Bayerischer Sparkassentag in Lindau: „Finanzen verstehen. Zukunft machen“
von Doris Kirchner

Unter dem Motto „Finanzen verstehen. Zukunft machen.“ stand der Bayerische Sparkassentag 2026 in der Lindauer Inselhalle ganz im Zeichen der finanziellen Bildung. Über 400 Vertreterinnen und Vertreter der 54 bayerischen Sparkassen, ihrer Trägerkommunen sowie aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft setzten sich mit der Rolle des Finanzinstituts in einer Zeit wachsender Herausforderungen auseinander.
Wie die Lindauer Oberbürgermeisterin Dr. Claudia Alfons in ihrem Grußwort darlegte, seien Sparkassen weit mehr als Kreditinstitute, weil sie Kultur, Sport, soziale Einrichtungen und das kommunale Leben vor Ort unterstützten. Gerade angesichts angespannter kommunaler Haushalte seien diese Beiträge häufig entscheidend dafür, dass Veranstaltungen, Bildungsangebote, Vereinsarbeit und soziale Projekte überhaupt stattfinden könnten. Am Beispiel konkreter Förderungen in Lindau – von Freizeit- und Sportanlagen über das Stadtmuseum bis zur Picasso-Ausstellung – machte Alfons den regionalen Mehrwert der Sparkasse Schwaben-Bodensee sichtbar.
Das Leben selbstbestimmt gestalten
Der Präsident des Sparkassenverbands Bayern, Matthias Dießl, leitete aus dem Motto der Tagung den öffentlichen Auftrag der Sparkassen ab: Menschen sollen finanzielle Zusammenhänge verstehen, Orientierung erhalten und dadurch ihr Leben selbstbestimmt gestalten können. Finanzbildung sei angesichts komplexerer Märkte, digitaler Angebote und einer wachsenden Informationsflut zu einer zentralen Lebens- und Demokratiekompetenz geworden.
Teil der Sparkassen-DNA
Die Sparkassen verstünden finanzielle Bildung nicht als neues Geschäftsfeld, sondern als Teil ihrer DNA. Dießl verwies auf etablierte Angebote wie Schulservice, „Geld und Haushalt“ und das Planspiel Börse. Zudem kündigte er einen deutlichen Ausbau an: Zukunftstage sollen in allen bayerischen Sparkassengebieten stattfinden, und mit dem Financial Life Park in Fürth soll ein neuer praxisorientierter Lernort entstehen.
Der zweite Schwerpunkt war das „neue Sparen“. Klassische Zinsprodukte blieben wichtig, reichten für langfristigen Vermögensaufbau aber nicht aus. Wertpapiere und andere Anlageformen müssten stärker genutzt werden. Sparkassen wollten dabei digitale Lösungen, persönliche Beratung und auf unterschiedliche Lebensphasen zugeschnittene Angebote verbinden.
Darüber hinaus warb der Verbandschef für ein positiveres Unternehmerbild. Unternehmerinnen und Unternehmer schafften Arbeitsplätze, Innovation und Wohlstand. Sparkassen seien als Finanzierer des Mittelstands, von Gründungen und Unternehmensnachfolgen zentrale Partner. Mit dem wiederbelebten Bayerischen Gründerpreis solle diese Leistung sichtbarer werden.
Söder bekennt sich zum Sparkassenmodell
Ministerpräsident Dr. Markus Söder bekannte sich ausdrücklich zum öffentlich-rechtlichen Sparkassenmodell und sicherte den Sparkassen die Unterstützung des Freistaats zu. Ihre Stärke liege in Solidität, regionaler Verankerung und ihrer Rolle als Finanzierer von Mittelstand, Handwerk und Familienunternehmen. Gerade weil sie nicht ausschließlich internationalen Finanzmarkttrends gefolgt seien, hätten sie Krisen vergleichsweise stabil überstanden.
Den größten Handlungsbedarf sah Söder bei der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit. Bürokratie, Dokumentationspflichten und übermäßige Regulierung behinderten Investitionen und führten dazu, dass Verantwortliche aus Angst vor Risiken Entscheidungen vermieden. Deshalb forderte er einen grundlegenden Abbau bürokratischer Hürden – auch im Bankenbereich.
Warnung vor unnötigen Parallelstrukturen
Beim digitalen Euro warnte der Ministerpräsident vor unnötigen Parallelstrukturen. Digitalisierung sei wichtig, dürfe aber nicht zu einem vollständigen Verdrängen des Bargelds führen. Bürgerinnen und Bürger sollten zwischen digitalen und klassischen Zahlungsmöglichkeiten wählen können.
Einen weiteren Kernpunkt bildeten Technologie, Innovation und Investitionen. Damit erfolgreiche Start-ups langfristig in Bayern blieben, brauche es mehr Wagnis- und Wachstumskapital. Hier sollten auch Sparkassen eine stärkere Rolle übernehmen.
Wie Dießl forderte Söder zudem einen gesellschaftlichen Mentalitätswechsel: Unternehmertum und Investitionsbereitschaft müssten stärker anerkannt werden. Veränderung sei keine Bedrohung, sondern die Voraussetzung dafür, Wohlstand und demokratische Stabilität zu erhalten.
