Internationaler Altpapiertag in Berlin: Angespannter Markt

GZ Ausgabe GZ-10-2026 vom 14. Mai 2026 | Umwelt & Entsorgung
von Doris Kirchner
Foto einer Person am Rednerpult
Mike Hayes, Vorsitzender des bvse-Fachverbandes Papierrecycling. Bild: bvse

Der 28. Internationale Altpapiertag in Berlin, veranstaltet vom bvse-Fachverband Papierrecycling, brachte Fachleute aus Recyclingwirtschaft, Papierindustrie, Handel und Politik zusammen. Im Mittelpunkt standen aktuelle Marktentwicklungen, technologische Innovationen und regulatorische Herausforderungen. Neben Fachvorträgen und internationalen Marktanalysen bot die Tagung Raum für intensive Diskussionen, sowie eine begleitende Fachausstellung.

Markt unter Druck

Zum Auftakt zeichnete der Vorsitzende des bvse-Fachverbandes Papierrecycling, Mike Hayes, das Bild eines Marktes unter erheblichem Druck. Geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Belastungen und regulatorische Unsicherheiten setzten der Branche deutlich zu. Hayes verwies darauf, dass die Herausforderungen weit über die eigene Branche hinausreichten. Der Krieg im Nahen Osten habe sich unmittelbar auf Handelsrouten, Energiemärkte und Währungen ausgewirkt. Für mittelständische Unternehmen sei daraus ein riskanter Mix aus steigenden Betriebskosten, gestörten Lieferketten und sinkender Planungssicherheit entstanden.

Besonderes Augenmerk legte der Vorsitzende auf den Altpapiermarkt. Das Jahr 2025 habe sich als äußerst volatil erwiesen. Zu Jahresbeginn habe es einen deutlichen Nachfrageanstieg gegeben, insbesondere bei Kaufhaus- und Mischpapier. Als Gründe nannte Hayes ein geringes Sammelaufkommen, eine unzureichende Vorbereitung der Papierindustrie auf die Feiertagsmonate sowie eine hohe Nachfrage.

Ab Mai habe jedoch eine Gegenbewegung eingesetzt, die bis zum Jahresende angehalten habe. Sinkender Bedarf habe zu fallenden Preisen geführt. Größere Marktverwerfungen seien dennoch vor allem aufgrund der schwachen Sammlung ausgeblieben. Geringe Mengen hätten den Markt stabilisiert. Der Eindruck eines ausgeglichenen Jahres täusche jedoch, betonte Hayes. Die Preisentwicklung sei sprunghaft gewesen, die Marktverhältnisse fragil und die Unsicherheit durchgehend hoch.

Sinkende Qualität

Ein zentrales Problem sieht der Vorsitzende in der sinkenden Qualität des gesammelten Altpapiers. Zwar habe die Einsatzquote weiterhin über 80 Prozent gelegen, die Rahmenbedingungen hätten sich jedoch verschlechtert. Fehlwürfe, faserbasierte Verbundverpackungen und der Rückgang grafischer Papiere hätten die Sortierung zunehmend erschwert. Mehrere Anlagen seien wirtschaftlich unter Druck geraten.

Das System stoße insgesamt an seine Grenzen, unterstrich Hayes. Sinkende Inputqualität treffe auf steigende Anforderungen der Papierindustrie. Gleichzeitig werde es schwieriger, Abnehmer für Deinking-Material zu finden. Technologische Lösungen wie Künstliche Intelligenz könnten die Sortierung verbessern, ersetzten jedoch keine funktionierenden Absatzmärkte.

Exportdruck und Regulierung

Auch international bleibe der Markt angespannt. Die Europäische Union sei mit einem Überschuss von rund 4,1 Millionen Tonnen Nettoexporteur von Altpapier geblieben. Wichtige Zielländer seien Indien und die Türkei gewesen. Deutschland habe 2025 jedoch deutlich weniger exportiert als im Vorjahr; die Ausfuhren seien auf 1,5 Millionen Tonnen gesunken.

Für den Vorsitzenden ist dies ein Hinweis darauf, dass der Markt weiterhin auf Exportmöglichkeiten angewiesen sei. Gleichzeitig erhöhe die seit Mai 2024 geltende Waste Shipment Regulation den Druck und stelle insbesondere Nicht-OECD-Staaten vor Herausforderungen. Ab Mai 2027 drohe ohne entsprechende Nachweise faktisch ein Exportverbot. Hayes warnte vor negativen Auswirkungen auf die Verwertungsstrukturen.

