Digitale Infrastruktur: Fortschritte sichtbar, Handlungsdruck bleibt hoch
von Constanze von Hassel

Beim vbw-Kongress „Vorsprung Bayern“ wurde deutlich: Der Ausbau der digitalen Infrastruktur im Freistaat kommt voran, doch für Kommunen bleibt der Handlungsdruck hoch. Aktuelle Studien und Marktdaten zeigen Fortschritte bei Breitband und Mobilfunk, gleichzeitig aber weiterhin strukturelle Defizite, insbesondere beim Glasfaserausbau und in ländlichen Regionen.
Versorgung verbessert; Glasfaser bleibt Engpass
Bayern liegt bei der Grundversorgung mit mindestens 100 Mbit/s inzwischen leicht über dem Bundesdurchschnitt. Auch im ländlichen Raum verfügen inzwischen rund neun von zehn Haushalten über entsprechende Anschlüsse. Beim Gigabit-Ausbau bewegt sich Bayern aktuell in einem Korridor von etwa 70 bis 75 Prozent der Haushalte, mit weiter steigender Tendenz. In den kommenden Jahren dürfte dieser Wert, auch durch laufende Fördermaßnahmen, auf über 80 Prozent anwachsen.
Deutlich hinterher hinkt jedoch der Glasfaserausbau bis in die Gebäude (FTTH). Hier liegt die Versorgung je nach Datengrundlage und Region weiterhin deutlich unter 50 Prozent, vielfach etwa im Bereich eines Drittels der Haushalte. Der geplante Ausbau wird zwar zu deutlichen Fortschritten führen, eine flächendeckende Versorgung ist jedoch noch nicht erreicht. Für Kommunen bedeutet das: Die bisherigen Förderprogramme zeigen Wirkung, aber der eigentliche Zukunftsstandard Glasfaser bleibt jedoch die zentrale Baustelle.
Bedarf wird unterschätzt
Die Nachfrage nach Bandbreite wächst dynamisch. Bereits heute nutzt knapp die Hälfte der Unternehmen Anschlüsse mit mehr als 500 Mbit/s, ein deutlicher Anstieg innerhalb weniger Jahre. Gleichzeitig erwartet ein wachsender Anteil der Betriebe in naher Zukunft einen Bedarf im Gigabit-Bereich. Auffällig ist, dass Unternehmen ihren zukünftigen Bedarf regelmäßig unterschätzen. Besonders kleinere Betriebe entwickeln derzeit zunehmend höhere Anforderungen. Treiber sind datenintensive Anwendungen wie Künstliche Intelligenz, Cloud-Dienste oder immersive Technologien. Für die kommunale Planung heißt das: Infrastruktur muss stärker vorausschauend dimensioniert werden, orientiert an zukünftigen Anforderungen statt am aktuellen Bedarf.
Mobilfunk: Hohe Abdeckung, aber Qualitätslücken
Die offiziellen Versorgungszahlen im Mobilfunk weisen für Bayern eine nahezu flächendeckende Abdeckung aus. Messbasierte Analysen zeigen jedoch ein differenzierteres Bild: In etwa einem Fünftel der Fälle kommt es zu Einschränkungen bei Verbindungsqualität oder Datenübertragung. Auch bei 5G bestehen weiterhin spürbare Lücken in der tatsächlichen Nutzbarkeit. Für Kommunen ist diese Diskrepanz zentral: Zwischen rechnerischer Abdeckung und tatsächlichem Nutzererlebnis besteht weiterhin eine relevante Differenz, insbesondere außerhalb urbaner Räume.
Überragendes öffentliches Interesse
Mit der Einstufung des Netzausbaus als „überragendes öffentliches Interesse“ hat der Bund 2025 eine klare Priorität gesetzt. Ziel ist es, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und dem Ausbau digitaler Infrastruktur in Abwägungsentscheidungen mehr Gewicht zu geben. In der praktischen Umsetzung zeigt sich jedoch, dass dieser Anspruch vor Ort noch nicht durchgängig greift. Insbesondere im Zusammenspiel mit den unteren Naturschutzbehörden bestehen weiterhin Unsicherheiten in der Anwendung der neuen Rechtslage.
Gerade in einem Flächenland wie Bayern mit zahlreichen Schutzgebieten ist eine funktionierende Abstimmung entscheidend. Ohne eine einheitliche und praxistaugliche Umsetzung droht das politisch formulierte Beschleunigungsziel seine Wirkung zu verfehlen. Für kommunale Entscheider ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: frühzeitige Abstimmung, transparente Verfahren und ein lösungsorientiertes Zusammenspiel aller Beteiligten. Digitalisierung und Naturschutz sind keine Gegensätze, sie müssen vor Ort verlässlich in Einklang gebracht werden.
Bürokratie, Kosten und Akzeptanz
Neben regulatorischen Fragen bremsen weitere Faktoren den Ausbau Glasfaserausbau:
- komplexe Genehmigungsverfahren und Dokumentationspflichten
- hohe Ausbaukosten durch Geologie und geringe Siedlungsdichte
- fehlende Wirtschaftlichkeit in Teilen des ländlichen Raums
- sowie teilweise geringe Nachfrage und Akzeptanz vor Ort
Der Glasfaserausbau bleibt ein kapitalintensives Infrastrukturprojekt, das ohne Förderung vielerorts nicht wirtschaftlich realisierbar ist. Entsprechend wurden in den vergangenen Jahren erhebliche öffentliche Mittel eingesetzt, um insbesondere ländliche Regionen anzuschließen. Der für den Glasfaserausbau zuständige bayerische Finanzminister Albert Füracker stellte fest: „Wir haben in Bayern Milliarden investiert, obwohl wir formal gar nicht zuständig sind, weil es sonst niemand gemacht hätte. Unser Ziel bleibt klar: Kein Unternehmen darf einen Standortnachteil haben, nur weil die digitale Infrastruktur fehlt.“
Kommunen als Schlüsselakteure
Auch wenn die Zuständigkeit formal beim Bund liegt, sind Kommunen zentrale Akteure im Ausbauprozess. Sie koordinieren Förderverfahren, schaffen Baurecht, vermitteln zwischen Bürgern, Wirtschaft und Netzbetreibern und treiben Projekte vor Ort aktiv voran. Gleichzeitig wächst der Druck: Ohne konsequentes kommunales Engagement besteht die Gefahr, dass einzelne Ortsteile langfristig abgehängt werden – insbesondere mit Blick auf mögliche Veränderungen der Förderkulisse.
Blick nach vorn: Infrastruktur als Grundlage für Innovation
Die technologischen Entwicklungen erhöhen den Handlungsdruck weiter. Anwendungen wie Künstliche Intelligenz, vernetzte Industrie, autonome Systeme oder Extended Reality erfordern künftig deutlich höhere Bandbreiten, geringere Latenzen und stabile Netze. Schon heute zeigt sich: Viele dieser Anwendungen sind ohne leistungsfähige Infrastruktur nicht skalierbar. Gleichzeitig treiben sie den Bedarf weiter nach oben und erhöhen damit die Anforderungen an Planung und Ausbau.