In Krisen ist Mitbestimmung selbst in „Kinderfreundlichen Kommunen“ Mangelware: Beim „Corona-Test“ kläglich versagt

GZ Ausgabe GZ-13-2025 vom 3. Juli 2025 | Landes-, Bundes- und Europapolitik, Verbände
von Pat Christ
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Vielen Kindern in Landshut geht es psychisch nicht allzu gut. Das fand eine Studentin der Landshuter Hochschule in ihrer Bachelorarbeit heraus. Teilweise ist dies ist immer noch auf die Corona-Krise zurückzuführen, so Landshuts Jugendpflegerin Sabrina Kasper. Sich gut um Kinder zu kümmern, ist darum wichtiger denn je. Städte wie Landshut tun dies im Projekt „Kinderfreundliche Kommune“. Das ist gut. Schlecht bleibt, dass die Verstöße gegen Kinderrechte in der Corona-Zeit bis heute nicht aufgearbeitet sind.

Kinder sind das Kostbarste, was eine Gesellschaft hat. Dies sagte kurz vor ihrem Tod im Februar 2023 die renommierte Psychotherapeutin Gudrun Halbrock. In Hamburg hatte sie sich schwerpunktmäßig um Kinder und junge Menschen mit Ängsten, Depressionen und Traumata gekümmert. Was Gudrun Halbrock konstatierte, ist im Grunde das Logischste der Welt: Ohne Kinder gibt es keine Zukunft; geht das Leben nicht weiter.

Kinder brauchen mehr als ein Dach überm Kopf und gesundes Essen. Sie brauchen Geborgenheit; wollen angstfrei und sicher leben; benötigen anregende Lernumgebungen und stimulierende Hobbys. Und sie wollen aktionsfähig sein können. Zum Beispiel dadurch, dass sie über kommunale Freizeitangebote mitbestimmen. Viele Kommunen setzen sich auch dafür ein, dass sich Kinder bei ihnen wohl fühlen; dass sie zu lebenstüchtigen Erwachsenen und mündigen Bürgern heranreifen. Insbesondere „Kinderfreundliche Kommunen“ tun dies. Und zwar heuer offiziell seit genau 13 Jahren.

2012 wurde Weil am Rhein als erste „Kinderfreundliche Kommune“ ausgezeichnet. Regensburg ging Ende 2012 als erste mit diesem Siegel versehene Stadt in Bayern an den Start. Inzwischen gibt es bundesweit über 60 Kommunen, die das Siegel „Kinderfreundlich“ tragen. Im Freistaat beteiligen sich neben Regensburg und Landshut die Städte Kitzingen, Unterhaching, Germering, Murnau am Staffelsee und Garmisch-Partenkirchen an der Initiative.

Kinder wollen nicht bedient und sie wollen nicht nur bespaßt werden. Da kann ein Spielplatz oder ein Jugendzentrum noch so „vorbildlich“ sein, aus Erwachsenensicht betrachtet: Teenies wollen selbst entscheiden, wie der Ort, an dem sie mit anderen spielen, gestaltet sein soll. Oder welche Angebote es im JUZ gibt. Kinder- und Jugendbeteiligung steht deshalb auch im Mittelpunkt von „Kinderfreundlichen Kommunen“. Wie wichtig Beteiligung ist, unterstreicht Clemens Scheerer, der die Fachstelle „Kinder- und Jugendbeteiligung“ des Bayerischen Jugendrings (BJR) koordiniert.

Mehr als Wunscherfüllung

„Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist keine nette Ergänzung, sondern ein zentraler Bestandteil demokratischen Handelns“, sagt er. Es gehe nicht um Wunscherfüllung: „Sondern darum, durch den Einbezug der Perspektiven von Kindern und Jugendlichen tragfähigere, gerechtere und zukunftsorientiertere Lösungen zu entwickeln.“ Das fordert Erwachsenen freilich einiges ab. Sie müssen Verantwortung teilen, Demokratie weiterentwickeln und Mitbestimmung aktiv fördern, etwa in Form von Jugendbeiräten oder Kinderversammlungen. Und sich auch auf ungewöhnliche Ideen junger Menschen einlassen.

Mitbestimmungsmöglichkeiten, fordert Scheerer, müssten in allen alltäglichen Lebensräumen verankert sein: „In Kita, Schule, Jugendzentrum und Verein.“ Vor allem müssten sie vom Ansatz her richtig gedacht werden. Beteiligung lasse sich nicht mit einer singulären Veranstaltung „erledigen“: „Das ist ein längerfristiger Prozess.“

Dabei müsse von Anfang an klar kommuniziert werden, was mit den Ergebnissen geschieht. Zerbrechen sich Kinder den Kopf und sehen sie später, dass fast keine Idee berücksichtigt wird, kommt Ärger auf. Geschieht dies öfter, hat man plötzlich jene, die man gewinnen wollte, zu Gegnern. „Lieber keine Beteiligung als eine schlechte“, sagt auch Scheerer.

