Zapfsäule der Wahrheit
von Pino – The First-Cat

Neulich an der Tankstelle … . Keine Angst, hier wird kein klassisches Roadmovie gedreht und es soll auch kein Horrorroman geschrieben werden. Das sind nur die einleitenden Worte für Smalltalk, die in letzter Zeit die sonstigen Klassiker über verspätete Züge und das milde Frühlingswetter auf die Plätze verdrängt haben.
Wenn das Fernsehen einen Aufreger sucht (und Gott bewahre, eigentlich würde man glauben, die Weltlage böte mehr Aufregung als uns allen guttut) oder die Zeitung eine Viertelseite füllen muss, dann bieten sich derzeit Umfragen an Tankstellen zu den steigenden Spritpreisen an.
Tatsächlich schlagen sich derzeit die steigenden Kosten für Rohöl in Folge des Irankriegs schon an der Zapfsäule nieder, bevor das schwarze Gold zu erhöhten Preisen gekauft werden muss. Aber das ist halt das Geschäft des Kaufmanns: So schnell wie möglich Geld in die Kasse zu bekommen, um später steigende Kosten abfangen zu können.
Dieser simple ökonomische Zusammenhang wird allerdings oft nicht akzeptiert, ebenso wenig wie anerkannt wird, dass die Tankstellenpächter jetzt keinen Tripp ins Goldland gebucht haben, sondern nicht wenige dabei sind, eine Kabine auf der Titanic der Wirtschaftlichkeit zu beziehen, weil sie seit Jahren so gut wie nichts am Benzinverkauf verdienen, sondern eigentlich ausschließlich am Randsortiment ihrer Mini-Supermärkte. Und genau dort liegen jetzt die geschäftlichen Einbrüche. Weil Diesel und Benzin braucht man auch bei Preisen weit jenseits der 2-Euro-Marke, aber der Schokoriegel, der Energydrink oder das Croissant sind für viele gefühlt nicht mehr drin.
Das ist übrigens psychologisch sehr interessant. Objektiv schlägt sich der Besuch der Tankstelle für den durchschnittlichen Autofahrer in seinem Portemonnaie mit Mehrkosten von sechs Euro pro Woche nieder. Das ist eben jener Coffee-to-go und der Schokoriegel, der dem Pächter so schmerzlich die Bilanz verdirbt.
Gefühlt, also beim Smalltalk oder der Unterhaltung beim Bürokaffee, sehen sich viele Autofahrer hingegen selbst am Rande der Pleite. Der Benzinpreis ist also offensichtlich trotz sich langsam etablierender Elektromobilität das, was in früheren Zeiten der Brot- oder in Bayern der Bierpreis war: Indikator für Wohlergehen oder Krise.
Und Krise haben wir. Wir haben eine Krise der Rationalität. Für einen Militärschlag gegen das iranische Atom- und Raketenprogramm mag es mehr als triftige Gründe gegeben haben. Schließlich zeigt der Kriegsverlauf, wie viele und wie weitreichende Waffensysteme Iran gehortet hat. Enthauptungsschläge gegen die Machthaber hätten sich vielleicht eher rechtfertigen lassen, als das Regime zehntausende Protestierende niedergemetzelt hat. Damals hat die Welt die Augen verschlossen. Aber Öl- und Gasfelder, Energieanlagen, Raffinerien, Tanklager und Gasverflüssigungsanlagen zu militärischen Zielen zu machen, ist einfach ein Wahnsinn.
Gut, nicht jeder glaubt an den Klimawandel, aber es ist schon bittere Ironie, wenn in der Rathauskantine jeden Tag ein veganes Gericht als Mittel gegen die ausufernde Haltung furzende Kühe angeboten wird und im Nahen Osten Megatonnen CO2 einfach so ohne jeden Zweck in die Luft geblasen werden. Das iranische Regime hat wohl sowas wie einen Nero-Plan und will möglichst viele Nachbarn möglichst tief in den eigenen Untergang hineinziehen. Aber es müsste doch jetzt dringend nach einem Ausweg aus der Situation gesucht werden, der in einer ganzen Region für viele Jahre unbezifferbare wirtschaftliche und ökologische Schäden hinterlässt, die Weltwirtschaft ins Straucheln bringt und die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen gefährdet, weil Dünger nicht transportiert oder produziert werden kann.
Lassen Sie es mich mit einem Satz von Stefan Zweig sagen: „Einer muss den Frieden beginnen wie den Krieg.