Kommunale Kulturarbeit: „Kultur schafft Zusammenhalt – gerade in schwierigen Zeiten“

GZ Ausgabe GZ-10-2026 vom 14. Mai 2026 | Tourismus, Kultur & Sicherheit
von Redaktion
Bayerische Kulturamtsleiter und -leiterinnen der Landesgruppe Bayern INTHEGA (Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e. V.) mit Jochen Gnauert vorne rechts. Bild: Unterschleißheim
Bayerische Kulturamtsleiter und -leiterinnen der Landesgruppe Bayern INTHEGA (Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e. V.) mit Jochen Gnauert vorne rechts. Bild: Unterschleißheim

Knappe Haushalte, gekürzte Etats und steigender gesellschaftlicher Druck: Kommunale Kulturarbeit steht vielerorts vor großen Herausforderungen. Warum Kultur dennoch kein Luxus ist, wie Unterschleißheim auf Teilhabe und Vernetzung setzt und weshalb Kooperationen immer wichtiger werden, erläutert Jochen Gnauert, Geschäftsbereichsleitung Kultur der Stadt Unterschleißheim, im Gespräch mit der Bayerischen GemeindeZeitung.

GZ: Wie stellt sich die finanzielle Ausgangslage dar und wie gelingt es, Kulturarbeit unter angespannten Haushaltsbedingungen zu sichern?

Jochen Gnauert: Die herausfordernde Haushaltslage vieler Kommunen führt zunehmend zu der kulturpolitischen Entscheidung bei Kultur als „freiwillige Leistung“ überproportional einzusparen (außer z.B. in Hamburg oder dem Bezirk Oberbayern). Dies beschädigt die seit Generationen aufgebaute und weltweit einzigartige Kulturvielfalt in Deutschland unwiderruflich und führt aber auch zu einer Verstärkung der prekären Verhältnisse unserer Kunstschaffenden – sie werden weniger engagiert – und schon jetzt verzeichnen wir eine signifikante Steigerung der Berufsabbrüche bei Künstlerinnen und Künstlern.

Auch in Unterschleißheim stehen unsere öffentlichen und privaten Kulturanbieter vor hohem Veränderungsdruck, um ihre Zukunftsfähigkeit in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche zu sichern, da derzeit 20 Prozent vom Kulturetat gestrichen, Förderungen reduziert und vakante Kulturamts-Stellen nicht nachbesetzt werden.

Es macht Sinn, sich zu vergegenwärtigen, wie klug und weitsichtig die Gründerväter unseres Grundgesetzes 1949 bei der Nichterwähnung eines Staatszieles KULTUR handelten. Zugleich wurde Kultur als „freiwillige Leistung“ der Kommunen definiert. Ziel war jedoch nicht, ein Instrument für potenzielle Einsparmöglichkeiten zu schaffen, sondern vielmehr eine Dezentralisierung der inhaltlichen Kulturarbeit nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus – ohne Kultur wertend in Konkurrenz zu anderen Staatszielen zu setzen.

Umso wichtiger ist es mit den gesellschaftlichen und politischen Akteuren unserer Stadtgemeinschaft regelmäßig im Austausch zu sein, zuzuhören und unsere Argumente für die wertvolle Kulturarbeit z.B. in den Gremien wie unseren Kulturausschüssen zur Diskussion zu stellen. Daneben schauen wir jetzt noch genauer, dass die von uns geförderten Kulturangebote auf unsere Kulturstrategie „Inklusion und Teilhabe“ einzahlen. Wir wollen wissen, welche kulturpolitische Ziele mit den öffentlichen Mitteln erreicht werden.

NETZWERK KULTUR Unterschleißheim

Zukünftig wird es auch für kommunale Kulturverwaltungen Aufgabe sein, überkommunale Fördermittel (Stiftungen, Bezirk, Landkreis, Land, Bund, EU) in die Haushaltsgestaltung einzuplanen. Wir überprüfen schon jetzt, wo weitere Fördermöglichkeiten zur Verfügung stehen, wo es mögliche Allianzen gibt. Wir haben z.B. in Unterschleißheim viele neue gebildet, sei es mit der Theaterakademie oder der Musikhochschule in München, internationalen Wettbewerben oder Stiftungen. Dort gibt es für deren Künstlerinnen und Künstler und Produktionen Bedarf an Räumen, die wir sowieso vorhalten und als Spielstätte ohne festes Ensemble auf hochwertige Produktionen von außen angewiesen sind. Daneben hilft auch unsere intensive Netzwerkarbeit innerhalb der Stadt: Ich habe deshalb das NETZWERK KULTUR Unterschleißheim gegründet, um alle Kulturakteure hier vor Ort enger zusammenzubinden, um die Sichtbarkeit von Kultur zu stärken und gemeinsame Projekte zu initiieren.

Daneben sieht sich kommunale Kulturarbeit aktuell verstärkt mit Diskussionen um eine eingeforderte ‚Neutralitätspflicht‘ konfrontiert und erlebt zugleich Versuche seitens der AfD, Einfluss auf Kunst- und Kulturschaffende zu nehmen.

Kultur mit allen

GZ: Welche konkreten Maßnahmen stehen hinter den Begriffen „Inklusion und Teilhabe“ und welche Zielgruppen werden erreicht?

