Carmen Pepiuk, stellv. Landesvorsitzende der KPV Bayern, Erste Bürgermeisterin der Gemeinde Trabitz: Europa vor der Haustür – was von der EU in der Kommune ankommt (und was nicht)

GZ Ausgabe GZ-3-2026 vom 29. Januar '26 | Kolumne
von Carmen Pepiuk
Portätfoto
Carmen Pepiuk, stellv. Landesvorsitzende der KPV Bayern, Erste Bürgermeisterin der Gemeinde Trabitz

Europa! Für viele klingt das nach Brüssel, nach endlosen Gipfeln, Verordnungen in Amtsdeutsch und Entscheidungen, die „weit weg“ getroffen werden. Auch ich habe, bevor ich Bürgermeisterin wurde, die Europäische Union eher als abstrakte Größe wahrgenommen – wichtig, ja, aber nicht unbedingt greifbar. Seit ich ehrenamtlich Verantwortung für meine Gemeinde trage, hat sich dieser Blick verändert. Und doch bleibt ein Spannungsfeld: Europa ist näher, als viele denken – und gleichzeitig weiter entfernt, als es gut wäre.

Beginnen wir mit dem Greifbaren. Europa kommt in unserer Kommune nicht mit Fahnen oder Hymnen an, sondern ganz bodenständig: als Zuschussbescheid, als Förderprogramm, als Vorgabe, die wir bei einem Bauprojekt berücksichtigen müssen. Wenn wir den Dorfplatz barrierefrei umbauen, die Straßenbeleuchtung auf LED umstellen oder ein Feuerwehrfahrzeug beschaffen, dann steckt oft auch europäisches Geld dahinter. Nicht immer sichtbar, nicht immer plakativ – aber wirksam.

Gerade für kleine Gemeinden sind EU-Förderprogramme eine echte Chance. Sie ermöglichen Investitionen, die aus eigener Kraft kaum zu stemmen wären. Gleichzeitig erfordern sie Zeit, Fachwissen und Verwaltungskapazitäten. Und hier beginnt die Ambivalenz: Was für große Städte mit eigenen Förderabteilungen machbar ist, bedeutet für eine kleine Kommune – und erst recht für eine ehrenamtliche Bürgermeisterin – oft zusätzlichen Aufwand am Abend oder am Wochenende. Europa hilft, aber es fordert auch.

Noch greifbarer wird Europa durch Regeln. Umweltstandards, Vergaberichtlinien, Datenschutz – vieles davon hat seinen Ursprung auf europäischer Ebene. Diese Regelungen verfolgen sinnvolle Ziele, etwa den Schutz von Natur oder Verbraucherinnen und Verbrauchern. In der kommunalen Praxis stoßen sie jedoch nicht selten an Grenzen. Wenn eine kleine Baumaßnahme plötzlich ein komplexes europaweites Vergabeverfahren auslöst oder wenn Dokumentationspflichten den eigentlichen Kern der Arbeit überlagern, dann entsteht Frust. Nicht über das Ziel, sondern über den Weg.

Was hingegen kaum bei uns ankommt, ist das Gefühl, Teil dieses europäischen Entscheidungsprozesses zu sein. Die EU wirkt oft wie ein Regelgeber, weniger wie ein Dialogpartner. Als ehrenamtliche Bürgermeisterin erlebe ich Politik sehr direkt: Die Bürgerinnen und Bürger sprechen mich an, auf dem Sportplatz oder auf Veranstaltungen. Rückmeldungen sind unmittelbar. Diese Nähe fehlt auf europäischer Ebene – und sie lässt sich auch nicht einfach herstellen.

Dabei wäre genau das wichtig. Denn Europa entscheidet nicht im luftleeren Raum. Viele Vorgaben entfalten ihre Wirkung erst ganz unten, in den Gemeinden. Hier zeigt sich, ob Regelungen praktikabel sind oder ob sie an der Realität vorbeigehen. Aus meiner Sicht müsste die kommunale Ebene – gerade die der kleinen, ländlichen Gemeinden – stärker gehört werden. Nicht als nachträgliches Korrektiv, sondern frühzeitig im Entstehungsprozess.

Ist Europa also abstrakt oder greifbar? Die ehrliche Antwort lautet: beides. Europa ist greifbar, wenn wir Projekte umsetzen, die ohne EU-Förderung nicht möglich wären. Es ist abstrakt, wenn Entscheidungen weit entfernt getroffen werden und ihre Begründung im Alltag schwer vermittelbar ist. Für viele Bürgerinnen und Bürger bleibt die EU eine Art unsichtbarer Mitbewohner: Sie ist da, sie wirkt – aber man weiß oft nicht genau, wie und warum.

Als ehrenamtliche Bürgermeisterin wünsche ich mir ein Europa, das seine kommunale Basis noch ernster nimmt. Das verständlicher kommuniziert, einfacher fördert und stärker zuhört. Denn wenn Europa vor der Haustür ankommen soll, dann muss es durch die Rathäuser gehen – auch durch die kleinen. Und idealerweise nicht nur in Form von Formularen, sondern als echte Partnerschaft.
Europa beginnt nicht in Brüssel. Es beginnt dort, wo Menschen zusammenleben, Verantwortung übernehmen und ihre Gemeinde gestalten. Genau dort, vor unserer Haustür.

Porträt Carmen Pepiuk

Carmen Pepiuk, stv. Landesvorsitzende der KPV Bayern, Erste Bürgermeisterin der Gemeinde Trabitz

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