Schritt für Schritt ins 21. Jahrhundert: Modulsystem für das Gymnasium

GZ Ausgabe GZ-13-2026 vom 2. Juli 2026 | Bildung, Betreuung & Gesundheit
von Gerhard Endres
Dr. Matthias Schickel.
Dr. Matthias Schickel.

Individuell statt sitzenbleiben? Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) wirbt für ein Modulsystem am Gymnasium, das Schülerinnen und Schülern mehr Flexibilität beim Lernen ermöglichen soll. Aus Sicht von Befürwortern könnte das Modell Bildungsbiografien besser an die unterschiedlichen Bedürfnisse junger Menschen anpassen und damit auch auf Herausforderungen reagieren, die Kommunen zunehmend beschäftigen: psychische Belastungen, Heterogenität der Schülerschaft und die Sicherung von Bildungschancen. Auch im Katharinen-Gymnasium in Ingolstadt müssen vier bis fünf Prozent der Schüler eine Klasse wiederholen. Gerhard Endres sprach mit Dr. Matthias Schickel, seit fünf Jahren Oberstudiendirektor und seit Mai 2020 ehrenamtlicher Stadtrat in Ingolstadt.

Basis des vorgeschlagenen Modulsystems ist das bereits eingeführte Konzept „Mittelschule Plus“. Ab der 7. Klasse soll Schülerinnen und Schülern ermöglicht werden, die Lernzeit in einzelnen Fächern zu strecken. Zusatzmodule dienen der gezielten Unterstützung bei Lernschwierigkeiten ebenso wie der Begabungsförderung. Individuelle Schwächen können durch Fördermodule ausgeglichen, Stärken durch Plus- und Projektmodule weiterentwickelt werden.

Ein pauschales Wiederholen einer Jahrgangsstufe entfällt. Stattdessen könnten nur diejenigen Fächer wiederholt werden, in denen die Lernziele nicht erreicht wurden. Die Lernzeit ließe sich flexibel gestalten, etwa bei Leistungsproblemen, familiären Belastungen, zeitintensiven Hobbys oder Erkrankungen. Die Schule könnte so sowohl leistungsschwächere als auch besonders begabte Schülerinnen und Schüler gezielter fördern und flexiblere Gruppen bilden.

Fächer würden dabei nicht „abgewählt“, sondern durch unterschiedlich ausgestaltete Module ergänzt. Für Schickel war die Einführung von „Mittelschule Plus“ durch das Kultusministerium vorbildlich. Einen ähnlichen Ansatz wünscht er sich auch für das Gymnasium: Schulen ermutigen, neue Wege zu gehen, Fehler machen zu dürfen und notwendige Veränderungen beherzt anzugehen.

Umsetzung aus vorhandenen Mitteln

„Wenn man als Schule, Schulleitung und Kollegium etwas verändern will, kann man das“, betont Schickel. Als Schulleiter und Stadtrat kennt er die angespannte finanzielle Situation vieler Kommunen. Für ihn ist deshalb klar: Das Konzept müsse und könne aus den vorhandenen „Bordmitteln“ umgesetzt werden.

Am Katharinen-Gymnasium wird ab dem kommenden Schuljahr ein „Freitag in der Oberschule“ eingeführt, an dem sich die Schülerinnen und Schüler eigenständig mit einem Thema auseinandersetzen. „Wir müssen unseren Schülern einfach mehr zutrauen. Die allermeisten verdienen dieses Vertrauen.“

Veränderungen sollten aus seiner Sicht Schritt für Schritt erfolgen. So startet die „digitale Schule“ am Katharinen-Gymnasium erst im Herbst 2026. Wichtig sei dabei, Kollegium, Eltern und Schülerinnen und Schüler frühzeitig einzubeziehen. Seit Beginn seiner Schulleitung informiert Schickel die Eltern jeden Freitag per E-Mail über die Ereignisse der Woche und anstehende Termine. Zudem soll ab Herbst 2026 ein Schulparlament mit den Klassensprechern eingerichtet werden.

Gleichzeitig beobachtet Schickel, dass die Zahl der „besonderen Schüler – von hochbegabten Superüberfliegern bis zu Kindern, die schwere Päckchen mit sich herumtragen – immer größer wird“. Ein Modulsystem werde diesen unterschiedlichen Bedürfnissen auf konstruktive und pragmatische Weise eher gerecht und ermögliche eine individuellere Beratung und Förderung.

Nach Auffassung des BLLV liegt der Innovationsaufwand vor allem bei den Lehrkräften, die verstärkt als Coaches eingesetzt werden. Dafür müssten entsprechende Handreichungen und Fortbildungen entwickelt werden.

Für die Kommunen als Sachaufwandsträger ergibt sich daraus vor allem die Aufgabe, die Schulen bei neuen Lern- und Organisationsformen durch geeignete räumliche und digitale Rahmenbedingungen zu unterstützen. Auf die pädagogische Ausgestaltung selbst haben sie hingegen keinen unmittelbaren Einfluss.

Schickel hofft zugleich auf einen gesellschaftlichen Perspektivwechsel. „Das Gymnasium ist nicht das Alleinseligmachende.“ Auch die Realschule und die duale Berufsausbildung eröffneten erfolgreiche Lebenswege. Seiner Meinung nach könne man mit einem engagierten Kollegium in einer Schule „unheimlich viel bewegen. Wenn man will“. Für ihn ist das Modulsystem eine Antwort auf viele „Baustellen“ des Gymnasiums und auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Gerhard Endres

Ihre optimale Website-Nutzung

Diese Website verwendet Cookies und bindet externe Medien ein. Mit dem Klick auf „✓ Alles akzeptieren“ entscheiden Sie sich für eine optimale Web-Erfahrung und willigen ein, dass Ihnen externe Inhalte angezeigt werden können. Auf „Einstellungen“ erfahren Sie mehr darüber und können persönliche Präferenzen festlegen. Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Detailinformationen zu Cookies & externer Mediennutzung

Externe Medien sind z.B. Videos oder iFrames von anderen Plattformen, die auf dieser Website eingebunden werden. Bei den Cookies handelt es sich um anonymisierte Informationen über Ihren Besuch dieser Website, die die Nutzung für Sie angenehmer machen.

Damit die Website optimal funktioniert, müssen Sie Ihre aktive Zustimmung für die Verwendung dieser Cookies geben. Sie können hier Ihre persönlichen Einstellungen selbst festlegen.

Noch Fragen? Erfahren Sie mehr über Ihre Rechte als Nutzer in der Datenschutzerklärung und Impressum!

Ihre Cookie Einstellungen wurden gespeichert.