Wichtig und hochwirksam
von Pat Christ

Vor allem mehr Community Health Nurses wären für den Freistaat ein riesiger Gewinn - Eine schreckliche Vorstellung ist das, alt und krank zu sein – und dann ohne Hilfe dazustehen. Viele Bürger befürchten das. Gibt es doch zu wenige Ärzte. Zu wenige Pflegekräfte. Zu wenig Geld im System. Verbessert werden könnte die Situation durch Gemeindeschwestern oder, noch besser, akademisch ausgebildete Community Health Nurses (CHNs). In Lindenberg im westlichen Allgäu läuft aktuell ein CHN-Pilotprojekt mit großem Erfolg. Nachweislich können dadurch unterm Strich Kosten gespart werden.
Die Idee, in Lindenberg eine Community Health Nurse zu installieren, kam 2019 auf. In erstaunlich kurzer Zeit konnte sie an Kontur gewinnen. Studentinnen gaben den Impuls, berichtet Pflegewissenschaftlerin Christine Aumer von der Technischen Hochschule (TH) Deggendorf: „Sie fragten, warum es CHN nicht in Deutschland gibt.“
Bekannt ist die Idee vor allem aus Skandinavien. Parallel hatte die Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz den Wunsch, CHN zu implementieren.
Nachdem es 2023 grünes Licht für Fördermittel gab, konnte das Pilotprojekt im Mai vergangenen Jahres starten. Seitdem kann Christine Aumer von vielen Erfolgsgeschichten erzählen.
Da ist zum Beispiel der Senior, der nicht mal mehr eine kurze Strecke laufen kann. Er ist rund um die Uhr auf die Unterstützung seiner Frau angewiesen. Die hat Diabetes. Immer, wenn der Blutzucker entgleist, fällt sie aus. Das geschah oft monatlich. Dann war der alte Mann aufgeschmissen. Das kam durch Zufall heraus, als das Ehepaar Besuch von einer der beiden Lindenberger Community Health Nurses bekam. Die schaute vorbei, weil eine Wunde am Unterarm des Seniors einfach nicht verheilen wollte. Sofort entdeckte sie den Grund: Der Senior lehnte stundenlang auf seinen Unterarmen am Fenster. Bei diesem Besuch erfuhr die Pflegerin auch von den Gesundheitsproblemen der Frau.
Keine Konkurrenz zu Pflegediensten
Christine Aumer ist glücklich, dass sie nicht mehr nur im Lehrsaal theoretisch die Prinzipien von Community Health Nursing vermitteln muss, sondern dass sie ein konkretes Projekt wissenschaftlich begleiten darf. Die gelernte Krankenschwester brennt für CHN. Die Nurses, erklärt sie, stellen keinerlei Konkurrenz zu Pflegediensten dar: „Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen haben ohnehin keinen Pflegedienst. Sie werden von ihren Angehörigen versorgt.“ Oder sie sind vollkommen alleine. Und fallen durch alle Raster. Natürlich kann man jederzeit zum Hausarzt gehen. Doch der hat für ausführliche Beratungen garantiert keine Zeit. Geschweige denn für ausgedehnte Hausbesuche.
Haftungsfragen als Hürden
Durch die wissenschaftliche Begleitung des Lindenberger Pilotprojekts kann Christine Aumer jetzt schon ablesen, dass CHN ein guter Lösungsansatz mit Blick auf die Versorgungsengpässe im Gesundheitssystem wäre. Allerdings ist die Implementierung nicht so einfach. In erster Linie wegen Haftungsfragen. In Lindenberg sind die beiden Nurses an eine Gemeinschaftspraxis angedockt. Nur deshalb dürfen sie, und zwar im Rahmen der sogenannten Delegation, zum Beispiel Wunden versorgen. Von sich aus darf eine Krankenschwester dies derzeit nicht tun. Selbst wenn sie die Kompetenz hat. Der Nachteil: Nur Patienten der Praxis erhalten in Lindenberg Besuch von den Nurses.
