Constanze von Hassel, Chefredakteurin Bayerische GemeindeZeitung: Wischen verboten? Denken erlaubt!
von Constanze von Hassel

Liebe Leserinnen und Leser,
manchmal frage ich mich ja, ob wir in Deutschland wirklich glauben, Probleme ließen sich per Schalter lösen. Aus. Fertig. Kein TikTok mehr, keine Risiken mehr, Kinder geschützt. So einfach wäre das dann.
Leider ist die Realität ein bisschen weniger bequem.
Die neue Bestandsaufnahme der Expertenkommission zum Kinder- und Jugendmedienschutz bringt es ziemlich unaufgeregt auf den Punkt: Wir haben kein grundsätzliches Regelungsdefizit. Was wir haben, sind strukturelle Lücken. Und die sind – Überraschung – ziemlich analog.
Denn während in Berlin über Social-Media-Verbote diskutiert wird, sitzen in unseren Kommunen längst die, die das Thema jeden Tag praktisch lösen müssen: Jugendsozialarbeiter, Streetworker, Schulsozialpädagogen, offene Jugendarbeit. Also genau die Menschen, die nicht den Stecker ziehen, sondern erklären, begleiten und im Zweifel auch mal auffangen.
Das Problem? Diese Angebote sind weder flächendeckend noch dauerhaft abgesichert. Medienpädagogik hängt zu oft vom Engagement Einzelner ab und vom nächsten Fördertopf. Heute Projektmittel, morgen Lücke. Verlässlichkeit sieht anders aus.
Und dann diese herrlich komplizierte Zuständigkeitslandschaft: Bund, Länder, Kommunen, freie Träger: alle irgendwie zuständig, aber keiner so richtig durchgehend verantwortlich. Wer schon einmal versucht hat, vor Ort ein dauerhaftes Angebot aufzubauen, weiß: Das größte Risiko ist nicht das Internet, sondern die Finanzierung.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Verbotsdebatte fast ein bisschen wie politisches Beruhigungstee-Trinken. Klingt gut, wärmt kurz, löst aber nichts Grundsätzliches. Denn selbst wenn man Plattformen einschränkt: Die Fragen bleiben. Wie lernen Kinder, sich
sicher zu bewegen? Wer hilft Eltern, die längst den Überblick verloren haben? Und wer finanziert das eigentlich dauerhaft?
Auch aus bayerischer Sicht kommt da wenig Überraschendes. Statt neuer Verbote wird auf technische Lösungen gesetzt: Altersverifikation, klare Identitäten, bessere Steuerung von Inhalten. Klingt vernünftig. Aber auch das ersetzt nicht das, was vor Ort passiert, oder eben nicht passiert.
Denn eines ist klar: Medienkompetenz lässt sich nicht verbieten. Prävention auch nicht. Und schon gar nicht delegieren.
Die eigentliche Baustelle liegt also nicht im App-Store, sondern im kommunalen Haushalt. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Debatte einmal umzudrehen. Nicht: „Was verbieten wir, sondern wozu befähigen wir?“ Und vor allem: „Wem geben wir endlich die Mittel dafür?“
Alles andere ist – mit Verlaub – nur Wischen im Nebel.
Mit den besten Grüßen