100 Jahre BVS: Bildung für Bayern
von Constanze von Hassel

Mit einem Festakt im Bayerischen Landtag hat die Bayerische Verwaltungsschule ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Die Erfolgsgeschichte der BVS ist mit den bayerischen Kommunen eng verbunden. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel, Digitalisierung und wachsendem Vertrauensdruck auf Staat und Verwaltung sind qualifizierte Beschäftigte wichtig.
Ein Jahrhundert Bayerische Verwaltungsschule: Zu ihrem 100-jährigen Bestehen hatte die BVS in den Senatssaal des Bayerischen Landtags geladen. Vertreter aus Politik, Staatsverwaltung und kommunaler Praxis, Lehrbeauftragte, Beschäftigte sowie Auszubildende und Lehrgangsteilnehmer blickten gemeinsam auf die Geschichte der größten Verwaltungsschule Deutschlands und auf ihre Aufgaben für die kommenden Jahrzehnte.
Landtagsvizepräsident Tobias Reiß stellte dabei gleich zu Beginn die Bedeutung einer leistungsfähigen Verwaltung für das demokratische Gemeinwesen heraus. Die Beschäftigten in Rathäusern, Landratsämtern und Behörden seien für viele Bürger die unmittelbaren Ansprechpartner des Staates. Gerade in einer Zeit, in der Vertrauen in staatliche Institutionen unter Druck gerate, komme es darauf an, dass Menschen dort, wo sie dem Staat begegnen, gute Erfahrungen machten. Eine verlässliche und funktionsfähige Verwaltung stehe damit auch für die Glaubwürdigkeit der Demokratie.
Tief in der kommunalen Familie verwurzelt
Wie eng die BVS mit den Kommunen verbunden ist, hob Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hervor. Die Verwaltungsschule sei in besonderer Weise eine Einrichtung der kommunalen Selbstverwaltung. Ihre Mitgliedskörperschaften seien unmittelbar im Verwaltungsrat vertreten; die kommunale Familie steuere ihre Bildungseinrichtung damit im Wesentlichen selbst – praxisnah, eigenverantwortlich und orientiert an den tatsächlichen Bedürfnissen vor Ort. Diese Konstruktion verbinde staatliche Verlässlichkeit mit kommunaler Eigenständigkeit.
Die Dimensionen sind beachtlich: Rund 45.000 Menschen erreicht die BVS jährlich. Etwa 40.000 Teilnehmer besuchen rund 3.000 Fortbildungsveranstaltungen, hinzu kommen rund 5.000 Teilnehmer in der Ausbildung. Mehr als 100 Fachgebiete, fünf Bildungszentren und sieben Regionalstellen bilden ein bayernweites Netz. Besonders bemerkenswert: 97 Prozent der Teilnehmer würden eine Veranstaltung der BVS weiterempfehlen.
Eine tragende Säule dieses Systems sind rund 1.300 nebenamtliche Lehrbeauftragte. Sie kommen aus Ministerien, Regierungen, Landratsämtern, Stadt- und Gemeindeverwaltungen sowie kommunalen Einrichtungen und bringen das Wissen aus ihrem Berufsalltag unmittelbar in die Aus- und Fortbildung ein. Genau darin liegt ein Wesenskern der BVS: „Aus der Praxis für die Praxis“. Herrmann appellierte deshalb auch an Behördenleitungen und Personalverantwortliche, weiterhin gute Fach- und Führungskräfte für diese Aufgabe freizustellen. Wer Mitarbeiter für die Lehre zur Verfügung stelle, verliere nicht einfach Arbeitszeit, sondern investiere in Wissen, Vernetzung und die Zukunft der gesamten bayerischen Verwaltung.
Katja Müller: Die BVS aus fünf Perspektiven
Wie unmittelbar diese Verbindung in der kommunalen Praxis gelebt wird, zeigte Lauingens Erste Bürgermeisterin Katja Müller. Sie kennt die BVS aus nahezu allen denkbaren Perspektiven: als frühere Auszubildende und Lehrgangsteilnehmerin, als nebenamtliche Dozentin, als kommunale Arbeitgeberin, als Bürgermeisterin einer Standortkommune und als Mitglied des Verwaltungsrates. Ihre eigene Verbindung zur Verwaltungsschule begann 1996 mit der Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten.
Gerade als Arbeitgeberin sehe sie heute, welchen Stellenwert gute Aus- und kontinuierliche Fortbildung hätten. Neue Gesetze, zusätzliche Aufgaben, Digitalisierung und steigende Erwartungen der Bürger träfen auf einen Arbeitsmarkt, auf dem es zunehmend schwierig werde, geeignetes Personal zu gewinnen. Umso wichtiger sei ein Partner, der Beschäftigte fachlich qualifiziere und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten eröffne.
Zugleich schilderte Müller, welche Bedeutung ein BVS-Bildungszentrum für eine Kommune selbst entfalten kann. Teilnehmer aus ganz Bayern kämen nach Lauingen, gingen dort essen, träfen sich in der Stadt und würden so Teil des örtlichen Lebens. Besonders eindrücklich erinnerte sie an eine kurzfristige Evakuierung einer Alten- und Pflegeeinrichtung, bei der die BVS unkompliziert bei der Unterbringung der Bewohner geholfen habe. Solche Situationen zeigten, dass die Verbindung zwischen BVS und Standortkommune weit über Gebäude, Lehrpläne und Prüfungsordnungen hinausreiche.
