„Tut mir leid, ich kann nicht kommen!“: Hohe Krankenstände machen Kommunalverwaltungen seit der Corona-Krise zu schaffen

GZ Ausgabe GZ-15/16-2025 vom 31. Juli '25 | Aus den Kommunen
von Pat Christ
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Immer wieder fallen Mitarbeiter in Behörden aus. Nun sind Krankschreibungen an sich natürlich nichts Besonderes. Was jedoch auffällt: Seit der Corona-Krise nahm der Krankenstand deutlich zu. Bei den erwerbstätigen AOK-Versicherten lag er 2024 in Bayern bei 5,9 Prozent. 2019 betrug der Krankenstand laut „Fehlzeiten-Report” des Wissenschaftlichen Instituts der AOK nur 4,8 Prozent. In Rathäusern und Landratsämtern sorgen die gestiegenen Fehlzeiten für teils beträchtliche Turbulenzen.

Krankschreibungen sind immer so eine Sache. Manche Beschäftigten wagen nicht, sich krank zu melden, um ihren Chef nicht zu erzürnen. Ihren Job wollen sie unbedingt behalten. Arbeitgeber wiederum unterstellen einem Teil ihrer Mitarbeiter, dass sie sich allzu rasch krankmelden. Indirekt geht dies auch aus einer Pressemitteilung der Industrie- und Handelskammer Würzburg-Schweinfurt hervor. „Die Zahl der krankheitsbedingten Fehlzeiten in den mainfränkischen Unternehmen hat in den vergangenen drei Jahren deutlich zugenommen”, heißt es darin. Die Unternehmen fordern die Einführung eines Karenztags oder die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.

Einst standen vor allem Beamte in dem Ruf, sich am Arbeitsplatz nicht gerade ein Bein auszureißen. Doch dieses Vorurteil stimmt, sollte es jemals der Realität entsprochen haben, längst nicht mehr. Mitarbeiter in Behörden rackern dieser Tage enorm. Nicht zuletzt deshalb, so Werner Kurzlechner, Pressesprecher der Kreisstadt Mühldorf am Inn, um längerfristige krankheitsbedingte Ausfälle von Kollegen zu kompensieren. 

In Mühldorf sei man so flexibel aufgestellt, dass die Bürger die Fehlzeiten kaum spüren. Durch verschiedene Maßnahmen wurde auf die Problematik reagiert: „Zum einen neuerdings durch den Einsatz ehemaliger Mitarbeiter in Ruhestand oder Rente im Rahmen geringfügiger Beschäftigungen, was temporär Abhilfe schaffen kann.“ Außerdem wurde zu Jahresbeginn in einem zweijährigen Modellversuch ein betriebliches Gesundheitsmanagement eingeführt. „Das fördert gesundheitliche Sportaktivitäten in Vereinen, Fitnessstudios und im privaten Bereich“, erläutert Kurzlechner. Aktive Mitarbeiter erhalten einen finanziellen Bonus als Anreiz.

Psychologische Sprechstunde

Präventionsangebote haben auch für Münchens Landrat Christoph Göbel mit Blick auf hohe Fehlzeiten oberste Priorität. „Im Rahmen unseres Betrieblichen Gesundheitsmanagements bieten wir eine Vielzahl von Maßnahmen an“, erklärt er. So gibt es im Münchner Landratsamt eine psychologische Sprechstunde. Die Beschäftigten können an Bewegungsprogrammen sowie an Schulungen zu Stressbewältigung oder gesunder Führung teilnehmen. „Unser Ziel ist es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das Belastungen früh erkennt und flexibel darauf reagiert“, so der Landrat.

Viel Krisenhaftes geschah in den vergangenen Jahren. Und das, vermutet man im Münchner Landratsamt, spielt ins Krankheitsgeschehen hinein. „Wie in vielen öffentlichen Verwaltungen ist auch bei uns ein Anstieg des Krankenstands festzustellen“, berichtet Pressesprecherin Christina Sommer. Vor der Corona-Krise sei das Niveau spürbar niedriger gewesen: „Seit 2022 ist ein moderater, aber kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen.“ Dabei falle auf, dass Krankheitsverläufe zum Teil länger andauerten als früher. 

Eine eindeutige Zuordnung zu einzelnen Ursachen sei nicht möglich. Laut Sommer spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: „Darunter Nachwirkungen der Pandemie, psychische Belastungen und chronische Erkrankungen.“ Im Haus seien beispielsweise einzelne Fällen von Long-Covid bekannt. „Insgesamt zeigt sich, dass sich die gesundheitlichen Belastungen zunehmend komplex darstellen und auch längerfristige Ausfallzeiten verursachen können“, erklärt die Pressesprecherin.

Angepasste Öffnungszeiten

Hohe Krankenstände bescheren auch dem Team des Landratsamts Dachau Probleme. „Jeder krankheitsbedingte Ausfall bedeutet eine Mehrbelastung für die Kolleginnen und Kollegen”, so Landrat Stefan Löwl. Bei längerfristigen Ausfällen versucht man in Dachau, durch eine temporäre Anpassung von Öffnungszeiten oder eine befristete Erhöhung der Stundenansätze von Teilzeitkräften Entlastung zu schaffen. 

