prozent. Sonstige und gemeinsame Wahlvorschläge erzielten 9,1 Prozent, andere Wählergruppen 8,2 Prozent.

Nach Einschätzung Hirschers setzte sich damit ein Trend fort, der bereits bei der vergangenen Kommunalwahl sichtbar geworden war. Besonders bemerkenswert sei das Abschneiden der eigenständigen JU-Listen gewesen. Diese erreichten bayernweit 1,3 Prozent der Stimmen. Dadurch konnte die Junge Union zusätzlich zu den CSU-Mandaten ihren Anteil an Sitzen in den Kreistagen fast verdoppeln und in den Gemeinderäten nahezu verdreifachen. In 71 Landkreisen wurde die CSU stärkste Kraft, während die SPD in drei und die Grünen in zwei Landkreisen die Stimmenmehrheit erzielten.

Persönlichkeitsfaktor bei Stichwahlen

Am 22. März fanden in rund 400 Städten und Gemeinden Bayerns Stichwahlen statt. Die Wahlbeteiligung lag dabei mit 44,1 Prozent deutlich unter den 53,6 Prozent, die in den entsprechenden Wahlgebieten am 8. März erreicht worden waren. Dadurch dürfte der Persönlichkeitsfaktor bei der Wahlentscheidung noch stärker ins Gewicht gefallen sein, lautete Hirschers Befund.

Von den insgesamt 71 Landkreisen Bayerns kam es in 29 zu einer Stichwahl. Bereits im ersten Wahlgang konnte die CSU 25 Landratsämter direkt gewinnen, fünf gingen an die Freien Wähler und eines an die SPD. Anders als in den Großstädten erreichten in den Landkreisen die Freien Wähler in zahlreichen Fällen den zweiten Wahlgang. Insgesamt gewann die CSU neun Landrats-Stichwahlen. In 20 Stichwahlen standen sich Kandidaten der CSU und der Freien Wähler gegenüber. In diesen überwiegend ländlich geprägten Regionen setzten sich die Freien Wähler in 14 Fällen durch.

Großes Interesse an Kommunalpolitik

Wie Hirscher weiter ausführte, bewerteten laut einer Civey-Studie 79 Prozent der Befragten die bayerischen Kommunalwahlen als wichtig bzw. eher wichtig – ein für Kommunalwahlen sehr hoher Wert. Dies habe, wie bereits bei anderen Wahlen der vergangenen Jahre, auf eine starke Mobilisierung und eine entsprechend hohe Wahlbeteiligung hingedeutet.

Auf die Frage nach dem Vertrauen in die Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker ihrer Region antworteten 40 Prozent der Befragten mit „sehr hoch“ oder „hoch“, während 35 Prozent ihr Vertrauen als „eher gering“ oder „sehr gering“ bezeichneten. Mit der Arbeit der Bayerischen Staatsregierung zeigten sich 52 Prozent zufrieden, 48 Prozent äußerten Unzufriedenheit.

Zuwanderung und Wirtschaft als wichtigste Themen

Nach Angaben des Hamburger Instituts GMS entschieden sich auf die Frage „Welche Partei in Ihrer Gemeinde bzw. in ganz Bayern gefällt Ihnen am besten?“ 33 Prozent bzw. 36 Prozent für die CSU. Für die AfD sprachen sich 14 bzw. 11 Prozent aus. „Die Stimmungslage auf Gemeinden bezogen war offensichtlich pro AfD“, erläuterte Hirscher. Für die Freien Wähler votierten 11 bzw. 13 Prozent der Befragten.

Nach Angaben der Forschungsgruppe Wahlen bezeichneten 55 Prozent der Bürgerinnen und Bürger ihre persönliche wirtschaftliche Lage als gut – sieben Prozentpunkte weniger als 2020 –, lediglich sieben Prozent stuften sie als schlecht ein. Als wichtigste Herausforderungen im Freistaat nannten die Befragten laut infratest dimap mit deutlichem Abstand das Thema Zuwanderung und Flucht (29 Prozent). Es folgten Wirtschaft (20 Prozent), Bildung, Schule und Ausbildung (13 Prozent), Umweltschutz und Klimawandel (11 Prozent), soziale Ungerechtigkeit, Armut und Bürgergeld (9 Prozent), Wohnen und Mieten (9 Prozent), Mobilität und Verkehr (8 Prozent) sowie Energiepolitik und Energiewende (8 Prozent). Das Thema Politik und Verwaltung (Abgehobenheit und Politikverdrossenheit) bildete mit sechs Prozent das Schlusslicht der Rangliste.

Hohe Zufriedenheit mit den Lebensbedingungen

Mit den allgemeinen Lebensbedingungen zeigten sich 85 Prozent der Befragten sehr zufrieden bzw. zufrieden. Besonders positiv bewertet wurden die Bereiche Sicherheit und Ordnung (79 Prozent), das bürgerliche Miteinander (73 Prozent) sowie die wirtschaftliche Situation (59 Prozent). Die größte Unzufriedenheit über sämtliche Lebensbereiche hinweg äußerten die Anhänger der AfD. Gleichzeitig sind sie mit 71 Prozent auch am wenigsten bereit, sich kommunalpolitisch zu engagieren.

Die Fähigkeit, kommunale Probleme erfolgreich zu lösen, trauten 25 Prozent der Befragten der CSU zu – neun Prozentpunkte weniger als 2020. Die Freien Wähler erreichten zehn Prozent (-1 Prozentpunkt), gefolgt von der AfD mit neun Prozent (+7), der SPD mit neun Prozent (-5), den Grünen mit fünf Prozent (-4) und der Linken mit drei Prozent (+1). Andere Parteien und lokale Listen kamen zusammen auf 13 Prozent. 26 Prozent der Befragten konnten sich mit keiner Partei bzw. Liste identifizieren.

Wahrnehmung prägt politische Entfremdung

In diesem Zusammenhang verwies Hirscher auf die Studie „Geographien der Unzufriedenheit – Daseinsvorsorge“ des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Die Untersuchung basiert auf Daten aus rund 14.000 Gemeinden und zeigt, dass eine objektiv bessere Daseinsvorsorge grundsätzlich mit einer höheren Zufriedenheit der Bevölkerung einhergeht. Gleichzeitig kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass bei der politischen Entfremdung weniger die tatsächliche Versorgungslage als vielmehr deren subjektive Wahrnehmung ausschlaggebend sei.

„Menschen sind demnach mit einer intensiveren Daseinsvorsorge grundsätzlich zufriedener. Hinsichtlich der politischen Entfremdung in Deutschland dominiert hingegen die subjektive Bewertung und nicht die objektive Versorgung.“

Politisch bedeute dies, so Hirscher, dass eine bloße Ausweitung oder Verbesserung kommunaler Angebote allein vermutlich nicht ausreiche, um politischer Entfremdung wirksam entgegenzuwirken. Entscheidend sei vielmehr, wie öffentliche Leistungen wahrgenommen, kommuniziert und in bestehende Deutungsmuster eingeordnet würden. Politische Unzufriedenheit speise sich nicht allein aus objektiv messbaren Defiziten, sondern in erheblichem Maße aus deren Interpretation und öffentlicher Wahrnehmung, betonte Hirscher abschließend.

Doris Kirchner

Doris Kirchner, Chefin vom Dienst

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