Festakt zum 125. Geburtstag von Hanns Seidel: Politik als Verantwortung für die nächste Generation

GZ Ausgabe GZ-20-2026 vom 22. Oktober 2026 | Landes-, Bundes- und Europapolitik, Verbände
von Constanze von Hassel
Blick auf einen Redner
Ministerpräsident Dr. Markus Söder anlässlich des 125. Geburtstags seines Vorgängers Hanns Seidel: „Die zentrale Aufgabe von Politik besteht darin, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass die nächste Generation mindestens ebenso gute, möglichst aber bessere Chancen vorfindet.“ Bild: GZ

Ministerpräsident Markus Söder und HSS-Vorsitzender Klaus Holetschek würdigen den Wegbereiter des modernen Bayern - München. Wie viel Hanns Seidel steckt noch im Bayern von heute? Eine ganze Menge, zumindest wenn es nach den Rednern beim Festakt zum 125. Geburtstag des früheren Bayerischen Ministerpräsidenten, CSU-Vorsitzenden und Namensgebers der Hanns-Seidel-Stiftung geht. Im Münchner Konferenzzentrum der Stiftung würdigten Ministerpräsident Dr. Markus Söder und der HSS-Vorsitzende Prof. Klaus Holetschek Seidel als einen Politiker, der Wiederaufbau und Modernisierung des Freistaats entscheidend mitprägte. Zugleich schlugen sie den Bogen zu aktuellen Fragen: von Föderalismus und Wirtschaftspolitik über Energieversorgung bis zur Verantwortung demokratischer Politik.

Hanns Seidel wurde am 12. Oktober 1901 in Schweinheim bei Aschaffenburg geboren. Der promovierte Jurist arbeitete als Rechtsanwalt und engagierte sich früh gegen den Nationalsozialismus. Nach Kriegsende wurde er 1945 zunächst Landrat, ein Jahr später Landtagsabgeordneter und 1947 Bayerischer Wirtschaftsminister. 1955 übernahm er den CSU-Vorsitz, von 1957 bis 1960 amtierte er als Bayerischer Ministerpräsident. Seidel starb 1961 im Alter von nur 59 Jahren.

„Demokratie braucht Haltung und Verantwortung“

Für Holetschek liegt die Aktualität Seidels nicht allein in dessen politischen Ämtern. Seidel habe für ein Politikverständnis gestanden, das auf christlichen Grundüberzeugungen, Gemeinwohlorientierung und einem starken demokratischen Verantwortungsbewusstsein beruhte. Dazu gehörte für ihn auch ein ausgeprägter Föderalismus mit starken Ländern.

„Demokratie braucht Haltung und Verantwortung“, fasste Holetschek eine der zentralen Lehren aus Seidels Wirken zusammen. Politische Verantwortung bedeute, Lösungen zu finden und zu handeln, statt Probleme auszusitzen. Dabei müssten Erneuerung und Innovation mit Identität und Heimat verbunden werden.

Dass ausgerechnet eine politische Bildungsstiftung Seidels Namen trägt, ist für Holetschek deshalb folgerichtig. Seidel habe früh erkannt, wie wichtig politische Bildung für eine funktionierende Demokratie sei. Dieses Erbe wolle die Hanns-Seidel-Stiftung weitertragen.

Vom Landrat zum Ministerpräsidenten

Söder erinnerte daran, dass Seidels politischer Aufstieg unmittelbar mit den schwierigen Nachkriegsjahren verbunden war. Als Landrat gehörte er zu jener Generation kommunaler Verantwortungsträger, die sich nach 1945 ganz praktischen Problemen stellen musste: Versorgung sichern, Wohnraum schaffen, Verwaltung und Wirtschaft wieder in Gang bringen.

Gerade diese Verbindung aus praktischem Handeln und politischer Konzeption zeichnete Seidel nach Einschätzung des Ministerpräsidenten aus. Er habe Probleme nicht nur verwaltet, sondern Strukturen verändern und Zukunft gestalten wollen.

Söder hob zugleich Seidels klare demokratische Haltung hervor. Der Jurist habe sich gegen den Nationalsozialismus engagiert und als Rechtsanwalt auch jüdische Mandanten vertreten. Daraus leitete der Ministerpräsident eine Verpflichtung für die Gegenwart ab: Gerade Christen und Sozialkonservative müssten eindeutig gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus Position beziehen.