Das Dachauer Landratsamt hat einen kontinuierlichen Krankenstandsdurchschnitt von rund 20 Arbeitstagen pro Mitarbeiter. In dieser Zahl sind laut Pressestelle jedoch auch zahlreiche Langzeitkranke erfasst. Auch in Dachau stellt man fest, dass es viel mehr Langzeiterkrankte gibt als vor der Corona-Krise.

Eine Mischung ganz unterschiedlicher Probleme führt im Rathaus von Geretsried dazu, dass relativ viele Beschäftigte länger krank sind. „Gründe für Langzeiterkrankungen sind in der Regel und soweit uns bekannt operative Eingriffe, Belastungsstörungen und vereinzelt Atemwegsprobleme“, sagt Pressesprecher Thomas Loibl. Im vergangenen Jahr waren die 154 Mitarbeiter insgesamt 2.976 Tage lang krank. Das waren runtergebrochen 19,3 Tage für jeden einzelnen. 2023 fielen sogar 3.186 Krankheitstage an. Die damals 147 Mitarbeiter waren im Schnitt an 21,7 Tagen im Jahr krank.

Spürbare Mehrbelastung

„Ein erhöhter Krankenstand ist für jede Kommunalverwaltung eine Herausforderung“, so Geretsrieds Bürgermeister Michael Müller. Gesetzliche Pflichtaufgaben müssten zuverlässig erfüllt werden, selbst wenn mehrere Mitarbeiter gleichzeitig ausfallen. Das bedeute für das verbleibende Team oft eine spürbare Mehrbelastung. Was die Gefahr mit sich bringt, dass auch diese Beschäftigten krank werden und mitteilen müssen: „Tut mir leid, ich kann heute nicht kommen!“

Nirgends wird unterstellt, dass die telefonische Krankschreibung dazu verführt, sich leichtfertiger krankschreiben zu lassen. Gerade Langzeiterkrankte werden in Bayerns Verwaltung im Gegenteil sehr ernst genommen. „Unser Ziel ist es, Langzeiterkrankten realistische und faire Perspektiven für die Rückkehr in den Arbeitsalltag zu bieten, bei gleichzeitiger Entlastung der Kolleginnen und Kollegen“, erläutert Kerstin Spiegelt, Pressesprecherin von Sonthofen. Um vor Überlastung durch den Langzeitausfall von Kollegen zu schützen, würden Vertretungsstellen mittlerweile viel zeitnaher ausgeschrieben.

Führungskräfte im Rathaus können an Fortbildungen und Führungsdialogen teilnehmen, wird in Sonthofen doch „Gesunde Führung“ als Schlüssel für eine gesündere Belegschaft angesehen. Für Beschäftigte gibt es unter anderem ein digitales Unterstützungsprogramm zur mentalen Gesundheit sowie transparente Verfahren für Überlastungsanzeigen. Schon 2017 wurde ein Steuerkreis „Betriebliches Gesundheitsmanagement” etabliert.

Stress besser managen

Auch in Lindau wird bereits viel zur Steigerung und Erhaltung der Gesundheit getan. „In den kommenden Wochen startet bei uns ein neues Programm, das zunächst für zwölf Monate angelegt ist“, berichtet Pressesprecherin Bettina Wind. Über eine Plattform können Beschäftigte an Seminaren und Workshops zu Ernährung, Stressmanagement, Arbeitsbelastung und Führung teilnehmen. 

Der Krankenstand war in den vergangenen Jahren auch in Lindau deutlich höher als vor der Corona-Krise. 2019 lag die Krankheitsquote bei 5,08 Prozent. 2022 schnellte sie auf 6,49 Prozent hoch. Im vergangenen Jahr lag sie bei 6,14 Prozent. „Auch bei uns ist der Anteil an Langzeiterkrankungen mit mehr als 42 Krankheitstagen seit der Pandemie angestiegen“, so Wind. 

In Vaterstetten entwickelten sich die Zahlen ähnlich wie in Lindau. „Im Durchschnitt lag der Krankenstand vor der Corona-Krise bei rund 5,5 bis 5,8 Prozent“, informiert Bürgermeister Leonhard Spitzauer. 2023 sprang er auf 6,28 und 2024 auf 6,93 Prozent hoch. Spitzauer hat den Eindruck, dass gerade Erkältungswellen heftiger ausfallen als früher: „Auch lassen sich Arbeitnehmer bei Viruserkrankungen häufiger und schneller krankschreiben als vor Corona.“

Betriebliche Krankenversicherung

Zu konkreten Krankenständen kann Florian Rubel, Leiter der Personalverwaltung in Aichach, keine Angaben machen. Nach seinen Informationen wird auch in Aichach viel dafür getan, dass sich die Beschäftigten am Arbeitsplatz wohl fühlen und gesund bleiben. Ab 2026 will die Stadt sogar eine betriebliche Krankenversicherung anbieten.