Ein fragwürdiges Licht auf die öffentlichkeitswirksam formulierte Bereitschaft, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen und sie sich beteiligen zu lassen, wirft für Scheerer die Corona-Krise. Für den BJR-Fachmann war sie ein „besonders schmerzliches Beispiel“ dafür, dass Kinder und Jugendliche dann, wenn es sie ganz besonders stark betrifft, nicht berücksichtigt werden. „Bei weitreichenden Entscheidungen, etwa zu Schulschließungen, wurden sie kaum einbezogen.“ Sehr zaghaft und nur sehr vereinzelt wurde bisher öffentlich Abbitte geleistet. Verbunden mit dem Versprechen, es künftig besser machen zu wollen.

Notinseln für Kinder

Ebersberg in Oberbayern arbeitet gerade daran, eine „Kinderfreundliche Kommune“ zu werden. Dies tut die Stadt anhand der Vorschlagsliste der Initiative „Kinderfreundliche Kommune“. Hier sind mögliche Maßnahmen aufgeführt. „Wir waren damit schon in allen dritten und vierten Klassen in Ebersberg“, berichtet Stadtjugendpfleger Christian Zeisel. Inzwischen liegt eine Prioritätenliste der Kinder vor. Ganz oben rangiert der Wunsch, in Ebersberg „Notinseln“ für Kinder einzurichten. Außerdem wünschen sich die Jungs und Mädchen, dass im Begrüßungspaket für Eltern künftig Infos über Kinderrechte zu finden sind.

In Ebersberg wird bereits viel dafür getan, dass sich Kinder und Jugendliche beteiligen. Hier gibt es zum Beispiel eines der ältesten selbstverwalteten Jugendzentren in ganz Deutschland. Vor über 50 Jahren wurde es gegründet. Außerdem wurde vor drei Jahren der nach wie vor einzige „8er-Rat“ in Bayern in Ebersberg etabliert. Sämtliche Achtklässler aus der Mittel- und Realschule sowie aus zwei Gymnasien im Landkreis kommen hier zweimal im Jahr, statt in den Unterricht zu gehen, zusammen. Gemeinsam machen sie sich Gedanken, wie das Angebot für Kinder und Jugendliche in Ebersberg verbessert werden könnte.

Bewusst hat sich die Stadt für dieses unbeschränkte Format entschieden. Zeigt doch die Erfahrung, dass in Jugendbeiräte vor allem solche jungen Leute hineingewählt werden, die sowieso schon stark engagiert sind. Oft handelt es sich um Gymnasiasten. „Wir wollten alle im Boot haben“, sagt Zeisel.

Kämmerer stellt sich vor

Als Jugendpfleger ist ihm das Thema „Kinderrechte“ äußerst wichtig. Kinder sind nun mal keine Wesen, die man auf irgendetwas hin dressieren oder immer nur zu bestimmten Dingen anhalten darf. Kinder haben das Recht, sich zu äußern und ihre Lebenswelt mitzubestimmen. Darin pflichtet Zeisel dem BJR-Fachmann Scheerer bei. Das bedeutet natürlich auch, dass Kinder ein realistisches Bild erhalten müssen, was in ihrer Kommune möglich ist und was nicht. Beim 8er-Rat stellt sich der Kämmerer vor: „Die Schüler erfahren, wie viel Geld wir haben.“

Während der Corona-Krise war von Kinderrechten plötzlich keine Rede mehr, beklagt auch Christian Zeisel. Nach seiner Aussage wurde massiv gegen die Kinderrechtskonvention verstoßen. Demnach hat das Kindeswohl absoluten Vorrang: „Ganz objektiv betrachtet, ohne irgendjemandem die Schuld zuzuweisen, wurde dies faktisch nicht beachtet.“

Das sehen auch die Mitglieder des bundesweiten Vereins „Pädagogen für Menschenrechte“ so. Sie erinnern an Artikel 3 der 1992 auch von Deutschland verabschiedeten Kinderrechtskonvention. „Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, egal ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen betroffen sind, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist”, heißt es darin. Niemals hätten dieser Konvention zufolge Kinder monatelang isoliert werden dürfen. Die dadurch erzeugte Einsamkeit empfanden viele Kinder als grausam; als Albtraum.