Als Projekt mit Modellcharakter wird die Lindenberger Initiative zwei Jahre lang mit Mitteln des Freistaats gefördert. Ende November läuft die Förderung aus. Noch steht nicht fest, wie es weitergeht, bedauert Projektleiterin Elisa Johannsdottir. Müsste das Projekt eingestellt werden, wäre das nach ihren Worten eine Tragödie für viele ältere Menschen in Lindenberg. Im Grunde wäre ein Ausbau notwendig: „Wir bräuchten eine weitere Community Health Nurse, um den Bedarf zu decken.“ Seit dem Start des Projekts vor gut einem Jahr wurden 1.700 Patientenkontakte registriert. Dahinter stecken umgerechnet um die 750 Patientinnen und Patienten.
Anrecht auf allgemeine Gesundheitsversorgung
Durch den 1973 von Deutschland ratifizierten „Internationalen Pakt über die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte“ hat jeder Bundesbürger das Anrecht auf eine allgemeine Gesundheitsversorgung. Ohne CHNs, Gemeindeschwestern oder Pflegelotsen wird sich dieses Anrecht künftig jedoch wohl kaum mehr erfüllen lassen. Gibt es doch immer weniger Ärzte, die sich umfassend um chronisch kranke Senioren kümmern könnten. Überhaupt klaffen im Pflegesektor immer größere Versorgungslücken. So bräuchte es viel mehr Angebote, um pflegende Angehörige zu unterstützen. Oft helfen hier schon ein paar praktische Tipps weiter. Gemeindeschwestern können diese geben.
Später ins Pflegeheim
Community Health Nurses unterstützen Senioren dabei, mit chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes klarzukommen, was unterm Strich Kosten spart. Dadurch können Klinikaufenthalte vermieden werden; die überfüllten Notaufnahmen werden entlastet. Das zeigen die bisherigen Evaluationsergebnisse aus Lindenberg. Laut Christine Aumer sind diese äußerst positiven Resultate nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich die verschiedenen Gesundheitsakteure in Lindenberg rund um die beiden Community Health Nurses gegenseitig „stützen wie ein Kartenhaus“.
Für Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, ist es ein grundlegender Unterschied, ob sie sich aufmachen müssen, um ein ärztliches Sprech- oder das Beratungszimmer einer sozialen Anlaufstelle aufzusuchen, oder ob sie daheim Besuch erhalten. Diese Erfahrung hat man auch in Teuschnitz im Kreis Kronach gemacht. Hier gab es ein Leuchtturmprojekt zur Gemeindeschwesterarbeit, berichtet Janet Januszewski vom Caritasverband. „Flexible Altenhilfe – Gemeindeschwestern Teuschnitz“ nannte es sich. Es lief erfolgreich in den Jahren 2020 und 2021. Danach lief die Förderung aus. Eine Anschlussfinanzierung gab es nicht. So starb die Sache.
Am Teuschnitzer Projekt lässt sich aufzeigen, dass die Aufgaben einer Gemeindeschwester nicht analog jener einer Community Health Nurse sind. Die Gemeindeschwester in Teuschnitz hätte zum Beispiel keine Wunden versorgen dürfen. Denn sie war nicht an eine Arztpraxis angedockt. Es gab daher keine Delegation und keine mit dieser verbundenen Behandlungspfade. Dafür gab die Gemeindeschwester Pflegetipps, berichtet Janet Januszewski: „Zum Beispiel, wie man bei einer bettlägerigen Person die Haare waschen kann.“ Bei Spezialfragen von Senioren, die nur Fachpersonen beantworten können, recherchierte sie entsprechende Adressen.
Wie geht es weiter?
