Contempo2 zeigt den Weg: Wie Wasserkraft und Naturschutz am Lech zusammenfinden
von Constanze von Hassel

Wie lässt sich erneuerbare Energie ausbauen, ohne die Natur aus dem Blick zu verlieren? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Fach- und Exkursionsnachmittags am Lech, der am Vortag des Bayerischen Wasserkraftforums stattfand. Rund um das Kraftwerk Gersthofen wurde deutlich: Der Konflikt zwischen Wasserkraft und Gewässerschutz muss kein unauflösbarer Gegensatz sein. Das EU-geförderte Projekt Contempo2 will zeigen, wie sich Klimaanpassung, ökologische Aufwertung und Energieerzeugung miteinander verbinden lassen.
Bereits die Exkursion durch die Lechauen machte veranschaulichte, dass es dabei nicht um Theorie geht. Ralf Klocke und Lars Leifeld von der LEW Wasserkraft erläuterten vor Ort, wie Wasser aus dem Lechkanal über sogenannte Düker unter dem Flussbett hindurch in ehemalige Auengewässer geleitet wird. Dort entstehen dauerhaft wasserführende Bachsysteme, die Lebensräume für Fische schaffen, das Wasser kühlen und gleichzeitig helfen, die Folgen des Klimawandels abzumildern. Sensoren überwachen Temperatur und Sauerstoffgehalt, die Wassermengen können gezielt reguliert werden. Ziel ist ein System, das sowohl Niedrigwasser als auch Hochwasser besser bewältigen kann.
Zwölf Kilometer neue Gewässer
Das Projekt baut dabei auf jahrzehntelangen Erfahrungen auf. Bereits vor rund 30 Jahren wurden erste Auengewässer wieder mit Wasser versorgt. Im Rahmen von Contempo2 sollen nun weitere Seitengewässer entstehen. Insgesamt sollen rund zwölf Kilometer neuer Bachläufe geschaffen werden. Sie dienen als Kinderstube für heimische Fischarten, als Rückzugsraum bei Hochwasser und als Kaltwasserreservoir während langer Hitzeperioden. Für Fischerei, Naturschutz und Wasserwirtschaft entsteht damit ein gemeinsamer Nutzen.
Wie wertvoll diese Nebengewässer sind, erläuterte Hubert Schuster vom Fischereiverband Schwaben während der Exkursion. Die eigentliche Herausforderung sei nicht allein die Wasserführung des Lechs, sondern der Verlust seiner Seitenarme. Erst dort könnten sich Jungfische erfolgreich entwickeln. Ohne solche Rückzugsräume lasse sich beispielsweise auch der Bestand des Huchens langfristig nicht stabilisieren.
Wasserkraft als Teil eines Gesamtsystems
Beim anschließenden Empfang im historischen Dampfkraftwerk griff LEW-Vorstand Dr. Dietrich Gemmel genau diesen Gedanken auf. Der Lech dürfe nicht ausschließlich als Energielieferant betrachtet werden. Er sei zugleich Lebensraum, Erholungsgebiet, Hochwasserschutz und Bestandteil einer nachhaltigen Wasserwirtschaft. Aufgabe der kommenden Jahre sei es deshalb, diese unterschiedlichen Interessen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern in einem gemeinsamen Gesamtsystem zusammenzuführen.
Mit Blick auf das energiepolitische Ziel Bayerns, die Stromerzeugung aus Wasserkraft um eine Terawattstunde zu steigern, forderte Gemmel vor allem langfristige Planungssicherheit und praktikable Genehmigungsverfahren. Zusätzliche Stromerzeugung werde nur möglich sein, wenn gleichzeitig Investitionen in ökologische Verbesserungen wirtschaftlich tragfähig blieben.
Glauber: Wasserkraft bleibt unverzichtbar
Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber stellte in seiner Keynote klar, dass die Wasserkraft für den Freistaat unverzichtbar bleibt. Rund 15 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung Bayerns stammten aus Wasserkraft. Gerade weil sie grundlastfähig sei, könne sie Wind- und Solarenergie sinnvoll ergänzen.
Gleichzeitig machte Glauber deutlich, dass die Herausforderungen größer geworden seien. Klimawandel, Hochwasserschutz, Trinkwasserversorgung und Gewässerökologie müssten künftig gemeinsam betrachtet werden. „Wir werden doch am Ende in Bayern bei 15 Prozent unserer erneuerbaren Energien eine grundlastfähige, stabile Energie aus der Wasserkraft nicht infrage stellen“, betonte der Minister. Ebenso gehöre aber zur Ehrlichkeit, dass viele Flüsse in der Vergangenheit stark verändert worden seien und nun ökologisch weiterentwickelt werden müssten.
Als positives Beispiel nannte Glauber ausdrücklich Projekte wie Contempo2, mit denen Seitengewässer wiederbelebt, Auwälder gestärkt und neue Lebensräume geschaffen werden. Solche Maßnahmen seien entscheidend, um auslaufende wasserrechtliche Genehmigungen mit einer ökologischen Weiterentwicklung der Flüsse zu verbinden. Die LEW bezeichnete er dabei als verlässlichen Partner bei Hochwasserschutz und Gewässerentwicklung.
Mehr als ein Pilotprojekt
Contempo2 ist weit mehr ist als ein einzelnes Renaturierungsprojekt. Es versteht den Fluss als Gesamtsystem, in dem Energieversorgung, Klimaanpassung, Fischerei, Hochwasserschutz und Naturschutz nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Genau diese integrierte Sichtweise könnte künftig zum Vorbild für weitere Flusslandschaften werden. So war der Nachmittag am Lech weit mehr als die Einstimmung auf das Bayerische Wasserkraftforum. Er zeigte ganz praktisch, dass die Energiewende an Flüssen nur dann gelingt, wenn ökologische und technische Lösungen gemeinsam entwickelt werden und dass Bayern mit Contempo2 dafür bereits ein europaweit beachtetes Beispiel geschaffen hat.