„Ohrenbetäubendes Schweigen“

„Über die Zeit der Corona-Maßnahmen und ihre massiven negativen Folgen auf Kinder und Jugendliche besteht gerade im Bildungssystem ein ohrenbetäubendes Schweigen“, erklärt die Organisation. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Geschehenen sehen die Mitglieder nirgends. Die damaligen Verletzungen des Kindeswohls anzuerkennen, wäre jedoch eine wichtige Voraussetzung für einen klärenden, vergebenden Dialog, der gesellschaftliche Gräben schließen und entstandene Wunden heilen könne. Um an die übergriffigen Corona-Maßnahmen zu erinnern, organisiert der Verein am 5. Juli in Karlsruhe eine politische Kunstperformance.

Dass es Teenies seit der Corona-Krise psychisch schlechter geht, lässt sich am Anstieg der Fallzahlen in der Eingliederungshilfe ablesen. Die erhielten Ende 2024 zum Beispiel im Landkreis Landshut 279 Kinder und Jugendliche. Das waren laut Pressesprecherin Carina Weinzierl zwölf Prozent mehr als 2019.

Der Landkreis Landshut bemühte sich in der Corona-Zeit, Kinder und Jugendliche zu unterstützen, sagt sie. Aktionen und Beratungen seien zum Beispiel digital angeboten worden: „Dies wurde auch sehr gut angenommen.“ Heute seien in vielen Gemeinden des Landkreises Jugendpfleger engagiert: „Und es werden Jugendtreffs angeboten.“

Große Einsamkeit

Der Landkreis Landshut selbst trägt nicht das Siegel „kinderfreundlich“; die Stadt allerdingsschon. „Wir setzen auf eine aktive Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, um deren Interessen und Meinungen in der Stadtplanung berücksichtigen zu können“, betont Jugendpflegerin Sabrina Kasper. Der Jugendbeirat, der im vergangenen Herbst erstmals gewählt wurde, gilt als Meilenstein. Bei einer Stadtteilbegehung im Landshuter Sanierungsgebiet „Marienplatz-Freyung“ nahmen 127 Kinder teil. Was Sabrina Kasper jedoch auch feststellt: „Das Thema Einsamkeit wird bei Kindern und Jugendlichen leider immer präsenter.“

Zweifellos ist es gut, dass sich Kinder und Jugendliche heute mehr als früher beteiligen können. Es ist gut, dass es „Kinderfreundliche Kommunen“ gibt. Denn sie haben einen Effekt. Und zwar auch und gerade auf Kinder mit einer Behinderung, unterstreicht die Landshuter Lebenshilfe. So waren bei den Planungen für den neuen Bayerwald-Spielplatz auch geistig behinderte Schüler der Pestalozzi-Schule eingebunden.

Unbestreitbar bleibt aber auch nach Auskunft der Lebenshilfe, dass während der Corona-Krise nicht zuletzt Familien mit behinderten Kindern gelitten haben. Viele Förderangebote waren allenfalls noch eingeschränkt nutzbar. Aber auch fehlende soziale Kontakte beeinträchtigten Familien mit behinderten Kindern besonders stark. Gerade deshalb, so Pressesprecherin Kathrin Finetto, unterstützt die Landshuter Lebenshilfe heute die Idee „Kinderfreundliche Kommune“.

Selber bauen

Deutlich mehr kinderfreundliche Angebote als noch vor 15 Jahren gibt es auch in der „Kinderfreundlichen Kommune“ Regensburg. Als ein Beispiel von vielen nennt die städtische Pressestelle den Bauspielplatz des Trägers „Regensburger Eltern“ mit pädagogischem Personal. Hier können Kinder selber bauen. Auch in Regensburg wurde außerdem ein Konzept zur Kinder- und Jugendbeteiligung umgesetzt.

„Während der Pandemie hat sich die Kinderfreundlichkeit der Stadt als sehr hilfreich bewährt“, sagt Pressesprecherin Katrin Butz. Die Spielplätze hätten zu einem frühen Zeitpunkt wieder geöffnet werden können, da „Social Distancing“ möglich war. Außerdem habe die kommunale Jugendarbeit virtuelle Angebote gemacht: „Und sie hat mit Abstand und Maske die Außenflächen der Jugendzentren betreut.“ Sogar eine Kinderbeteiligung an der Planung eines Spielplatzes habe mit Maske und Abstand im Freien stattfinden können.

Zugleich stellt man auch in Regensburg fest: Corona ist an jungen Menschen nicht spurlos vorübergegangen. Der Hilfebedarf stieg: „Allerdings ist Corona nicht der einzige Faktor.“ Der Anstieg liege auch an einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit für das präventive Angebot „Erziehungsberatung“, mehr Einwohnern sowie dem speziellen Unterstützungsbedarf für Flüchtlingskinder. Insgesamt erhöhte sich die Fallzahl bei der Eingliederungshilfe in Regensburg von 447 Fällen im Jahr 2019 auf 581 Fälle Jahr 2023. Das sind nahezu 30 Prozent.

Pat Christ

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