Mathilde Berghofer-Weichner: Ein Vermächtnis für Bayern
von Constanze von Hassel

Übergabe bedeutender Krippensammlung an das Bayerische Nationalmuseum - Mit der Übergabe ausgewählter Krippen aus dem Nachlass von Dr. Mathilde Berghofer-Weichner an das Bayerisches Nationalmuseum findet ein außergewöhnliches Lebenswerk einen sichtbaren und würdigen Platz im kulturellen Gedächtnis Bayerns. Die feierliche Übergabe erfolgte im Alten Bibliothekssaal des Museums und markiert zugleich den Abschluss der jahrzehntelangen Sammel- und Bewahrungsarbeit einer der prägendsten politischen Persönlichkeiten des Freistaats.
Berghofer-Weichner (1931 – 2008) war ab 1974 Staatssekretärin im bayerischen Kultusministerium und damit die erste Frau in einem bayerischen Kabinett. Von 1986 bis 1993 schrieb sie erneut Geschichte: als erste Frau an der Spitze eines Ministeriums amtierte sie als bayerische Justizministerin. Über Parteigrenzen hinweg hochgeachtet, verstand Berghofer-Weichner Kultur stets als gesellschaftliche Verantwortung. Nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik widmete sie sich mit großer Leidenschaft der christlichen Volkskunst, insbesondere der Oster- und Krippenkunst. Über Jahrzehnte trug sie eine Sammlung zusammen, die in Umfang, Qualität und internationaler Herkunft einzigartig ist.
Aus insgesamt 192 übergebenen Krippen wurden gezielt Objekte ausgewählt, die den Bestand der Sammlung Weinhold im Alten Schloss Schleißheim sinnvoll ergänzen. Damit erfüllt sich ein Wunsch Berghofer-Weichners: Ihre Sammlung sollte nicht museal isoliert bleiben, sondern in bestehende kulturhistorische Kontexte eingebettet und der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich gemacht werden.
Die ausgewählten Krippen stammen aus allen Teilen der Welt, nicht nur aus Europa, sondern aus nahezu allen Kontinenten. Neben Arbeiten aus dem Mittelmeerraum und dem orthodox geprägten Christentum finden sich Stücke aus Afrika, Asien und Lateinamerika, ebenso aus so besonderen Regionen wie Alaska. Einen besonderen Höhepunkt bildet zudem eine große neapolitanische Krippe. Diese internationale Vielfalt spiegelt weit mehr als religiöse Traditionen wider: Sie erzählt von regionaler Handwerkskunst, gesellschaftlichen Lebenswelten und jahrhundertealten Bildsprachen. Gerade in dieser weltweiten Spannbreite sah Berghofer-Weichner den besonderen Wert der Volkskunst: als Ausdruck gelebter Kultur über kulturelle und geografische Grenzen hinweg.
Die Ostereiersammlung
Neben der weithin bekannten Krippensammlung nahm die Ostereiersammlung von Mathilde Berghofer-Weichner eine besondere Stellung in ihrem Lebenswerk ein. Über viele Jahrzehnte hinweg trug sie kunstvoll gestaltete Ostereier aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten zusammen. Die Sammlung umfasst bemalte, gefärbte, geritzte, gefräste und bestickte Eier aus verschiedensten Materialien und Traditionen – von bäuerlicher Volkskunst bis hin zu kunsthandwerklich anspruchsvollen Einzelstücken.
Bereits als Kind bemalte Mathilde Berghofer-Weichner selbst Ostereier. Die spätere Sammelleidenschaft speiste sich jedoch nicht aus bloßer Ästhetik, sondern aus einer tiefen symbolischen Deutung des Eis, die sie ihr Leben lang beschäftigte. In einem der Artikel wird ihre Faszination so zusammengefasst: „Das Ei ist hart und kalt und geschlossen, und dann kommt das Leben heraus, wenn ein Huhn oder gar ein Strauß schlüpft.“ Gerade dieser Gegensatz aus äußerer Starre und innerem Leben machte für sie den besonderen Reiz des Eis aus. In der christlichen Symbolik verstand sie das Osterei als Sinnbild von Tod und Auferstehung, von Verwandlung und Hoffnung. Das zunächst verschlossene Ei stehe für das Grab, aus dem neues Leben hervorgeht – eine Bildsprache, die für sie in kaum einem anderen Objekt so eindrücklich verdichtet sei. Ihre Ostereiersammlung war deshalb nicht als dekoratives Beiwerk gedacht, sondern als eigenständiger kulturgeschichtlicher Bestand. Sie dokumentiert religiöse Vorstellungen, regionale Bräuche und handwerkliche Techniken aus vielen Teilen der Welt und spiegelt zugleich Berghofer-Weichners Überzeugung wider, dass christliche Volkskunst ein wichtiger Bestandteil kultureller Identität ist. Heute befindet sich die vollständige Ostereiersammlung gemeinsam mit ausgewählten weiteren Exponaten im Haus der Kultur und der Krippen der Sankt-Lukas-Stiftung in Bad Wörishofen, ein bislang wenig bekannter, aber kulturhistorisch hochrangiger Schatz.
Darüber hinaus wurden hunderte Krippen der Abtei der Prämonstratenser in Windberg (Landkreis Straubing-Bogen) übereignet. In der ehemaligen barocken Propstei, die von den Patres zurückerworben wurde, sollen künftig Wechselausstellungen und kulturelle Veranstaltungen stattfinden.
Mit der Übergabe an das Bayerische Nationalmuseum wird deutlich, wie eng politisches Wirken, kulturelles Engagement und bürgerschaftliche Verantwortung bei Mathilde Berghofer-Weichner verbunden waren. Ihr Vermächtnis reicht weit über ihre politische Laufbahn hinaus – und bleibt ein starkes Vorbild, nicht zuletzt für Frauen in Politik, Verwaltung und Gesellschaft.