Gastbeitrag von Dr. Jochen Cantner, Deutscher Alpenverein: Regionaler und naturnaher CO2-Ausgleich: Kooperationspotenzial für die Kommunen

GZ Ausgabe GZ-18-2025 vom 25. September 2025 | Umwelt & Entsorgung
von Dr. Jochen Cantner
Die CO2 regio bei Messarbeiten im MoorgebietDie CO2-regio bei Messarbeiten im Moorgebiet, v.l.: Jonas Galdirs (Geschäftsführer) und Dominik Dittrich (Projektmanagement) © Energieagentur Ebersberg München (2025)
Die CO2 regio bei Messarbeiten im MoorgebietDie CO2-regio bei Messarbeiten im Moorgebiet, v.l.: Jonas Galdirs (Geschäftsführer) und Dominik Dittrich (Projektmanagement) © Energieagentur Ebersberg München (2025)

Kommunen spielen eine zentrale Rolle für Bayerns Klimaziele, bis 2040 klimaneutral zu werden. Der Deutsche Alpenverein, Partner der GZ im Rahmen der Bayerischen Klima-Allianz, möchte bereits ab dem Jahr 2030 den erforderlichen CO2-Ausgleich erreichen. Bevorzugt werden dabei regionale und naturnahe Maßnahmen, womit sich Möglichkeiten für zieldienliche Kooperationen eröffnen.

Natur- und Klimaschutz beim Deutschen Alpenverein

Der Deutsche Alpenverein (DAV) ist vielen wohlbekannt, ist er doch der weltweit größte Bergsportverband. Seine rund 1,5 Millionen Mitglieder verteilen sich auf mehr als 350 Sektionen von Flensburg bis München und weitergehend nach Süden. Diese betreiben im gesamten Alpenraum 325 Hütten und 220 Kletteranlagen und pflegen rund 30.000 Kilometer Wege. Was manche aber nicht wissen: Der DAV ist auch ein bundesweit anerkannter Naturschutzverband – in Deutschland sogar der mitgliederstärkste –, und dies mit Rechten und Pflichten. Dazu gehört seit einiger Zeit die Selbstverpflichtung des DAV, „klimaneutral“ zu werden. Dies erfolgte beginnend im Jahr 2019 mit einer Klimaresolution und der anschließenden Entwicklung, Ausarbeitung und Verabschiedung einer verbindlichen Klimaschutzkonzeption bis hin zu konkreten Klimaschutzmaßnahmen gemäß dem Leitsatz „Vermeiden vor Reduzieren vor Kompensieren“. Dazu gehören auch turnusmäßige Emissionsbilanzierungen als Grundlage und zur Erfolgskontrolle. Demgemäß sind CO2-Haupttreiber beim DAV die Mobilität zu den Bergsportdestinationen und die Gebäudeinfrastruktur. Gegensteuern sollen geeignete Vermeidungs- und Reduktionsmaßnahmen der Bundesebene und der Sektionen, flankiert von einem internen CO₂-Preis zur Finanzierung. Derzeit belaufen sich die Emissionen des Gesamtvereins auf rund 50.000 Tonnen jährlich – mit weiterem Einsparpotenzial und verbindlichen Reduktionszielen. Ab 2030 richtet sich der Blick auf die Kompensation, also den CO₂-Ausgleich verbleibender Restemissionen, allerdings ausdrücklich „by fair means“. Es geht dem DAV um „Emissionsverantwortung“ statt bloßer Kompensation. Besonders interessant erscheinen daher Beteiligungen an Projekten zur Schaffung nachhaltiger, naturbasierter CO₂-Senken mit regionalem Bezug – gegebenenfalls auch durch operative Eigenbeteiligung. Entsprechend läuft derzeit die Suche nach geeigneten Projekten.

DAV-Kontaktanbahnung mit der CO2-regio

Fündig wurde der DAV Anfang 2024 auf der Regionalen Klimaschutzkonferenz der Region A³. Dort kamen wir mit einem der Aussteller ins Gespräch, und zwar mit Jonas Galdirs, dem Geschäftsführer der „CO2-regio gemeinnützige UG“ aus Neuburg an der Donau. Dieses Start-up-Unternehmen setzt Moorschutzprojekte in ganz Bayern um.