Hohe Krankenstände betreffen nahezu alle Berufe. In der Pflege stellen sie branchenweit ein besonders großes Problem dar. Pro Kopf und Jahr werden hier bis zu 35 Krankheitstage registriert, heißt es in der Januar-Ausgabe 2025 des bpa-Magazins des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste.

Aber auch das Handwerk ist betroffen. Davon berichtete im Februar die Krankenkasse IKK. „Der Krankenstand im deutschen Handwerk lag im Jahr 2024 mit 7 Prozent leicht über dem Krankenstand des Vorjahres“, hieß es in einer Pressemitteilung. Im dritten Jahr in Folge habe er „deutlich über dem Stand der Jahre davor“ gelegen. Die Angaben resultieren aus einer Fehlzeitenanalyse des Krankenversicherers von rund 400.000 im Handwerk beschäftigten Versicherten mit Anspruch auf Krankengeld.

Fehlende Handlungsspielräume

Hohe Krankenstände liegen zumindest zum Teil auch an betrieblichen Strukturen, sagt Svenja Schütt von der Professur für Sozial- und Organisationspsychologie der Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. Als krankmachende Faktoren listet sie unrealistische Zielvorgaben, fehlende Handlungsspielräume und mangelnde Anerkennung auf. Hoher Druck, Überstunden und emotionale Belastung am Arbeitsplatz bei gleichzeitig wenig sozialer Unterstützung und geringen Entscheidungsspielräumen führten zu Stress: „Was mit erhöhten Krankenständen korreliert.“ Eine schlechte Führungskultur könne psychische Belastungen verstärken.

Hinzukommt auch für sie, dass ganz viele Lebensbereiche seit fünf Jahren mit Krisenhaftem durchwirkt sind. Diese Krisen wirkten als „Hintergrundbelastung“. Hier komme ein „Work-Life-Conflict“ zum Tragen, so die Wissenschaftlerin: „Die Arbeit und das restliche Leben stehen ja nicht losgelöst voneinander, sondern beeinflussen oder beeinträchtig sich wechselseitig.“ Solche psychosozialen Stressoren könnten die individuelle Resilienz schwächen, was oft dazu führt, dass Betroffene schneller an ihre Belastungsgrenze geraten: „Selbst bei normalen Arbeitsanforderungen.“

Führungskräfte können laut Schütt viel tun, um die Gesundheit von Mitarbeitern zu fördern. Leicht ist das allerdings nicht unbedingt – vor allem dann nicht, wenn es keine deklarierte gesundheitsorientierte Unternehmenskultur gibt. Besonders wichtig sei in der heutigen Zeit „psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz“. Mitarbeiter sollten zum Beispiel das Gefühl haben, Fehler machen und authentisch sein zu dürfen. „Führungskräfte sollten deshalb einen vertrauensvollen und transparenten Führungsstil pflegen und die Ressourcen, wie etwa den Handlungsspielraum von Mitarbeitenden, so weit wie möglich erweitern“, so Schütt.

Die Psychische Gefährdungsbeurteilung ist seit 2013 ein Grundbestandteil des Arbeitsschutzes. Hier besteht laut Schütt jedoch weiterhin „erheblicher Handlungsbedarf in der Praxis“: „Viele Organisationen setzen sie entweder gar nicht oder nur formalisiert um.“ Dabei bietet die Psychische Gefährdungsbeurteilung eine wertvolle Grundlage, um psychische Belastungen systematisch zu erkennen und wirksam zu reduzieren. 

Nun kann jemand von seinem Naturell her resilient, sportlich aktiv und Antialkoholiker sein - und dennoch ernsthaft erkranken. Eine eindeutige Erklärung dafür, warum die Krankenstände seit 2022 kontinuierlich hoch sind, findet man nicht. Zum Teil wird vermutet, dass das an dem bis dato unbekannten Leiden Long-Covid liegt. Jeder Zehnte soll nach einer Corona-Infektion an Long-Covid leiden. Aber auch Erkrankungen nach einer Corona-Impfung könnten einen Teil der hohen Krankenstände erklären. Davon berichteten die Ärzte Stephan Guevara Kamm und Timo Limbach im September 2024 im Bayerischen Ärzteblatt.

Die beiden verwiesen in ihrem Beitrag darauf, dass per 1. Mai 2024 in der Nebenwirkungsdatenbank der European Medicines Agency (EMA) europaweit über 424.000 Fälle von Fatigue nach Impfung verzeichnet gewesen seien. Bei mehr als zwei Dritteln sei keine vollständige Erholung dokumentiert. Daneben fanden sich fast 340.000 Fälle von Muskelschmerzen. Alleine in der Marburger Post-Vac-Ambulanz hätten 2023 über 7.000 Post-Vac-Patienten auf der Warteliste gestanden.

Pat Christ

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