25. RNE-Jahreskonferenz in Berlin: „Zukunft gewinnen“

GZ Ausgabe GZ-19-2026 vom 8. Oktober 2026 | Landes-, Bundes- und Europapolitik, Verbände
von Doris Kirchner
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Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE) diskutierten auf der Jahreskonferenz in Berlin rund 500 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, wie wir morgen leben, arbeiten und wirtschaften wollen und heute die Weichen dafür stellen können. Das Jubiläum war für den RNE vor allem Anlass, den Blick nach vorn zu richten.

Gastredner Bundeskanzler

Friedrich Merz hob die Bedeutung von Nachhaltigkeit als Leitprinzip für die Politik des 21. Jahrhunderts hervor. Nachhaltigkeit bedeute vor allem, langfristig und generationengerecht zu handeln. Sie umfasse dabei nicht nur Umwelt- und Klimaschutz, sondern auch innere und äußere Sicherheit, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, soziale Sicherung, Staatsmodernisierung, Wohnungsbau, Rohstoffversorgung und den Schutz der biologischen Vielfalt.

Die Herausforderungen seien besonders groß, weil Deutschland vor tiefgreifenden Veränderungen stehe. Die kommenden Jahre würden die Entwicklung des Landes über Jahrzehnte prägen. Deshalb müsse gleichzeitig an mehreren Baustellen gearbeitet werden, auch weil in der Vergangenheit teilweise „von der Substanz gelebt“ worden sei.

Klimaschutz als Wachstumsmotor

Ein Schwerpunkt der Rede lag auf dem Verhältnis von Klimaschutz und Wirtschaft. Merz widersprach der Vorstellung eines grundsätzlichen Zielkonflikts und verwies auf das Wachstum von Zukunftsmärkten im Bereich erneuerbarer Energien, Energieeffizienz und -speicherung. Deutschland verfüge hier über starke Branchen. Nachhaltiger Klimaschutz und Wirtschaftswachstum seien deshalb miteinander vereinbar. Als Instrument nannte der Kanzler unter anderem den europäischen Emissionshandel.

Gleichzeitig müsse sich Nachhaltigkeit stärker an den Folgen des Klimawandels orientieren. Klimaanpassung werde angesichts von Hitze, Trockenheit und Extremwetter immer wichtiger. Städte, Infrastruktur, Wasserressourcen sowie Land- und Forstwirtschaft müssten widerstandsfähiger werden.

Nachhaltigkeit im Alltag spürbar machen

Als konkrete politische Grundlage verwies Merz auf die Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Fünf Handlungsfelder stünden dabei im Mittelpunkt: Staatsmodernisierung, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, soziale Gerechtigkeit, die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen und internationale Zusammenarbeit. Ein neuer Aktionsplan solle die Nachhaltigkeitspolitik stärker an konkreten und im Alltag spürbaren Verbesserungen ausrichten.

Dabei gehe es auch um gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Akzeptanz von Nachhaltigkeitspolitik. Maßnahmen gegen Einsamkeit, für Gesundheitsprävention, bessere Luftqualität, gesunde Ernährung und Sport gehörten ebenso zum angekündigten Aktionsplan wie nachhaltiges Wirtschaften und die transparente Bewertung großer staatlicher Investitionen. Zugleich solle die Verwaltung ressortübergreifender und flexibler arbeiten.

Prof. Dr. Gerald H. Haug, Vorsitzender des RNE, erklärte: „Der Bundeskanzler hat Nachhaltigkeit als Leitmotiv des Regierungshandelns beschrieben. So wie er wünsche ich mir, dass wir die Debatten über grundsätzliche Fragen unseres nachhaltigen Zusammenlebens miteinander führen, ohne uns gegenseitig den guten Willen abzusprechen.“

Im Mittelpunkt der Jahreskonferenz standen drei Zukunftsfragen: Wie wird aus einem Zukunftsbild für Deutschland 2035 konkrete politische und gesellschaftliche Wirklichkeit? Wie können nachhaltiges Wirtschaften und Künstliche Intelligenz zum Chancenprogramm für die Arbeitswelt werden? Und: Wie wird Nachhaltigkeit zum Business Case und der Staat vom Flaschenhals zum Booster? In Zukunftslaboren wurden konkrete Lösungswege erörtert: Wie kann Deutschland Sicherheit, Natur, Infrastruktur und gesellschaftlichen Zusammenhalt zugleich stärken? Und wie lässt sich der nicht elektrifizierbare Energiebedarf klimaneutral decken?