Zusätzliche Unsicherheit löst die geplante Digitalisierung der Nachweisführung aus. DIWASS, das Digital Waste Shipment Regulation System, soll ab Mai 2026 starten, doch die Unsicherheit sei groß, berichtete Hayes. Besonders kritisch werde die Vorgabe gesehen, den digitalen Annex 7 zwei Tage vor Verbringung hochzuladen. Für kurzfristige Transporte oder flexible Logistik sei das schlicht nicht machbar.

Auch die neue EU-Verpackungsverordnung PPWR sieht Hayes kritisch. Grundsätzlich sei eine stärkere Regulierung der Recyclingfähigkeit sinnvoll, entscheidend bleibe jedoch die praktische Umsetzbarkeit. Faserbasierte Verbundverpackungen bereiteten in der Aufbereitung weiterhin Probleme und belasteten den Stoffstrom.

Bei der Definition von Recyclingfähigkeit sprach sich der Fachverbandsvorsitzende für einen praxisnahen Ansatz aus. Maßgeblich seien reale Technologien und bestehende Infrastrukturen, nicht Laborbedingungen. Innovation und Standardisierung müssten auf tatsächliche Recyclingfähigkeit ausgerichtet sein.

In seinem Grußwort verwies Eric Rehbock, Hauptgeschäftsführer des bvse-Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung, auf eine anhaltende Abfolge globaler Krisen, die auch die Branche vor erhebliche Herausforderungen stelle. Die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten sich grundlegend verändert. Gemeinsam mit seinem europäischen Dachverband habe der bvse frühzeitig auf die problematischen Regelungen von DIWASS hingewiesen. „Wir haben beispielsweise vehement für eine Übergangsregelung gekämpft. Hier hat sich die EU-Kommission bewegt. Es scheint für nichtgefährliche Abfälle eine Übergangsregelung zu geben. Die Bundesländer sollen diese Übergangsregelung nutzen und den Unternehmen das Leben nicht unnötig schwer machen“, hob Rehbock hervor.

Die Energiekrise belaste die Unternehmen weiterhin stark. Vor allem hohe Dieselpreise stellten viele Betriebe vor Herausforderungen. Der Verband habe daher über den Bundesverband Mittelstand (BVMW) Unterstützung organisiert, um politisch Gehör zu finden.

Rehbock forderte zusätzliche Maßnahmen, darunter eine Senkung der Energie- und Stromsteuern auf das europäische Mindestmaß sowie eine Reduzierung staatlicher Preisbestandteile bei Kraftstoffen. Wettbewerbsfähige Energiepreise seien eine zentrale Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung.

Digitalisierung und KI

Inhaltliche Impulse setzte die Keynote von Andreas Klug. Er informierte darüber, wie Unternehmen Künstliche Intelligenz in ihre Prozesse integrieren könnten und welche Potenziale sich daraus insbesondere für den Mittelstand ergäben. Im weiteren Verlauf diskutierten Branchenvertreter die Rolle von Digitalisierung und KI in der Recyclingwirtschaft. Praxisbeispiele lieferte Andreas Seebeck von der HumaNova GmbH, der Effizienzpotenziale durch digitale Prozesse aufzeigte.

Eine weitere Podiumsdiskussion widmete sich den Chancen und Herausforderungen von Digitalisierung und KI für den Mittelstand. Internationale Einordnungen lieferte Kelly McNamara von Numera Analytics, die Entwicklungen im globalen Altpapierhandel analysierte.

Ein Schwerpunkt lag zudem auf der Digitalisierung der grenzüberschreitenden Abfallverbringung. Neue Verfahren rund um DIWASS wurden vorgestellt, ebenso Ansätze für interoperable Softwarelösungen, die den Datenaustausch erleichtern sollen. Beleuchtet wurden zudem Innovationen in der Sortiertechnik. Vorgestellt wurden Ansätze zur optischen Prozessoptimierung, die sowohl die Sortierqualität als auch die Effizienz steigern könnten.

Zum Abschluss richtete sich der Blick auf die künftige Qualität des gesammelten Altpapiers sowie die Perspektiven der „Blauen Tonne“. Experten diskutierten darüber, wie Sammelsysteme und Qualitätsstandards weiterentwickelt werden müssten, um die Kreislaufwirtschaft langfristig zu stärken.

Doris Kirchner

Doris Kirchner, Chefin vom Dienst

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