Kritiker von anschubfinanzierten Projekten weisen immer wieder darauf hin, dass man die Frage, wie es nach der Förderung weitergeht, nicht selten außer aller Acht lässt, weil es so schön ist, dass zunächst Geld winkt. Das Teuschnitzer Projekt kam, nicht weiter verwunderlich, zum Schluss, dass es an „unterstützenden Rahmenbedingungen“ fehlt, um ein langlebiges Hilfsangebot für Senioren zu sichern. In Lindenberg vermutet Christine Aumer, dass ein nahtloser Übergang zu einem verstetigten Projekt ab Dezember höchst unwahrscheinlich ist. Andere Bundesländer sind hier weiter. Rheinland-Pfalz etwa fördert „Gemeindeschwestern plus“ als Landesprogramm.
Wie beherrschend die Frage nach der Finanzierung einer Gemeindeschwester ist, erlebt man just auch im Landkreis Miltenberg. Dort bildete sich unter dem Dach der Initiative „Open sozial“ eine Projektgruppe, die sich seit fünf Jahren dem Thema „Bessere Pflege“ widmet. Seit zwei Jahren wird um eine Gemeindeschwester gekämpft. Die Idee stößt auf positive Resonanz, allerdings erscheint die Finanzierungsfrage kaum lösbar. Im Oktober letzten Jahres startete die Projektgruppe eine Unterschriftenaktion. 525 Landkreisbürger unterzeichneten die Forderung nach Gemeindeschwestern an möglichst vielen Orten im Kreis. Im Juli soll die Unterschriftenliste an den Landrat übergeben werden.
Als Gemeinde Prioritäten setzen
Vor allem die langfristige Finanzierung einer solchen Kraft macht laut Marcus Schuck von der Projektgruppe Sorgen, deswegen habe sich bisher noch nichts Konkretes getan. Einen Bürgermeister im Landkreis gibt es jedoch, der Interesse daran hätte, die erste Miltenberger Gemeindeschwester zu installieren: Michael Schüßler (Freie Wähler) aus Leidersbach. „Wir müssen als Gemeinde Prioritäten setzen“, betont er. Würde sich nach einer Anschubfinanzierung herausstellen, dass die Gemeindeschwester einen Mehrwert darstellt, müsste die Anschlussfinanzierung kommunal aufgebracht werden. „Dann wird halt das Gehsteigpflaster das nächste Mal etwas günstiger“, sagt er.
Auf die Person kommt es an
Nachdem die Arbeitsstätte „Seniorenheim“ für nicht wenige Pflegerinnen nach ein paar Jahren im Einsatz als sehr stressig empfunden wird, könnte sich Michael Schüßler vorstellen, dass eine Kraft, die wechseln mag, unschwer zu gewinnen sein würde. „Auf jeden Fall kommt es stark auf die Person an, ob ein entsprechendes Projekt einen Mehrwert hat“, sagt er. Weiter kommt es auf Titel an. Beziehungsweise: Was mit entsprechenden Titeln verbunden ist. Unter „Gemeindeschwester“ werden aktuell zum Beispiel auch GutePflege-Lotsen subsumiert. Ob Leidersbachs Senioren damit gedient sein würde, dessen ist sich Michael Schüßler noch nicht sicher.
Was der Ausdruck „GutePflege-Lotsen“ bedeutet, erläutert das Landesamt für Pflege: „GutePflege-Lotsen sind Personen mit sehr guter Kenntnis der vorhandenen Strukturen und Angebote in der Kommune sowie mit guten Kontakten zu den Menschen vor Ort.“ Sie erheben den Hilfebedarf pflegebedürftiger Bürger, beraten und vermitteln. Die Lotsen werden bis zu drei Jahre gefördert. Die Gemeinde muss einen Eigenanteil von mindestens zehn Prozent aufbringen. Laut Landesamt für Pflege wurden bis Ende Juni 36 GutePflege-Lotsen gefördert. Antragstellende Kommunen, versichert die Behörde, erhalten große Freiheiten bei der Ausgestaltung der örtlichen Konzepte.