Michael Theurer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, beschrieb Finanzstabilität als Voraussetzung dafür, dass Wirtschaft und Gesellschaft den tiefgreifenden Wandel bewältigen können. Er konzentrierte sich auf drei große Transformationen: den demografischen Wandel, die Digitalisierung und künstliche Intelligenz sowie den Klimawandel.
Der demografische Wandel verringere das Arbeitskräfteangebot, dämpfe Produktivität und Wachstum und verändere Kreditnachfrage, Sparverhalten und Altersvorsorge. Für Sparkassen entstünden daraus sowohl geschäftliche Herausforderungen als auch eine besondere regionale Verantwortung: Sie könnten attraktive Arbeitsplätze anbieten, den Mittelstand finanzieren und verhindern helfen, dass ländliche Räume wirtschaftlich abgehängt werden.
Fluch und Segen der Digitalisierung
Bei Digitalisierung und KI sah Theurer erhebliche Chancen zur Automatisierung, Betrugserkennung und Weiterentwicklung von Beratung und Geschäftsmodellen. Zugleich warnte er vor Cyberangriffen und der Abhängigkeit von wenigen großen, überwiegend außereuropäischen Technologieanbietern. Sparkassen müssten deshalb konsequent in IT-Sicherheit, eigene Infrastruktur, Rechenzentren und europäische technologische Souveränität investieren. Cyberresilienz sei eine Führungsaufgabe und müsse auf Vorstandsebene verankert werden.
Auch auf künftige Risiken durch Quantencomputer müsse sich die Finanzwirtschaft frühzeitig vorbereiten. Heute verwendete Verschlüsselungsverfahren könnten in den kommenden Jahren angreifbar werden. Deshalb müssten Institute rechtzeitig auf quantenresistente Technologien umstellen.
Beim Klimawandel verschob der Vorstand den Blick von der reinen Vermeidung zunehmend auf die Anpassung an bereits eintretende Folgen. Extremwetter und andere physische Risiken würden Finanzierungen für Infrastruktur, Unternehmen und Immobilien stärker beeinflussen. Für notwendige Anpassungsmaßnahmen werde wesentlich mehr privates Kapital gebraucht.
Einfachere Bankenregulierung
Schließlich sprach sich Theurer für eine deutlich einfachere und stärker proportionale Bankenregulierung aus. Kleine Institute seien von komplexen Vorgaben überdurchschnittlich belastet. Bürokratie könne reduziert werden, ohne die Stabilität des Systems zu gefährden. Eine Absenkung der Eigenkapitalanforderungen lehnte er jedoch ab, weil ausreichendes Eigenkapital Verluste auffangen und Krisen verhindern müsse.
Lorenzo Wienecke, Geschäftsführer der Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung, betonte, dass Finanzbildung maßgeblich über Lebenschancen entscheidet. Fehlendes Wissen zu Steuern, Versicherungen, Wohnen, Altersvorsorge oder Geldanlage erhöhe das Risiko von Überschuldung und finanzieller Unsicherheit. Da diese Themen in Schulen bislang nur unzureichend vermittelt würden, bleibe das Elternhaus die wichtigste Wissensquelle und soziale Ungleichheiten würden weitergegeben.
Finanzbildung müsse deshalb flächendeckend in Schulen verankert werden, so Wienecke. Sie umfasse nicht nur die Geldanlage, sondern auch Berufseinstieg, Einkommen, Steuern, Wohnen und Versicherungen. Mit den Zukunftstagen seiner Initiative vermitteln Fachleute praxisnahes Alltagswissen.
Dass Finanzbildung auch gesellschaftlich von Bedeutung ist, sei ebenso unumstritten. Sie stärke Eigenverantwortung, fördere Chancengleichheit und könne das Vertrauen in Institutionen festigen. Sparkassen sollten diesen Prozess durch Bildungsangebote unterstützen und zugleich einfache, transparente und kostengünstige Finanzprodukte bereitstellen. Bildung allein erzeuge noch keine Wirkung, wenn junge Menschen anschließend keinen Zugang zu geeigneten Lösungen hätten. Sparkassen könnten durch ihre regionale Präsenz und ihr Vertrauen gerade jene Zielgruppen erreichen, die durch Finfluencer und Neobroker kaum angesprochen würden.
Bildung in Finanzfragen war auch das Thema des Gesprächsformats „Quereinstieg als Chance“, durch das Stefan Proßer, Vizepräsident des Sparkassenverbands Bayern, führte. Immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Erwerbsbiografien aus verschiedenen Branchen und Ländern lassen sich erst später zu qualifizierten Sparkassenkaufleuten ausbilden. Der Quereinstieg bei einer bayerischen Sparkasse eröffnet ihnen einen neuen Berufsweg und erweitert das Spektrum der Kundenberatung der Sparkassen.
In der abschließenden Podiumsdiskussion sprachen neben Michael Theurer, Lorenzo Wienecke und Matthias Dießl auch Katharina Jessel, Vorstandsmitglied der Versicherungskammer Bayern, sowie Sandra Peetz-Rauch, Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse Augsburg, darüber, wie entscheidend finanzielle Bildung für den individuellen Lebensweg der Menschen ist und welche Rolle eine geregelte gesamtwirtschaftliche Basis dabei spielt.