Architekt des modernen Bayern

Besonders prägend war Seidels Zeit als Wirtschaftsminister. Bayern befand sich nach dem Krieg noch weitgehend im Übergang von einem landwirtschaftlich geprägten Land zu einem modernen Industrie- und Wirtschaftsstandort. Seidel setzte auf Mittelstand und Handwerk, Industrieansiedlungen, Infrastruktur und eine leistungsfähige Energieversorgung.

Söder betonte ausdrücklich diese wirtschaftspolitische Linie Seidels, denn ohne ausreichende Energieversorgung gebe es keine starke Wirtschaft und keinen Wohlstand. Und wirtschaftlicher Erfolg sei wiederum eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Stabilität und Demokratie. Seidels Politik zeige, dass wirtschaftliche Modernisierung langfristig gedacht werden müsse.

Gleichzeitig trug Seidel wesentlich zur Modernisierung der CSU bei. Nach den politischen Schwierigkeiten der 1950er-Jahre gelang es ihm, unterschiedliche Strömungen zusammenzuführen und die Partei organisatorisch und programmatisch weiterzuentwickeln. Damit leistete er einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der CSU als Volkspartei.

Föderalismus braucht klare Verantwortung

Besonders aktuell wurde die Diskussion beim Thema Föderalismus. Der Historiker Prof. Andreas Rödder warnte vor einer zunehmenden Verflechtung der politischen Ebenen. Wenn Bund, Länder und Kommunen gemeinsam für Aufgaben zuständig seien, werde für die Bürger immer schwerer erkennbar, wer am Ende tatsächlich Verantwortung trage.

Als Beispiel nannte er die Bildungspolitik: Die Länder tragen die Verantwortung für das Bildungswesen, die Kommunen sind vielerorts Schulaufwandsträger, zugleich beteiligt sich der Bund mit immer neuen Programmen. Der Föderalismus sei eine Stärke Deutschlands, müsse aber reformiert und Verantwortlichkeiten müssten wieder klarer zugeordnet werden.

Holetschek griff diesen Gedanken auf. Wer über Staatsmodernisierung spreche, müsse auch bereit sein, föderale Strukturen, den Länderfinanzausgleich und die Stellung der Länder neu zu diskutieren. Gerade Seidels Verständnis eines selbstbewussten, eigenverantwortlichen Freistaats könne dafür Orientierung bieten.

Auch Söder erinnerte in diesem Zusammenhang an Seidels Forderung, die Länder müssten ihre eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten erkennen und nutzen, anstatt sich dauerhaft auf Transfers zu verlassen. Bayern selbst sei lange Empfänger im Länderfinanzausgleich gewesen und heute mit Abstand größter Zahler.

Mehr Bewusstsein für bayerische Geschichte

Der Festakt war damit weit mehr als eine historische Rückschau. Söder sprach sich dafür aus, die bayerische Landesgeschichte und die Persönlichkeiten, die den Freistaat nach 1945 geprägt haben, stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – gerade bei jungen Menschen.

Denn Seidels politisches Erbe lasse sich nicht auf einzelne Ämter oder Entscheidungen reduzieren. Soziale Marktwirtschaft, Mittelstand und Handwerk, Eigenverantwortung, sozialer Ausgleich, Föderalismus sowie die Verbindung von Identität und Modernisierung ziehen sich wie ein roter Faden durch sein politisches Wirken.

Am Ende formulierte Söder daraus einen Auftrag, der über den 125. Geburtstag hinausweist: Die zentrale Aufgabe von Politik bestehe darin, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass die nächste Generation mindestens ebenso gute, möglichst aber bessere Chancen vorfinde.

Hanns Seidels politische Laufbahn begann dort, wo staatliche Entscheidungen unmittelbar bei den Menschen ankommen: im Landratsamt. Dass aus dem Landrat später Wirtschaftsminister, Parteivorsitzender und Ministerpräsident wurde, steht auch für ein Politikverständnis, bei dem Gestaltungswille und Bodenhaftung zusammengehören. 125 Jahre nach seiner Geburt bleibt damit eine bemerkenswert aktuelle Botschaft: Politik bewährt sich nicht allein in großen Worten, sondern vor allem darin, Verantwortung zu übernehmen und Zukunft möglich zu machen.

Constanze von Hassel

Constanze von Hassel, Chefredakteurin

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