Zukunft unter neuen Marktbedingungen

GZ Ausgabe GZ-13-2026 vom 2. Juli 2026 | Umwelt & Entsorgung
von Doris Kirchner
Foto von zwei Personen am Rednerpult
Dr. Dirk Textor, Vorsitzender bvse-Fachverband Kunststoffrecycling, und Anna Roeb, Referentin bvse-Fachverband Kunststoffrecycling. Bild: bvse

Internationaler Altkunststofftag und Internationaler Alttextiltag in Bad Neuenahr - Die Kunststoff- und Textilrecyclingbranche in Deutschland und Europa ist nach Einschätzung des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung bvse an einem entscheidenden Wendepunkt. Während geopolitische Krisen, gestörte Lieferketten und volatile Rohstoffmärkte die Bedeutung von Rezyklaten als strategische Ressource deutlich machen, geraten viele Unternehmen der Recyclingwirtschaft zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Diese doppelte Entwicklung zog sich als zentrales Motiv durch den 28. Internationalen Altkunststofftag sowie den 13. Internationalen Alttextiltag des Verbands in Bad Neuenahr.

Beim Altkunststofftag betonte bvse-Vizepräsident Herbert Snell, dass sich die wirtschaftliche Lage der Branche zwar im Vergleich zum Vorjahr leicht verbessert habe, insgesamt jedoch anspruchsvoll bleibe. Zugleich wachse das Bewusstsein für die Bedeutung von Rezyklaten für Versorgungssicherheit, Ressourcenschutz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit.

Bereits die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie wichtig stabile Kreislaufwirtschaftssysteme für die Versorgung seien. Neue geopolitische Konflikte und unterbrochene Handelswege machten erneut deutlich, wie abhängig Europa von internationalen Rohstoffströmen sei. Vor diesem Hintergrund stellte Snell die Frage, warum Europa strategische Autonomie bei Energie, Halbleitern und kritischen Rohstoffen diskutiere, nicht jedoch bei Kunststoffen und Rezyklaten. Diese seien längst kein Nischenprodukt mehr, sondern ein strategischer Rohstoff für die Industrie.

Zudem warnte der Verband vor erheblichen strukturellen Problemen: Seit 2023 seien europaweit mehr als eine Million Tonnen Recyclingkapazität verloren gegangen. Gründe dafür seien insbesondere der Preisverfall bei Neuware, eine schwache Nachfrage nach Rezyklaten sowie ein Investitionsumfeld, das den Ausbau der Kreislaufwirtschaft erschwere.

Globaler Wettbewerbsnachteil

Die Branche sieht sich damit einem globalen Wettbewerbsnachteil gegenüber. Virgin Plastic sei häufig günstiger als Rezyklate, während Umwelt- und Klimakosten nicht ausreichend eingepreist würden. In wirtschaftlich angespannten Situationen gerate der Einsatz von Rezyklaten daher regelmäßig ins Hintertreffen. Für die Unternehmen ist deshalb klar: Der Markt allein werde die Transformation zur Kreislaufwirtschaft nicht leisten können.

Dirk Textor, Vorsitzender des bvse-Fachverbands Kunststoffrecycling, kritisierte vor allem die bestehenden Rahmenbedingungen im deutschen Verpackungsrecycling. Zwar gelte Deutschland international als „Recyclingweltmeister“, doch die Realität in den Anlagen sehe anders aus.
Aus seiner Sicht setzen die bestehenden Systeme falsche Anreize: Der starke Fokus auf Quoten und Mengen führe dazu, dass die Qualität der gesammelten und sortierten Kunststoffabfälle zunehmend leide: „Wir feiern Quoten, während wir gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit und Qualität des Recyclings beschädigen.“ Die Folge sei eine strukturelle Schwächung der Recyclingwirtschaft. Textor forderte daher eine grundlegende Reform der Bewertungslogik. Maßstab müsse künftig der tatsächliche Output des Recyclingprozesses sein, nicht die bloße Inputmenge. Nur so könne industrielle Qualität sichergestellt werden. „Quantität ersetzt keine Qualität“, lautete seine zentrale Botschaft.

Schwerpunkt Produktgestaltung

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Produktgestaltung. Nach Ansicht des Verbandes beginnt Recyclingfähigkeit nicht erst in der Sortieranlage, sondern bereits beim Design der Produkte. Verpackungen würden weiterhin so entwickelt, dass sie aus komplexen Materialverbunden bestehen, obwohl recyclingfreundlichere Alternativen verfügbar seien.

