Zukunft Mittelstand 2026: Sparkassen sehen Wirtschaft im Umbruch

GZ Ausgabe GZ-20-2026 vom 22. Oktober 2026 | Finanzen & Wirtschaft
von Doris Kirchner
Portrait
Prof. Dr. Ulrich Reuter.Bild: DSGV

Der deutsche Mittelstand steht unter erheblichem Kostendruck, verfügt aber weiterhin über eine solide finanzielle Basis. Zu diesem Ergebnis kommt der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) bei seiner Auswertung der Unternehmensbilanzen für 2025. „Wir sehen nicht den wirtschaftlichen Niedergang des Landes. Wir sehen eine grundlegende Transformation“, stellte DSGV-Präsident Prof. Dr. Ulrich Reuter bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin fest.

Die Auswertung umfasst nach Angaben des Verbands rund 40 Prozent aller Unternehmensumsätze in Deutschland und bildet damit einen erheblichen Teil der wirtschaftlichen Entwicklung in den Regionen ab. Demnach stiegen die Umsätze im vergangenen Geschäftsjahr insgesamt lediglich im Umfang der Inflationsrate. Das Betriebsergebnis ging im Durchschnitt um fünf Prozent zurück. Gleichzeitig erhöhten sich die Personalkosten um 4,4 Prozent. Gründe dafür seien Tarifabschlüsse und vor allem der anhaltende Fachkräftemangel. Die durchschnittliche Umsatzrendite sank von vier auf rund drei Prozent.

Dass die Unternehmen ihre Rendite trotz des Kostendrucks überhaupt auf diesem Niveau halten konnten, lag laut DSGV an zwei vorübergehenden Entlastungen. Zum einen stiegen die Materialkosten langsamer als die Erlöse, zum anderen ging der Zinsaufwand zurück. Viele Unternehmen hätten in den vergangenen Jahren ihre Bankverbindlichkeiten reduziert. Das sei allerdings auch darauf zurückzuführen, dass wichtige Investitionen nicht umgesetzt worden seien.

Industrie unter Kostendruck

Besonders kritisch ist die Lage nach den Ergebnissen des DSGV im Metall-, Fahrzeug- und Maschinenbau, einem Kernbereich der deutschen Industrie. Die Branche verzeichnete eine Umsatzrendite von minus 3,9 Prozent und schrieb damit deutlich rote Zahlen. Dies sei umso bedenklicher, als die Unternehmen bereits Personal und damit Kosten reduziert hätten. Weitere Einsparungen seien nur begrenzt möglich, warnte Reuter. Ein übermäßiger Personalabbau gefährde das Produktionspotenzial, weil damit auch Erfahrung, Fachwissen und Ideen verloren gingen. Zudem seien die betroffenen Arbeitsplätze überdurchschnittlich gut bezahlt. Der Wegfall dieser Einkommen wirke sich wiederum auf andere Branchen aus. Das zeige sich beispielsweise im Einzelhandel. Dort lag die Umsatzrendite laut Auswertung bei lediglich 0,3 Prozent. Einen niedrigeren Wert habe der Verband in dieser Branche bislang nicht gemessen.

Andere Wirtschaftszweige entwickelten sich dagegen positiv. Das Baugewerbe steigerte seinen Umsatz um gut fünf Prozent und den Gewinn um knapp 30 Prozent. Die Umsatzrendite lag bei knapp neun Prozent. Die Immobilienwirtschaft erreichte rund acht Prozent. IT-Dienstleister verzeichneten ein Umsatzwachstum von gut neun Prozent, zu dem auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz beitrug.

Gründungen und KI als Hoffnungsträger

Als weiteres positives Signal wertete Reuter die Entwicklung der Unternehmensfinanzierung. Die Eigenkapitalquote des Mittelstands liege weiterhin bei rund 40 Prozent. Zudem sagten die Sparkassen im ersten Halbjahr 2026 neue Kredite für Unternehmen und Selbstständige in Höhe von 46,6 Milliarden Euro zu, 5,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch die Zahl der Unternehmensgründungen nahm zu: Im ersten Halbjahr wurden rund 69.600 Betriebe gegründet, drei Prozent mehr als im Vorjahr.

