Bayernwerk will Netzkapazitäten künftig nach Kriterien vergeben

GZ Ausgabe GZ-20-2026 vom 22. Oktober 2026 | Energie
von Michael von Hassel
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Bayernwerk-Chef Dr. Egon Leo Westphal stellte das Spielsystem für die zweite Halbzeit der Energiezukunft vor. Bild: Florian Hammerich, altro/ Bayernwerk AG

Die Energiewende tritt nach Einschätzung des Bayernwerks in eine neue Phase ein. Weil Netzkapazitäten zunehmend zum knappen Gut werden, will der Netzbetreiber große Anschlussbegehren künftig nicht mehr allein nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ behandeln. Ein neues Zuteilungsverfahren soll Projekte nach sechs Kriterien bewerten. Für Kommunen ist das von erheblicher Bedeutung: Die Verfügbarkeit von Netzkapazität wird immer stärker zum Faktor für die Entwicklung von Gewerbe- und Industriestandorten.

„Die zweite Halbzeit hat begonnen“, beschrieb Dr. Egon Westphal, Vorstandsvorsitzender der Bayernwerk AG, bei einer Pressekonferenz am 7. Oktober die Situation der Energiewende in Bayern. Die erste Halbzeit sei durchaus erfolgreich verlaufen: Im Netzgebiet des Bayernwerks seien mittlerweile mehr als eine Million Erzeugungsanlagen erneuerbarer Energien angeschlossen. Ihre Einspeiseleistung liege bei rund 27.000 MW – bei einer Gebietslast von etwa 8.000 MW. Allein im vergangenen Jahr kamen nach Unternehmensangaben mehr als 65.000 Anlagen mit über 2.000 MW Leistung hinzu.

Doch genau dieser Erfolg verändert die Anforderungen. Neben neuen Erzeugungsanlagen drängen Batteriespeicher, Rechenzentren, elektrifizierte Industrie, Wärmepumpen und Elektromobilität ins Netz. Bis 2045 rechnet das Bayernwerk mit einer weiteren Verdreifachung der installierten erneuerbaren Leistung und gleichzeitig mit einer Verdoppelung des Stromverbrauchs durch die Elektrifizierung.

Netzanschluss wird zum Standortfaktor

Damit rückt eine Ressource in den Mittelpunkt, die sich nicht beliebig schnell vermehren lässt: Netzkapazität. „Die Kapazitäten der Infrastruktur der Netze sind begrenzt“, stellte Westphal fest. Das bisherige Windhundprinzip bei Anschlussanfragen stoße angesichts der sprunghaft gestiegenen Nachfrage an seine Grenzen. Künftig sollen große Bezugsanfragen deshalb in zwei Zuteilungsrunden pro Jahr gesammelt und nach einheitlichen Kriterien bewertet werden. Die erste Antragsphase soll am 12. Oktober starten.

Betroffen sind Bezugskunden mit einem Leistungsbedarf von mehr als 1.000 kW sowie Batteriespeicher ab 300 kW Bezugsleistung. Kleinere Anschlüsse bleiben im bisherigen Verfahren. Ebenfalls ausgenommen sind Einrichtungen, die für Versorgung und Sicherheit besondere Bedeutung haben – ausdrücklich genannt wurden Krankenhäuser, Rettungsdienste, Feuerwehren und Schulen.

Für die Teilnahme an dem neuen Verfahren wird eine Kaution von 1.500 Euro netto je Megawatt verlangt, die anschließend vollständig zurückerstattet werden soll. Damit will das Bayernwerk die Ernsthaftigkeit beziehungsweise Entwicklungsreife der eingereichten Projekte absichern.

Entscheidend wird künftig nicht mehr der Eingangszeitpunkt innerhalb einer Vergaberunde sein, sondern eine Bewertung anhand von sechs Kriterien: Reifegrad des Projekts, Einordnung in das jeweilige Regionalszenario, gemeinsame Nutzung eines Netzanschlusspunktes etwa durch Erzeugung und Speicher, Bereitschaft zu einem flexiblen Netzbezug, Bindung an vorhandene lokale Infrastruktur sowie die Weiternutzung bereits bestehender Netzanschlüsse. Je Kriterium sind maximal zehn, insgesamt also 60 Punkte möglich. Die Punktzahl bestimmt die Reihenfolge der technischen Prüfung.

