125. GVB-Verbandstag: Stark verwurzelt und bereit für die Zukunft
von Michael von Hassel

Vertrauen, verantwortungsvolle Führung und die Widerstandskraft regionaler Strukturen standen beim 125. Verbandstag des Genossenschaftsverbands Bayern im Mittelpunkt. Zugleich richtete die Veranstaltung den Blick auf eine Weltordnung, in der Europa stärker für seine Interessen eintreten muss.
Mehr als 900 Vertreterinnen und Vertreter aus Kredit-, Waren-, Dienstleistungs- und Sozialgenossenschaften kamen zum 125. Verbandstag des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) zusammen. Unter dem Motto „Stark, sichtbar, bereit für die Zukunft“ verband die Jubiläumsveranstaltung einen selbstbewussten Blick auf die genossenschaftliche Tradition mit der Frage, wie sich regional verwurzelte Unternehmen in einem zunehmend unsicheren Umfeld behaupten können.
Genossenschaften sind wie tief verwurzelte Eichen
Eröffnet wurde der Verbandstag von Dr. Gerhard Walther, ehrenamtlicher Verbandspräsident und Vorsitzender des Verbandsrats. Der Redner verglich Genossenschaften mit tief verwurzelten Eichen: Sie hätten Kriege, Währungswechsel, wirtschaftliche Umbrüche und technologische Revolutionen überstanden, weil sie sich an neue Bedingungen angepasst hätten, ohne ihre Werte preiszugeben.
Das wichtigste Kapital der Genossenschaften sei Vertrauen, betonte Walther. Dieses müsse täglich durch Verlässlichkeit, Verantwortung und Haltung neu verdient werden. Gerade in Zeiten von Konjunkturschwäche, Fachkräftemangel, geopolitischen Konflikten und raschem technologischem Wandel seien Führungspersönlichkeiten gefragt, die Orientierung geben. Wie ein Bergführer könnten sie zwar weder gutes Wetter noch einen einfachen Weg versprechen. Ihre Aufgabe sei es jedoch, Gefahren realistisch einzuschätzen, Ruhe auszustrahlen und Menschen sicher durch schwieriges Gelände zu führen.
Verband als Begleitfahrzeug GVB-Präsident und Vorstandsvorsitzender Stefan Müller erläuterte anschließend die strategische Ausrichtung des Verbands. Der GVB wolle seine Mitgliedsgenossenschaften wirtschaftlich stärken, ihre Leistungen sichtbarer machen und sie auf kommende Veränderungen vorbereiten.
Dabei verstehe sich der Verband nicht als Reiseveranstalter, der ein bequemes Rundum-sorglos-Paket anbietet, sondern als Begleitfahrzeug auf einer anspruchsvollen Expedition. Wenn Wege steiler würden, der Asphalt ende oder unerwartete Hindernisse auftauchten, solle der GVB mit Beratung, Prüfung, Interessenvertretung, Bildung und praxistauglichen Dienstleistungen zur Seite stehen.
Veränderungen aktiv mitgestalten und neue Ideen ausprobieren
Zukunftsfähigkeit verlange allerdings auch von den Genossenschaften selbst Mut. Müller warb dafür, neue Ideen auszuprobieren, technologische Entwicklungen aufzugreifen und kalkulierbare Risiken einzugehen. Die genossenschaftliche Erfolgsgeschichte könne nur fortgeschrieben werden, wenn Verantwortliche bereit seien, Veränderung aktiv zu gestalten.
Für Städte, Gemeinden und Landkreise bleibt diese Haltung von besonderer Bedeutung. Genossenschaften finanzieren den regionalen Mittelstand, sichern Versorgung und Arbeitsplätze, unterstützen Landwirtschaft und Handwerk und treiben vielerorts Energie-, Wärme-, Wohn- oder Nahversorgungsprojekte voran. Sie sind damit nicht nur Wirtschaftsunternehmen, sondern wichtige Partner kommunaler Entwicklung.
Einen deutlichen Perspektivwechsel brachte der Vortrag des Regensburger Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Stephan Bierling. Unter dem Titel „Böse neue Welt. Deutschlands Rolle im Zeitalter brutaler Machtpolitik“ analysierte er den Zerfall jener internationalen Ordnung, die Europa über Jahrzehnte Sicherheit, Freiheit und wirtschaftlichen Wohlstand ermöglicht habe.
Europa muss handlungsfähiger werden
Die Vereinigten Staaten seien unter Präsident Donald Trump kein uneingeschränkt verlässlicher Partner mehr. Gleichzeitig nutzten Russland und China die Schwäche des Westens, um ihren Einfluss auszuweiten. Europa drohe zum Objekt fremder Machtpolitik zu werden, wenn es seine wirtschaftlichen, politischen und militärischen Defizite nicht überwinde.
Bierling plädierte deshalb für eine europäische Autonomie innerhalb einer „NATO 2.0“. Europa müsse mehr politische Führung übernehmen, seine Verteidigung effizienter organisieren und Abhängigkeiten abbauen. Hoffnung machte der Politikwissenschaftler mit dem Hinweis auf neue starke Partner wie Finnland, Schweden und Polen, auf die Widerstandskraft der Ukraine sowie auf eine junge Generation, die Freiheit und Demokratie nicht länger als Selbstverständlichkeit betrachte.
Genossenschaftliche Praxis am Stammtisch
Wie sich globale Veränderungen im betrieblichen Alltag auswirken, zeigte der abschließende „Genotalk“, moderiert von Ursula Heller vom Bayerischen Fernsehen. Vertreterinnen und Vertreter aus Finanzwirtschaft, Hopfenvermarktung, Spielebranche und genossenschaftlichem Verbund diskutierten über volatile Weltmärkte, Klimafolgen, Digitalisierung, Fachkräfte, Führungskultur und die Erwartungen jüngerer Beschäftigter.
Deutlich wurde: Die Branchen unterscheiden sich, die Herausforderungen ähneln sich. Gefragt sind langfristige Strategien, klare Kommunikation und die Fähigkeit, Mitglieder und Mitarbeitende an Veränderungen zu beteiligen. Gerade darin liege eine besondere Stärke der genossenschaftlichen Unternehmensform.
In seinem Schlusswort griff Walther das Leitmotiv des Tages erneut auf. Nach dem Ende der Veranstaltung beginne die eigentliche Bewährungsprobe im Alltag. Die Verantwortlichen in den Genossenschaften seien die „Piloten“, denen sich Menschen anvertrauten. Sie müssten ihre Unternehmen wirtschaftlich stark führen, sichtbar und wahrhaftig auftreten und die Entwicklung ihrer Regionen aktiv mitgestalten.
Der 125. Verbandstag vermittelte damit keine nostalgische Jubiläumsbotschaft. Seine zentrale Aussage lautete vielmehr: Die lange Tradition verpflichtet nicht zum Verwalten, sondern zum Gestalten.