Fortschritte sieht Reuter insbesondere bei technologieorientierten Gründungen. Deutschland zähle nach dem Hurun-Index in diesem Jahr 38 sogenannte Einhörner, also nicht börsennotierte Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Das seien zwölf mehr als im Vorjahr. Schwerpunkte lägen unter anderem bei Künstlicher Intelligenz, Robotik, Energie und Raumfahrt. Als Beispiele nannte Reuter Proxima Fusion aus München, das an der Entwicklung der Fusionsenergie arbeitet, und DeepDrive aus Garching, das neue Elektromotortechnologien entwickelt. Allerdings stamme mehr als 85 Prozent des Kapitals in späten Finanzierungsrunden von Einhörnern aus dem Ausland.

Bessere Rahmenbedingungen

Um die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands zu stärken, sieht der DSGV vor allem bei den Arbeitskosten, der Klimaanpassung und der Digitalisierung Handlungsbedarf. Steigende Sozialversicherungsbeiträge verteuerten die Arbeit. Reuter forderte deshalb grundlegende Reformen der Renten- und Krankenversicherung. Zugleich warnte er vor den wirtschaftlichen Folgen von Hitze und Niedrigwasser. Nach Berechnungen der Deka habe das Niedrigwasser im Juli die Industrieproduktion um 0,6 Prozent und in der ersten Augusthälfte um weitere 0,4 Prozent gedämpft. Klimaanpassung sei deshalb auch ein betriebswirtschaftlicher Faktor.

Große Chancen sieht der DSGV-Chef im Einsatz Künstlicher Intelligenz. Inzwischen nutze mehr als die Hälfte der Unternehmen entsprechende Anwendungen in ihren Geschäftsprozessen; im Vorjahr seien es noch gut 40 Prozent gewesen. Bei den geplanten Investitionen stünden Digitalisierung, Automatisierung und KI mit 38 Prozent an erster Stelle, deutlich vor Maschinen und Gebäuden mit 16 Prozent.

Gleichzeitig warnte Reuter vor der starken Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologieanbietern. Nach einer vom DSGV angeführten Untersuchung des ifo-Instituts nutzten rund neun von zehn Unternehmen digitale Produkte aus den USA. Knapp ein Drittel stufe die eigene Abhängigkeit als groß ein. Dennoch planten viele dieser Unternehmen keine Veränderung, weil ein Wechsel zunächst Kosten verursache und sich der Nutzen erst später zeige.

Nach Auffassung des Präsidenten ist deshalb auch die europäische Politik gefordert. Die Europäische Union verfüge über weniger als fünf Prozent der weltweiten Rechenkapazität für Künstliche Intelligenz. Um europäische Alternativen aufzubauen, brauche es schnellere Genehmigungsverfahren für Rechenzentren, eine verlässliche und bezahlbare Energieversorgung sowie öffentliche Auftraggeber, die als erste Kunden neue Technologien einsetzen. Als Beispiel für eine gemeinsame europäische Lösung verwies Reuter auf das Bezahlsystem Wero, das von der europäischen Kreditwirtschaft entwickelt wurde.

Neben der technischen Infrastruktur komme es auf die Beschäftigten an. Jüngere Mitarbeiter brächten häufig einen selbstverständlicheren Umgang mit neuen digitalen Werkzeugen mit, während erfahrene Beschäftigte wüssten, an welchen Stellen sich Arbeitsabläufe sinnvoll verbessern ließen. Unternehmen sollten beide Perspektiven zusammenführen. Dafür sei es allerdings notwendig, junge Menschen in ausreichendem Maß auszubilden und einzustellen. Eine rückläufige Ausbildungsquote sei deshalb nicht nur mit Blick auf den künftigen Fachkräftebedarf problematisch, sondern auch für die Innovationsfähigkeit der Betriebe.

Insgesamt zeichnen die Zahlen nach Einschätzung des DSGV ein differenziertes Bild. Zwar stehe der Mittelstand unter erheblichem Druck und nutze seine Reserven, um das bisherige wirtschaftliche Niveau zu halten. Gleichzeitig gebe es erste Anzeichen für eine Belebung der Investitionen und eine wachsende Zahl innovativer Unternehmen, die neue Technologiefelder erschlössen. „Die Lage ist besser als die Stimmung“, lautete Reuters Fazit. Entscheidend seien nun bessere Rahmenbedingungen, damit sich Investitionen in Deutschland wieder stärker rechneten.

Doris Kirchner

Doris Kirchner, Chefin vom Dienst

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