Gnauert: Unser Anspruch ist es einen stabilen und gemeinsam getragenen städtischen Kulturraum zu schaffen, der interkulturell und generationsübergreifend ist, der immer kreativ und inklusiv ist, der überraschen soll, der mutig und selbstbewusst ist. Weil wir dann etwas anbieten für alle, aber auch mit allen.

Seit den Siebzigerjahren hat man Kultur für alle angeboten, heutzutage gehen wir weiter, wir wollen die Teilhabe stärken, Inklusion sehr weit denken, sodass wir Kultur mit allen machen. In unserer Stadt, die von 120 Nationen belebt wird, arbeiten wir nach dem Motto: „Wir alle sind Unterschleißheim“. Teilhabeangebote zu erweitern, bedeutet bei uns stärker in der Lebenswelt unserer potenziellen Kulturinteressenten verankert zu sein – ihre eigene Kultur in ihrer Stadt gemeinsam zu entwickeln.

Um das WIR-Gefühl innerhalb unserer multikulturellen Stadtgemeinschaft zu stärken, haben wir ein interkulturelles Kochbuch mit 25 UnterschleißheimerInnen aus 25 Nationen erstellt, die dort ihre 25 Lieblingsgerichte und die Heimat-Geschichten dahinter erzählen. Wir haben uns auch erfolgreich beim Bezirk Oberbayern für das Zamma-Festival beworben. Der Bezirk veranstaltet Juli 2026 in unserer Stadt mit einem Etat von 200.000 Euro dieses inklusive Kulturfestival für und mit allen, die mitmachen wollen. Prämisse war, es sollen sich immer neue Allianzen zusammenfinden für ein bisher noch nicht dagewesenes Projekt, ein Premierenfestival also. Auch damit schaffen wir ein Wir-Gefühl und das Festival wird nachhaltig in der Stadt weiterwirken. Dies entsteht auch bei unseren Wohnzimmerkonzerten in privaten Räumen oder bei gemeinsamen Fahrten zur Münchner Staatsoper (Oper on Tour).

Jochen Gnauert mit Jugendkulturreferentinnen und -referenten sowie Stadträtin Antje Kolbe und Stadtrat Martin Nieroda. Bild: Unterschleißheim
Jochen Gnauert mit Jugendkulturreferentinnen und -referenten sowie Stadträtin Antje Kolbe und Stadtrat Martin Nieroda. Bild: Unterschleißheim

Bei uns gab es ausreichend Angebote für Erwachsene, für Kinder und Familien, aber zu wenig für Jugendliche. Deshalb gehen wir regelmäßig in Schulen, halten P-Seminare, diskutieren mit den jungen Menschen und binden sie als „Jugend-Kulturbotschafter“ in unsere Spielzeitplanung ein. Sie erhalten Gestaltungsmöglichkeiten und eigene Ressourcen, um selbst Dinge zu entscheiden. Deren Jugend-Kompetenz erweitert unseren Horizont und die zielgruppengerechten Angebote, wie z.B. Kino-Open-Air über „Museumsnacht“, Hip-Hop- und Graffiti-Workshops bis hin zum Kneipenquiz.

GZ: Wie ist das Kooperationsmanagement organisiert (Partner, Strukturen, Steuerung)?

Gnauert: Alle beim Kulturamt angesiedelten Sachgebiete (Bibliothek, Museum, Marketing, Veranstaltungen) verfolgen eine konzertierte Kulturarbeit, wir stimmen uns also auch verwaltungsintern eng ab und verfolgen gemeinsam unsere von der Kulturamtsleitung vorgegebene Kulturstrategie, dazu gehört auch die leidenschaftliche Netzwerkarbeit und das Umsetzen einer aktivierenden Kulturpolitik durch unsere Sachgebietsleitungen.

GZ: Welche Herausforderungen oder Zielkonflikte sind im Umsetzungsprozess aufgetreten?

Gnauert: Mit unseren ortsansässigen Vereinen und einer reichen Unterschleißheimer Kultur-Szene haben wir einen wunderbaren Fundus an potenziellen Kooperationspartnern. Auch an Ideen mangelt es nicht. Gerade aber im Rahmen der Haushaltseinsparungen müssen diese aufgrund der abnehmenden Personal- und Finanzressourcen deutlich priorisiert werden. Da benötigen manche Projektideen mehr Zeit als gewünscht für die Umsetzung.

GZ: Welche Elemente Ihres Ansatzes halten Sie für auf andere Kommunen übertragbar?

Gnauert: Meine bestens informierten Kolleginnen und Kollegen sind genauso an Vernetzung und nachhaltiger Kulturplanung interessiert. Wir alle sind im Austausch und wissen, welchen Wert eine gestaltende und kreative Kraft für die Belebung unserer Städte hat und wie sich strategische Allianzen positiv auf unsere Kommunen auswirken. Wenn wir uns zusammentun, werden wir stärker. 1 + 1 ist 3. Mein Motto dabei ist: Gemeinsam mit den Menschen vor Ort: Mutig sein und Haltung zeigen.

Jochen Gnauert. Bild: Ronald Altmann
Jochen Gnauert. Bild: Ronald Altmann

Zur Person

Jochen Gnauert wird die Stadt Unterschleißheim nach Abschluss des Zamma-Festivals verlassen. Bis dahin leitet er als Geschäftsbereichsleiter Kultur unter anderem das Forum Unterschleißheim, die Stadtbibliothek, das Stadtmuseum, den Erinnerungsort Flachsröste Lohhof sowie das städtische Kino- und Marionettentheaterprogramm.

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