Denn Moore sind ganz besondere Landschaften. Sie speichern Kohlenstoff zuverlässig und in großen Mengen – allerdings nur, wenn sie nass sind und damit die Oxidation des Moortorfs unterbunden ist. In Bayern sind aber rund 95 Prozent der Moorflächen entwässert, sie setzen daher große Mengen an CO2 frei. Insofern besteht hier ein erhebliches CO2-Einsparpotenzial. Das korrespondierende CO2-regio-Geschäftsmodell gestaltet sich wie folgt: Grundstückseigentümer und Landnutzer erhalten ein Klimahonorar, wenn sie ihre Flächen für mindestens 25 Jahre moorschonend bewirtschaften oder renaturieren und dabei wiedervernässen lassen. CO2-regio arbeitet dabei eng mit den Experten der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf zusammen und bezieht Gemeinden, Landkreise und regionale Unternehmen in die Planungen mit ein. Für die finanzielle Projektbeteiligung im Sinne eines Klimabeitrags auf freiwilliger Basis erhalten die Geldgeber sogenannte „Regionale Klimazertifikate“, welche die entsprechend eingesparten CO2-Emissionen dokumentieren und verbriefen. Dies erfolgt ex-post, sprich sobald die CO2-Einsparungsleistungen eingetreten sind und dies durch geeignete Verifizierung bestätigt wurde.

Pilotprojekt Moorwiedervernässung „Klimazertifikate Aßling“

Nach der Kontaktanbahnung kamen der DAV und die CO2-regio weitergehend ins Gespräch und schließlich im Frühjahr 2025 zu einem Vertragsabschluss für ein konkretes Beteiligungsprojekt zur Moorwiedervernässung. Bei diesem Pilotprojekt handelt es sich um eine Teilfläche von 3,3 Hektar im Brucker Moos bei Aßling im Südosten von München (s. detailliert das CO2-regio-Zielgebiet in Abb. 1).

Abb. 1: CO2-regio-Übersicht zum Zielgebiet
Abb. 1: CO2-regio-Übersicht zum Zielgebiet

Aktuell wird der Wasserpegel für die Wiederverässungsmaßnahmen gemessen, welche ab 2026 beginnen sollen. Erwartet werden dadurch CO2-Einsparungen von circa 20 Gewichtstonnen pro Hektar und Jahr über eine an die Flächenverfügbarkeit gekoppelte Projektlaufzeit von 30 Jahren (s. detailliert den DAV-Projektsteckbrief in Abb. 2).

Abb. 2: DAV-Projektsteckbrief
Abb. 2: DAV-Projektsteckbrief

Ausblick

Das Pilotprojekt ist für den DAV und die Bundesgeschäftsstelle ein erster Schritt auf dem Weg zur Klimaneutralität „by fair means“. Geplant ist später ein Rollout auf den Gesamtverein. Dazu geht die Suche weiter nach geeigneten regionalen CO2-Ausgleichsprojekten in ganz Deutschland. Hierzu könnten auch Maßnahmen außerhalb der eigenen Wertschöpfungskette gehören, die nicht unmittelbar zu messbaren CO2-Reduktionen führen, aber eine nachhaltige Entwicklung fördern. Man denke etwa an breiter angelegte Naturschutzprojekte oder auch Projektierungen im Themengebiet Klimaresilienz. So kann das Spektrum an potenziellen Klimaschutzmaßnahmen erweitert und die Förderung von umfassender transformativer Nachhaltigkeit ermöglicht werden (Stichwort „Contribution-Claim-Modell“ korrespondierend zur aktuellen EU-Regulatorik, u.a. der Unionsrahmen „Carbon-Removals und Carbon Farming“). Genau mit diesen Fragestellungen beschäftigt sich seit Mitte des Jahres eine Arbeitsgruppe im DAV mit dem Ziel, hier entsprechende Richtungsentscheidungen vorzubereiten und Empfehlungen für weitere Projekte zu erarbeiten. Dieses breite Spektrum an regionalen Nachhaltigkeitsmaßnahmen bietet nun großes Potenzial, mit den bayerischen Kommunen zu kooperieren. Einmal dahingehend, dass Gemeinden entsprechende Flächen zur Verfügung stellen, so etwa auch im Rahmen vorhandener „Ökokonto“-Konzepte (d.h. bevorratete Flächen zur Durchführung von Ausgleich- und Ersatzmaßnahmen). Auf der anderen Seite könnte ein erforderlich werdender kommunaler CO2-Ausgleich mit Beteiligung Dritter, so etwa dem DAV, erwünschte Skalen- und entsprechende Kostendegressions- und Finanzierungseffekte erbringen. Somit also ein Win-Win-Verhältnis!

Dr. Jochen Cantner

Dr. Jochen Cantner, Deutscher Alpenverein, Bundesgeschäftsstelle München, Arbeitsgruppe „CO2-Ausgleich“ und Mitglied in den DAV-Sektionen Augsburg, Friedberg und Gersthofen, jochen.cantner@alpenverein.de, www.alpenverein.de

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