Warum wir den Frohsinn gerade jetzt brauchen
von Pino – The First-Cat

Die aktuelle Ausgabe der GemeindeZeitung erscheint am mancherorts „unsinnig“ oder „schmutzig“ genannten Donnerstag, dem zur politischen Korrektheit nicht verpflichtete Generationen auch schon mal das Etikett „(Alt)Weiberfasching“ verpasst haben. Was liegt also näher, als sich mit dem Phänomen Fasching, Fasnacht, Karneval zu beschäftigen?
Schließlich sind es in diesem Jahr nur 17 Tage zwischen dem Dry January als der säkularen und der Fastenzeit als der religiös fundieren Spanne des Verzichts auf Alkohol, Süßem und Fleischigem. Umso intensiver kann und sollte man die „tollen Tage“ genießen und aus dem altertümlichen „toll“ im Sinne von verrückt, auch ein toll im heutigen Sinne, also super oder spitze machen.
Die Regionalblätter sind ja jetzt voll von Berichten über Faschingsbälle, Auftritte der Prinzengarden in Altenheimen oder in und um München nebst angrenzenden Regionen mit Nachrichten vom Schäfflertanz, der dieses Jahr wieder mal für Aufsehen sorgt. Alle sieben Jahre tanzen die Fassmacher nach altem Brauch nur und bestätigen damit etwas, was gerade Politiker sich merken sollten: Willst Du was gelten, mach Dich selten!
Ansonsten gibt es aber auch eine Menge weiterer Betrachtungen zum Thema Karneval. Ein großes Wirtschaftsmagazin hat untersucht, was man von Karnevalspräsidenten für die eigene Managementkultur lernen kann. Nachdem nicht nur Männer an das Römische Reich denken (obwohl der gleichnamige Social-Media-Trend abgenommen hat), werden wie jedes Jahr die Parallelen zwischen Fastnacht und den altrömischen Saturnalien beschworen, insbesondere im Hinblick auf das Schlemmen und die Umkehrung der Verhältnisse der sozialen Ordnung. Ein Feuilleton hat seinen Lesern besonders schwere Kost vorgesetzt, indem Betrachtungen zu Stellung und Funktion des Karnevals aus der Feder des Literaturtheoretikers Michail Michailowitsch Bachtin ausführlich zitiert und in einen zeitkritischen Zusammenhang gesetzt wurden. Uff.
Ich will Sie hier nicht mit diesem Theoriegebilde quälen, vor allem, weil ich selbst nicht sicher bin, alles verstanden zu haben. Allerdings fand ich es höchst faszinierend, dass sich ein sowjetischer Gelehrter derart tiefschürfende Gedanken über die Fasnacht gemacht hat, welcher sich doch in einigem von der russischen Tradition der Masleniza (Butterwoche) unterscheidet, mit der dortzulande die Fastenzeit eingeläutet wird.
Aktuell scheinen die Begriffe Russland und Karneval ja eher surreal miteinander verbunden, nachdem der „Herr aller Reußen“ einen verdienstvollen Karnevalisten, den Düsseldorfer Jacques Tilly, durch seine Gerichte verfolgen lässt. Als fantasievoller Baumeister für Wagen zum Düsseldorfer Rosenmontagszug hat Tilly ein paar Mal Putin so richtig böse auf die Schippe genommen, wobei im Angesicht der Untaten des Herrn im Kreml kein Schandspiegel groß genug erscheint.
Da die Rechtstaatlichkeit in der Russischen Föderation derzeit so ausgestaltet ist, dass Herr Tilly wohl mit seiner Verurteilung rechnen kann, wird er sich in den kommenden Jahren Reisen nach Russland, Belarus (schade, ein schönes Land mit herzlichen Menschen) und Nord-Korea verkneifen müssen. Das ist wohl der Preis, den man zahlen muss, wenn man satirisch die Wahrheit ausdrückt.
Und so komme ich unvermeidlich zur großen Frage, die allenthalben gestellt wird: Wenn die ganze Welt ein Narrenhaus ist und die Weltordnung um uns herum im Wortsinne „ver-rückt“ wurde, wieso stürzen wir uns noch in das Abenteuer Fasching? Meine Antwort mag banal klingen: Weil in solchen Zeiten der Karneval ein Stück vertrauter Normalität ist. Solange wir es super finden, dass unser Ministerpräsident sich als Highlander William Wallace „Braveheart“ verkleidet, wir uns für die Faschingsfeier aufbrezln und gut gelaunt dem Gaudiwurm in unserer Stadt zusehen, besteht noch Hoffnung, dass wenigstens wir den Verstand behalten.
Oder um es mit dem französischen Literaten François De la Rochefoucauld zu sagen: „Wer ohne jede Narrheit lebt, ist weniger weise als er glaubt.“