Starkregen, Hochwasser, Klimaanpassung: Sind Bayerns Kommunen ausreichend vorbereitet?
von Constanze von Hassel

Extremwetterereignisse stellen Städte, Gemeinden und Landkreise vor immer größere Herausforderungen. Starkregen, Überschwemmungen und Sturzfluten verursachen hohe Schäden und erfordern zugleich erhebliche Investitionen in Prävention und Klimafolgenanpassung. Doch wie gut sind Bayerns Kommunen tatsächlich vorbereitet? Welche Lehren lassen sich aus aktuellen Schadensereignissen ziehen? Und welche Rolle spielen Versicherungen künftig bei Risikomanagement und Vorsorge? Darüber spricht die Bayerische GemeindeZeitung mit Dr. Markus Juppe, Mitglied des Vorstands der Versicherungskammer Bayern, verantwortlich für den Bereich Komposit. Anlass sind die Erkenntnisse des NaturgefahrenForums 2026 der Versicherungskammer Bayern, bei dem Experten aus Wissenschaft, Verwaltung, Versicherungswirtschaft und kommunaler Praxis über die Folgen zunehmender Wetterextreme diskutierten.
GZ: Herr Dr. Juppe, wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für Bayerns Kommunen durch Starkregen, Hochwasser und Sturzfluten?
Dr. Markus Juppe: Beim Starkregen gilt: Es kann jede Kommune treffen. Anders als beim klassischen Hochwasser braucht es dafür keinen großen Fluss. Schon ein kleiner Bach kann innerhalb weniger Minuten zu einem reißenden Gewässer werden. Deshalb sollte jede Kommune ihre eigene Risikolage kennen. Oft sind es kleine Maßnahmen, die eine große Wirkung haben. Freigehaltene Durchlässe, gesteuerte Fließwege oder funktionierende Entwässerung verhindern im Ernstfall enorme Schäden. Gleichzeitig werden die Kommunen bei der Ausweisung neuer Baugebiete genauer hinschauen. Wo gebaut wird und wie gebaut wird, wird künftig noch wichtiger werden.
GZ: Welche drei wichtigsten Erkenntnisse sollten kommunale Entscheider aus dem NaturgefahrenForum 2026 mitnehmen?
Juppe: Erstens: Der Klimawandel ist Realität und Extremwetterereignisse werden häufiger und intensiver. Darüber gibt es heute kaum noch Diskussionen. Zweitens: Das Thema ist in den Kommunen, den Ministerien und den Fachbehörden angekommen. Es wird bereits an vielen Lösungen gearbeitet. Drittens: Prävention ist der entscheidende Schlüssel. Wer heute in Schutzmaßnahmen investiert, schützt nicht nur Menschen und Gebäude, sondern sorgt langfristig auch dafür, dass Versicherungsschutz bezahlbar bleibt.
GZ: Welche Lehren haben Sie aus Schadensereignissen wie dem massive Hagelschaden in Bad Bayersoien und Benediktbeuern im Jahr 2023 gezogen und was sollten Kommunen daraus lernen?
Juppe: Geschwindigkeit ist entscheidend. Nach solchen Ereignissen braucht es klare Ansprechpartner und funktionierende Abläufe. Wir sind in solchen Fällen mit einem Büro vor Ort und stehen unseren Kundinnen und Kunden mit zur Seite. Für Kommunen ist es hilfreich, sich schon vor einer Katastrophe Gedanken über Material, Organisation und Kommunikation zu machen. Notdächer, Sandsäcke oder Sandsackfüllmaschinen sind keine groß angelegten Investitionen, helfen aber unmittelbar. Beeindruckt hat mich beim Naturgefahrenforum besonders der Erfahrungsbericht des Bürgermeisters von Pfarrkirchen: Dort werden Einsatzabläufe regelmäßig geübt, selbst für den Fall, dass Mobilfunk und Behördenfunk ausfallen. Solche Konzepte kosten vergleichsweise wenig und können im Ernstfall Menschenleben retten.
GZ: Wo sollten Kommunen trotz knapper Kassen keinesfalls sparen, wenn sie sich auf Naturgefahren vorbereiten wollen?
Juppe: Bei der Feuerwehr und beim Katastrophenschutz. Ebenso wichtig sind gute Gefahrenanalysen und die Sensibilisierung der Bevölkerung. Viele Maßnahmen erfordern keine umfangreichen finanziellen Mittel. Entscheidend ist, dass man sie rechtzeitig umsetzt. Wer vorausschauend handelt, kann Risiken deutlich reduzieren.
Risiken nicht entstehen lassen
GZ: Wie können notwendige Investitionen in Klimafolgenanpassung und Schutzmaßnahmen finanziert werden und welchen Beitrag müssen Bund und Länder leisten?
Juppe: Die öffentlichen Haushalte stehen unter Druck. Trotzdem werden Bund, Länder und Kommunen künftig größere Teile ihrer Mittel für die Klimafolgenanpassung bereitstellen müssen. Das sind Investitionen, die mehrere Generationen betreffen. Gleichzeitig gibt es bereits zahlreiche Förderprogramme, wie etwa in Bayern das Programm „PRO Gewässer 2030“, mit dem der Freistaat die Kommunen beim Hochwasserschutz unterstützt. Wichtig ist außerdem, Risiken gar nicht erst entstehen zu lassen. Wer in bekannten Überschwemmungsgebieten neu baut, schafft langfristig neue Probleme.
GZ: Welche Rolle werden Versicherer künftig als Präventions- und Krisenpartner der Kommunen übernehmen?
Juppe: Unsere Aufgabe beginnt nicht erst mit der Regulierung eines Schadens. Wir unterstützen Kommunen schon vorher mit unserem Wissen über Risiken, Gefahrenkarten und Präventionsmaßnahmen. Mit Angeboten wie ELEMENTA (https://www.elementa.org/) können Eigentümer und Kommunen Risiken besser einschätzen und erfahren, wie Gebäude widerstandsfähiger werden. Unser Ziel ist, Schäden möglichst zu verhindern. Das hilft den Menschen und den Kommunen.
GZ: Mit der Ausstellung „Greenland – Where the world is melting“ (24.07 – 01.11.2026, Kunstfoyer München – Lehel) macht die Versicherungskammer die Folgen des Klimawandels sichtbar. Warum braucht es neben Fachveranstaltungen und Statistiken auch Kunst und Bilder?
Juppe: Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess. Viele Veränderungen nehmen wir im Alltag kaum wahr. Zahlen und Statistiken alleine erreichen deshalb oft nicht die Menschen. Die Fotografien von Ragnar Axelsson zeigen, wie sich Lebensräume innerhalb einer Generation verändern. Sie machen sichtbar, was hinter den Daten steckt. Sie schaffen einen anderen Zugang und macht deutlich, dass der Klimawandel nicht nur eine wissenschaftliche oder politische Frage ist, sondern unser tägliches Leben verändert.
GZ: Herr Dr. Juppe, wenn Sie den kommunalen Entscheidern in Bayern zum Schluss eine Botschaft mitgeben könnten: Welche wäre das?
Juppe: Der Klimawandel ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Kommunen, Bürger, Wirtschaft und Versicherer müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen und anpacken. Prävention ist dabei der entscheidende Hebel. Wer die wachsenden Risiken frühzeitig reduziert, schützt Menschen, Gebäude und Infrastruktur. Sie ist die zentrale Voraussetzung für ein bezahlbares und funktionierendes Versicherungssystem.