Für die kommunale Standortpolitik ist dieser Ansatz bemerkenswert. Nicht jede große Anschlussanfrage soll künftig faktisch denselben Rang besitzen. Westphal verdeutlichte dies am Beispiel eines Industriebetriebs, der neun MW zusätzliche Leistung benötigt, während vor ihm eine Anfrage für einen Batteriespeicher mit 100 MW liegt. Im neuen Verfahren könne der Industriebetrieb aufgrund der Kriterien eine höhere Bewertung erreichen und damit früher zum Zuge kommen. Dabei solle jedoch nicht pauschal zwischen „guten“ und „schlechten“ Technologien unterschieden werden. Ausschlaggebend seien Systemnutzen, Projektreife, regionale Einbindung und die Nutzung vorhandener Infrastruktur.

„Kupfer plus Köpfchen“

Das Zuteilungsverfahren ist nur ein Baustein der neuen Strategie. Hinzu kommen ein weiterentwickelter Netzausbauplan und sogenannte Flexible Connection Agreements. Dabei können Kunden einen Netzanschluss erhalten, obwohl die gewünschte Maximalleistung nicht zu jedem Zeitpunkt verfügbar ist. In Engpasssituationen wird der Bezug begrenzt, außerhalb dieser Zeiten kann vorhandene Netzkapazität besser genutzt werden. So sollen neue Vorhaben früher ans Netz kommen können, ohne auf den vollständigen Ausbau der Infrastruktur warten zu müssen.

Den klassischen Netzausbau ersetzt dies nach Darstellung des Bayernwerks ausdrücklich nicht. Für die Jahre 2027 bis 2031 plant das Unternehmen Aufwendungen von rund 13 Mrd. Euro für seine Netzinfrastruktur. Westphal fasste die Strategie mit der Formel „Kupfer plus Köpfchen“ zusammen: physischer Ausbau einerseits, intelligentere Nutzung vorhandener Netze andererseits. Gemeinsam mit Partnerunternehmen seien derzeit rund 16.000 bis 17.000 Menschen auf bayerischen Baustellen für das Bayernwerk tätig.

Eine besondere Rolle sollen Speicher spielen. Bayern solle zum „Speicherland“ werden, kündigte Westphal an. Bereits heute nähere sich die Anschlussleistung von Speichern im Bayernwerk-Netz der Marke von 4.000 MW. Zusätzliche Möglichkeiten sieht das Unternehmen in der Mehrfachnutzung vorhandener Anschlüsse. Photovoltaik, Windkraft und Speicher können sich ergänzen, weil ihre Leistung zu unterschiedlichen Zeiten anfällt. So ließen sich bestehende Leitungen erheblich besser auslasten.

Resilienz wird Teil der Energiewende

Neben Ausbau und Digitalisierung gewinnt für den Netzbetreiber die Sicherheit der Infrastruktur an Bedeutung. Nach physischen Angriffen auf Netzanlagen in diesem Jahr arbeitet das Bayernwerk an neuen Überwachungskonzepten. Gemeinsam mit Siemens Energy wurde laut Westphal innerhalb weniger Wochen ein Sensorsystem entwickelt, das unter anderem Kameratechnik und „digitale Zäune“ ermöglichen soll. Begonnen werden soll an besonders kritischen Punkten des Hochspannungsnetzes. Parallel beschäftigt sich das Unternehmen mit der Detektion von Drohnen.

Für Städte, Gemeinden und Landkreise ergibt sich aus der „zweiten Halbzeit“ der Energiewende damit eine neue planerische Realität. Netzkapazität wird zunehmend zu einer Voraussetzung wirtschaftlicher Entwicklung – und die Frage, wo Industrie, Speicher, Rechenzentren oder neue Erzeugungsanlagen entstehen können, hängt enger als bisher mit der regionalen Energieinfrastruktur zusammen.

Das Bayernwerk will deshalb Netzausbau und regionale Entwicklung stärker miteinander verzahnen. Westphal sieht darin keinen Gegensatz zwischen Klimaschutz und Wirtschaftspolitik. Ein wachstums- und innovationsstarkes Bayern und eine nachhaltige Energieversorgung seien vielmehr „zwei Seiten einer Medaille“. Für die Kommunen bedeutet dies zugleich: Energie- und Netzplanung werden künftig noch stärker Bestandteil aktiver Standortpolitik sein.

Michael von Hassel

Michael von Hassel

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