Lernen verändert sich
BVS-Vorstand Hans-Christian Witthauer richtete seinen Blick vor allem nach vorn. Ein Jubiläum sei für ihn keine Endstation, an der man aussteige und nur auf die zurückgelegte Strecke schaue, sondern eine Haltestelle, an der geprüft werde, ob der Fahrplan für die kommenden Jahre noch stimme. Fundament der BVS bleibe dabei die Praxisnähe und insbesondere das Netzwerk der nebenamtlichen Lehrbeauftragten. Zugleich müsse sich die Art des Lernens verändern.
Mit der Digitalakademie Bayern und dem Digital Learning Lab habe die BVS dafür einen Innovationsraum geschaffen. Neue Lernformen, Virtual Reality und ein „digitaler Zwilling“ einer fiktiven Kommune sollen Verwaltungswirklichkeit möglichst praxisnah abbilden. Auch die klassische Qualifizierung entwickelt sich weiter: Aus dem Beschäftigtenlehrgang II soll der Verwaltungslehrgang II mit weniger Prüfungen und stärkerer Kompetenzorientierung hervorgehen. Teilnehmer sollen sich spezialisieren und Fragestellungen aus ihrer eigenen Kommune bearbeiten.
Bei aller Digitalisierung setzte Witthauer zugleich ein klares Zeichen für das Lernen in Präsenz. Der persönliche Austausch zwischen Beschäftigten verschiedener Behörden und Regionen sei durch digitale Formate nicht beliebig ersetzbar. Gerade dieses Netzwerk gehört seit Jahrzehnten zum besonderen Wert der BVS.
Weiterbildung ist keine verzichtbare Ausgabe
Deutliche Worte fand der BVS-Vorstand mit Blick auf die angespannte Finanzlage vieler Kommunen. Wenn die Kassen knapp würden, werde bei Bildung schnell zuerst gespart, weil die Folgen nicht unmittelbar sichtbar seien. Doch fehlende Weiterbildung werde später bezahlt – etwa durch Fehlentscheidungen, verlorene Verfahren oder den Verlust guter Mitarbeiter. Deshalb seien knappe Mittel kein Grund, weniger, sondern ein Grund, gezielter zu lernen.
Zugleich verwies Witthauer auf die besondere Finanzierungsstruktur der Verwaltungsschule. Die BVS finanziert sich über die Gebühren ihrer Kunden und kommt ohne laufende Zuschüsse aus dem Staatshaushalt aus. Fünf Jahre lang konnten die Gebühren stabil gehalten werden; die für 2027 geplante Anpassung soll unter dem rechnerisch notwendigen Wert bleiben, auch mit Blick auf die finanzielle Belastung der Kommunen.
Dabei warnte der BVS-Vorstand vor einem reinen Preiswettbewerb im Weiterbildungsmarkt. Wirtschaftlich attraktive Themen könnten auch von privaten Anbietern bedient werden. Die BVS halte jedoch zugleich hoch spezialisierte Angebote mit kleinen Teilnehmerzahlen vor. Diese Quersubventionierung sichere ein breites Bildungsangebot auch dort, wo sich ein einzelnes Seminar wirtschaftlich kaum rechne. Kommunen sollten deshalb nicht allein auf den Preis einer einzelnen Veranstaltung schauen, sondern auf das verlässliche Gesamtangebot.
Gute Verwaltung stärkt Demokratie
Wie ein roter Faden zog sich durch den Festakt die Überzeugung, dass Aus- und Fortbildung heute weit mehr bedeutet als die Vermittlung von Verwaltungswissen. Sie entscheidet mit darüber, wie Bürger ihren Staat erleben.
Witthauer brachte diese Verbindung auf die kommunale Ebene: Für die meisten Menschen finde die Begegnung mit dem Staat nicht in einem Ministerium statt, sondern im Rathaus, Landratsamt, Bürgerbüro oder am Wertstoffhof. Dort entstehe das Bild vom Staat. Ein zügig und verständlich bearbeiteter Bauantrag, eine kompetente Beratung oder ein zuverlässig funktionierendes kommunales Bad seien deshalb unspektakuläre, aber wirksame Beiträge zur Stabilität der Demokratie. Wer in Aus- und Fortbildung investiere, investiere damit auch in die freiheitliche Ordnung.
Nach 100 Jahren versteht sich die Bayerische Verwaltungsschule damit keineswegs als Institution, die vor allem ihre Vergangenheit pflegt. Ihr Auftrag für das zweite Jahrhundert ist hochaktuell: Menschen so zu qualifizieren, dass Kommunen und Staat auch unter veränderten Bedingungen leistungsfähig bleiben.
Oder, wie Witthauer den Anspruch der Jubilarin zum Abschluss auf vier Worte verdichtete: „Die BVS – wir bilden Bayern.“