Grüne Moleküle für die Energiewende

Denken wir an die Energiewende, sehen wir Windräder und Solarpanels, Stromtrassen und Ladesäulen. Doch ein Teil unseres Energiebedarfs lässt sich nicht elektrifizieren – man denke an Düngemittelproduktion, Langstreckenflüge, Hochseeschifffahrt oder Hochtemperaturprozesse in der Industrie. Hier werden keine Elektronen benötigt, sondern Moleküle. Grüne Moleküle. Wasserstoff aus der Wüste, Biomethan vom Acker nebenan, synthetische Kraftstoffe aus der Kläranlage – die Optionen klingen vielversprechend. Doch jeder Pfad hat seinen Preis. Grüner Wasserstoff aus Nordafrika? Bedeutet neue Abhängigkeiten. Heimisches Biogas? Konkurriert mit Flächen für Nahrungsmittel und Biodiversität. Kreislaufwirtschaft? Braucht Zeit, die wir vielleicht nicht haben. Diese Fragen und weitere potenzielle Zielkonflikte beleuchteten Anita Demuth, Fachgebietsleiterin PtX Mobilität, PtX Lab Lausitz, Dr. Monika Griefahn, Vorstandsvorsitzende eFuel Alliance e.V., sowie Dr. Myriam Rapior, RNE-Mitglied und Mitglied im Bundesvorstand des BUND e.V. mit Teilnehmern aus dem Publikum.

Zum Abschluss zogen beim „Generationencheck U30“ junge Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eine Bilanz des Tages und diskutierten mit Ratsmitgliedern, wie Zukunftsbilder politische Wirklichkeit werden, wie nachhaltiges Wachstum gelingt und was die nächste Generation einfordert.

Junge Generation fordert Mitsprache

Theodor Schell (Bürgermeister der mittelfränkischen Stadt Scheinfeld), Isabel Rutkowski (Bundesvorsitzende der Katholische Landjugendbewegung Deutschlands e.V.), Moritz Tapp (stellv. Vorsitzender des Deutschen Bundesjugendrings e.V.) und Martina Vollmer (Director of Digital Business Development bei Siemens) warteten dabei mit klaren Botschaften auf.

Gefährliche Cyberpolitik

Aus ihrer Sicht darf Cyberpolitik nicht unterschätzt werden. Sie gehöre zusammen mit dem Thema Sicherheit auf die Nachhaltigkeitsagenda, genauso wie Energieversorgung und Twin Transition. Wichtig seien dabei immer die unterschiedlichen Perspektiven in Stadt und Land – Stichwort ÖPNV. Zudem müsse Beteiligung ernstgenommen werden. Junge Menschen dürften nicht nur eingeladen werden, wenn es um Jugendbeteiligung geht, sondern seien dauerhaft einzubinden.

Eine weitere Forderung: Bildung für nachhaltige Entwicklung, auch für Erwachsene! Man müsse ein Bewusstsein dafür schaffen, wie vielschichtig die Themen sind und dass es Räume für Austausch gibt. Auch plädierten die jungen Diskutanten für ein „Zukunftsbild Solarpunk“ statt „Cyberpunk“. Ende der 1990er-Jahre hätten Filme graue Welten voller Roboter gezeigt. In Zukunft könnte das Szenario ein anderes sein: grün, effizient und durch Digitalisierung verbunden.

Doris Kirchner

Doris Kirchner, Chefin vom Dienst

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