VDV-Jahrestagung in Karlsruhe: Krisenfeste Mobilität gestalten
von Doris Kirchner

Rund 900 Fach- und Führungskräfte diskutierten im Rahmen der VDV-Jahrestagung in Karlsruhe über die drängenden Fragen öffentlicher Mobilität. Das Augenmerk lag dabei auf der Vorstellung der neuen Generation von Zweisystem-„TramTrains“, den Voraussetzungen für den autonomen Betrieb solcher Bahnen sowie auf der Krisenresilienz der Mobilität in Deutschland. Das Thema Sicherheit will der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen zu einem zentralen Aufgabenbereich der Branche in den kommenden Jahren machen.
Dabei geht es nicht nur um die Sicherheit von Beschäftigten und Fahrgästen im Alltag, sondern auch um die Versorgungssicherheit Deutschlands in Krisenzeiten, um den verlässlichen Transport von Menschen und Gütern auf der Schiene, um den Schutz kritischer Infrastrukturen und Anlagen, um IT- und Cybersicherheit sowie um resiliente Netze und krisenfeste Mobilitäts- und Logistikstrukturen.
Im Forum Verkehrspolitik setzte Sicherheitsexpertin Dr. Claudia Major in ihrer Keynote ein klares Zeichen: Busse, Bahnen und Schienengüterverkehr seien weit mehr als Alltagsmobilität, „sie sind zentraler Bestandteil der Sicherheitsarchitektur unseres Landes.“
Die Branche betreibt und nutzt Infrastrukturen, die für den Alltag, für wirtschaftliche Stabilität und im Krisenfall für Versorgung, Transport, Evakuierung, Logistik und staatliche Handlungsfähigkeit von zentraler Bedeutung sind. Da gerade die Eisenbahn eine besondere Rolle übernimmt, wenn es um robuste Transportkapazitäten für Güter und Personen sowie um verlässliche, auch unter Stress funktionsfähige Netze geht, wurde auf der Jahrestagung u.a. das neue Positionspapier „Krisenfeste Mobilität: Eisenbahn, Bus und Infrastruktur für Verteidigung, Zivil- und Katastrophenschutz“ veröffentlicht und im Fachforum Eisenbahnverkehr intensiv diskutiert.
Wie VDV-Präsident Ingo Wortmann betonte, „sichern Eisenbahn und ÖPNV nicht nur Mobilität, sondern im Ernstfall staatliche Handlungsfähigkeit, Versorgung und Schutz der Bevölkerung. Wer Sicherheit und Resilienz ernst nimmt, muss Bahnen, Busse und ihre Infrastrukturen deshalb als Teil der Sicherheitsarchitektur Deutschlands behandeln – mit klaren Zuständigkeiten, ausreichend Personal und verlässlicher Finanzierung.“
Besondere Bedeutung misst der Verband der Eisenbahn bei. Sie sei für den Transport großer Mengen an Gütern und Personen sowie für militärische Verlegungen über längere Strecken unverzichtbar. Voraussetzung dafür seien leistungsfähige Schienenkorridore, belastbare Brücken, moderne Leit- und Sicherungstechnik sowie ausreichende Kapazitäten bei Fahrzeugen und Personal.
Deutlich wird der Handlungsdruck auch bei der Elektrifizierung: Nach Angaben des VDV sind in Deutschland derzeit nur rund 60 Prozent des Netzes elektrifiziert. Das politische Ziel liegt bei mindestens 75 Prozent bis 2030. Besonders eklatant ist der Elektrifizierungsbedarf bei Grenzübergängen, die im Rahmen von europäischen Verlegungen von Personal und Material zu besonderen Nadelöhren werden. Bislang sind nur 28 von 57 Grenzübergängen elektrifiziert, wobei der größte Nachholbedarf an den Grenzen nach Polen und zur Tschechischen Republik besteht.
Neben dem Ausbau der Infrastruktur müsse auch deren Widerstandsfähigkeit berücksichtigt werden, fordert der VDV. Dazu zählten unter anderem redundante Energieversorgungssysteme, Ersatzkonzepte für beschädigte Anlagen sowie die Modernisierung veralteter Stellwerkstechnik. In Deutschland seien mehr als 3.500 Stellwerke in Betrieb, deren Technik teilweise aus unterschiedlichen Jahrzehnten stamme.
Auch der öffentliche Personennahverkehr spiele im Krisenfall eine wichtige Rolle. Neben seiner alltäglichen Aufgabe der Mobilitätsversorgung könne er Evakuierungen unterstützen, Sonderverkehre organisieren und Infrastruktur wie Betriebshöfe oder Werkstätten für logistische Aufgaben bereitstellen.
Darüber hinaus steht die Branche vor erheblichen Personalproblemen. Nach Angaben des VDV fehlen derzeit rund 20.000 Busfahrerinnen und Busfahrer sowie mindestens 3.000 Triebfahrzeugführerinnen und Triebfahrzeugführer.
Erfahrungen aus der Ukraine zeigen laut VDV, welche Bedeutung vorbereitete Strukturen haben können. Dort würden unter anderem U-Bahn-Stationen als Schutzräume genutzt und Busse für Evakuierungs- und Versorgungsfahrten eingesetzt. Daraus lasse sich ableiten, dass zivile Vorsorge bereits im Normalbetrieb durch belastbare Strukturen und ausreichende Kapazitäten vorbereitet werden müsse.
Der Verband fordert Bund und Länder deshalb auf, militärische Mobilität, Zivilschutz und Krisenresilienz im Verkehrsbereich stärker als staatliche Aufgabe zu behandeln und dauerhaft zu finanzieren. Das veröffentlichte Positionspapier enthält dazu Maßnahmenvorschläge wie etwa eine verlässliche Finanzierung, eine resilientere Infrastrukturplanung, technische Vorsorge und eine gezielte Personalentwicklung.
Mit Blick auf das Thema „Autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr“ legte der VDV mit einem neuen Positionspapier eine Strategie für autonome Stadt- und Straßenbahnen vor. Der zentrale Befund: Autonomes Fahren auf der Schiene ist besonders naheliegend, weil Straßen- und Stadtbahnen spurgeführt, liniengebunden und systemisch steuerbar sind. Fahrerlose Schienensysteme sind in geschlossenen Infrastrukturen bereits Realität oder konkret in Umsetzung, so in Paris, Nürnberg oder bei der U5 in Hamburg. Für offene städtische Systeme wie Straßen- und Stadtbahnen fehlen jedoch klare rechtliche Grundlagen.
Aus diesem Grund setzt sich der Verband für eine zügige BOStrab-Novelle, bundesweit harmonisierte Nachweis- und Bewertungslogiken sowie Förderregionen für autonome Stadt- und Straßenbahnen ein. Der Weg könne über vier Szenarien führen: Depot, unabhängiger Bahnkörper, besonderer Bahnkörper und straßenbündiger Mischverkehr.