„Recyclingfähigkeit beginnt am Schreibtisch des Verpackungsdesigners“, machte der Fachverbandschef deutlich. Das Konzept „Design for Recycling“ müsse stärker verankert werden und dürfe kein bloßes Schlagwort bleiben. Auch die sogenannte Ökomodulierung komme in Deutschland bislang nur schleppend voran, während andere europäische Länder bereits finanzielle Anreize für recyclinggerechte Verpackungen und den Einsatz von Rezyklaten geschaffen hätten.

Trotz der bestehenden Herausforderungen sieht die Branche Europa im internationalen Vergleich in einer grundsätzlich besseren Ausgangsposition. Rezyklateinsatzquoten, Herstellerverantwortung und regulatorische Rahmenbedingungen seien weiterentwickelt als in vielen anderen Weltregionen.

Der Verband warnte davor, diesen Vorsprung durch Bürokratie, hohe Energiekosten und fehlende Investitionssicherheit zu gefährden. bvse-Vizepräsident Snell forderte daher verlässliche und faire Wettbewerbsbedingungen sowie eine industriepolitische Einordnung der Kreislaufwirtschaft. Auch Textor betonte, dass die Transformation nur gelingen könne, wenn Politik und Wirtschaft gemeinsam tragfähige Strukturen schaffen.

Herstellerverantwortung

Die Einführung einer erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien stand im Mittelpunkt des Internationalen Alttextiltages. Der bvse sprach sich grundsätzlich für eine solche Regelung aus, betonte jedoch, dass die konkrete Ausgestaltung entscheidend sei. Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock unterstrich, dass Herstellerverantwortung nicht zu einer Zentralisierung des Marktes führen dürfe. Vielmehr müsse Wettbewerb entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Sammlung über Sortierung bis zur Verwertung – erhalten bleiben. Bestehende Strukturen müssten integriert werden.

Rehbock verwies zudem auf Erfahrungen aus dem Verpackungsbereich und warnte davor, ähnliche Fehlentwicklungen zu wiederholen. Besonders kritisch sei es, wenn Sammler und Sortierer nur noch als reine Dienstleister ohne Stoffstromverantwortung agierten. „Nur wer Eigentum an den Materialien hat, hat es auch in der Hand, Qualität zu erzeugen“, stellte der Hauptgeschäftsführer fest. Für die organisatorische Umsetzung eines zentralen Registers brachte er die Stiftung ear ins Gespräch. Diese solle, ähnlich wie im Elektrobereich, als neutrale Registrierungsstelle fungieren, ohne operativ in den Markt einzugreifen.

Eine neue zentrale Stelle für Textilien ist laut bvse nicht notwendig. Die bestehende Struktur der Stiftung ear verfüge über langjährige Erfahrung und kenne die Anforderungen regulierter Rücknahmesysteme. Entscheidend sei, dass das System die Marktmechanismen nicht beeinträchtige, sondern lediglich organisatorisch unterstütze.

Rehbock verwies außerdem auf erhebliche praktische Probleme in der Branche. Ultra Fast Fashion, fehlende Recyclingkapazitäten und stark verunreinigte Sammelware belasteten die Systeme zunehmend. Teilweise enthielten Sammelcontainer bis zu 50 Prozent Restmüll, was die Kosten erhöhe und die Verwertungsqualität verschlechtere. Die Branche fordere daher klare gesetzliche Rahmenbedingungen, um Investitionen in zusätzliche Recyclingkapazitäten zu ermöglichen und die Qualität der Sammelströme zu verbessern.

Praktische Probleme

Nach Angaben des kommissarischen Fachverbandsvorsitzenden Marwin Gedenk hätten die Alttextiltage die Branche von der ersten Konzeptphase der Herstellerverantwortung bis zur aktuellen politischen Umsetzung begleitet. Die Kommunikation der geltenden Getrenntsammlungspflichten wertete Gedenk als fehlerhaft; diese habe zu erheblichen praktischen Problemen in der Branche geführt. Die kommenden politischen Entscheidungen würden die Struktur der Alttextilwirtschaft nachhaltig prägen.

Doris Kirchner

Doris Kirchner, Chefin vom Dienst

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