Kommunales GIS-Forum in Ulm: Geoinformation als Schlüssel zur digitalen Kommunalverwaltung
von Doris Kirchner

Das Kommunale GIS-Forum, veranstaltet vom Runden Tisch GIS e.V., gilt seit vielen Jahren als einer der zentralen Treffpunkte für Experten und Anwender aus Städten und Gemeinden, Landkreisen und Landesbehörden, aus der Geoinformationswirtschaft sowie aus Universitäten und Hochschulen. Auch bei der jüngsten Veranstaltung im Stadthaus Ulm wurden praxisnahe Anwendungsbeispiele mit strategischen Fragestellungen und technischer Tiefe verbunden. Zugleich wurde deutlich, wie dynamisch sich geodatenbasierte Technologien weiterentwickeln und welche Potenziale sie für die kommunale Praxis eröffnen. Thematisch standen unter anderem digitale Zwillinge, Fernerkundung und Mobilitätsanwendungen im Vordergrund und damit die Frage, wie Geoinformation zunehmend die kommunale Wirklichkeit prägt.
Bereits in der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Runden Tisch GIS e.V., Prof. Dr. Thomas H. Kolbe von der TU München, wurde deutlich, dass sich die Rolle von Geodaten grundlegend wandelt. Sie dienen nicht mehr nur als Grundlage einzelner Fachverfahren, sondern entwickeln sich zunehmend zu einer integrierten Entscheidungsarchitektur innerhalb der kommunalen Verwaltung.
Prägende Trendfelder
Den Auftakt des Forums bildete traditionell der sogenannte Snapshot, vorgestellt von Dieter Ziesel, Präsident des Landesamts für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg. Er skizzierte drei prägende Trendfelder: die immer stärker photorealistische dreidimensionale Abbildung der realen Welt und deren intuitive Darstellung in Webviewern, die mobile Nutzung von Geodaten in Anwendungen mit intelligenten Funktionen auf Basis automatisiert erzeugter Karten sowie die KI-gestützte Datenanalyse mit ihrem breiten Anwendungspotenzial für die öffentliche Verwaltung. Nach Einschätzung von Ziesel entwickeln sich Geoinformationen damit vom spezialisierten Werkzeug hin zu einem alltäglichen Arbeitsmittel, das in nahezu allen Verwaltungsbereichen eingesetzt wird.
Digitale Zwillinge für Planungs- und Bauprozesse
Im ersten Themenblock, der sich mit digitalen Zwillingen für Planungs- und Bauprozesse befasste, zeigte Christian Baier vom Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg anhand eines Projekts zum Aufbau eines digitalen Zwillings für Baden-Württemberg, wie KI-gestützte Analysen eingesetzt werden können. Auf Grundlage von Luftbilddaten lassen sich versiegelte Flächen sowie Entsiegelungspotenziale landesweit identifizieren. Die Ergebnisse dieser Ver- und Entsiegelungsanalysen aus dem Projekt geoZwilling@bw können damit direkt in kommunale Entscheidungsprozesse einfließen.
Wie sich Wohnbauflächenpotenziale mithilfe standardisierter Geodaten aus ATKIS, ALKIS und XPlanung automatisiert analysieren lassen, demonstrierte Dagmar Möllers von der Stadt Nürnberg. Ergänzt wird dieser Ansatz durch ein Auskunftssystem mit Chatbot-Funktion. Das Beispiel verdeutlichte, wie KI-gestützte Informationsservices dazu beitragen können, Verwaltungsprozesse effizienter zu gestalten und zugleich transparenter zu machen.
Sven Poppe von der Stadt Neu-Ulm stellte die Strategie der Kommune vor, das Verfahren zur Aufstellung von Bauleitplänen umfassend zu digitalisieren. Die Bauleitpläne werden auf Grundlage des bundesweiten XPlanung-Standards vollständig vektoriell erstellt und über das bayerische DiPlan-Portal für Öffentlichkeitsbeteiligung und Auskunftszwecke bereitgestellt. Dafür wurden innerhalb der Stadtverwaltung neue Prozesse eingeführt und angepasst, so dass die zusätzlichen Mehrwerte schrittweise sichtbar werden.
Einsatz von Fernerkundungsdaten
Themenblock Nr. 2 widmete sich den Chancen, die sich für Länder und Kommunen aus dem Einsatz von Fernerkundungsdaten ergeben. Peter Zipperer von der GAF AG erläuterte, wie das Unternehmen mithilfe eines weltweiten Partnernetzwerks als Reseller für verschiedene Satellitendatenanbieter agiert. Zunächst gab er einen Überblick über verfügbare Datenprovider, unterschiedliche Satellitensysteme und aktuelle Entwicklungen in diesem Bereich, um dann konkrete Anwendungsbeispiele zu präsentieren, die den Einsatz von Satellitendaten insbesondere im kommunalen Kontext veranschaulichten.
Einen technischen Schwerpunkt setzte der gemeinsame Vortrag von Florian Messner von der Landeshauptstadt München und Benedikt Schwab von der TU München. Die TUM arbeitet seit mehreren Jahren im Bereich der Punktwolkenverarbeitung, insbesondere im Zusammenhang mit digitalen Zwillingen, eng mit der Stadt München zusammen. Die stetig wachsenden Datenmengen und die zunehmende Zahl punktwolkenerzeugender Systeme stellen dabei neue Herausforderungen dar. Einerseits wird der Umgang mit diesen Daten komplexer, andererseits eröffnen sich immer mehr Möglichkeiten, sie in der Stadtverwaltung effektiv und innovativ zu nutzen. Aktuelle Entwicklungen sowie deren praktischer Einsatz in der Landeshauptstadt München standen daher im Mittelpunkt dieses Beitrags.
Schwerpunkt Mobilität
Der abschließende Themenblock befasste sich mit der Nutzung von Geoinformationen für Mobilitätsanwendungen. Gerrit Bernstein von der Stadt Ulm stellte eine App- und GIS-basierte Lösung vor, mit der Parkplätze, Ampeln und Baustellen für Menschen mit Behinderungen besser auffindbar gemacht werden sollen. Ziel ist es, die Sicherheit und Nutzbarkeit des öffentlichen Raums zu erhöhen, der für Menschen mit Behinderungen häufig zahlreiche Herausforderungen bereithält. Fragen nach der Verfügbarkeit behindertengerechter Parkplätze, der Sicherheit der Wege vom Parkplatz zum Ziel oder nach temporären Hindernissen wie Baustellen, abgestellten E-Scootern oder deaktivierten akustischen Ampelsignalen spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Stadt Ulm arbeitet daran, diese Aspekte mithilfe digitaler Anwendungen systematisch zu erfassen und zu verbessern und zeigte damit ein praxisnahes Beispiel für digitale Inklusion.
Ein KI-gestütztes Verfahren, mit dem Verkehrsinfrastrukturen automatisiert aus Fernerkundungsdaten abgeleitet werden können, präsentierte Dr. Franz Kurz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Dabei werden Verkehrsflächen automatisch als zusammenhängendes Netzwerk modelliert, das die Interaktionen verschiedener Verkehrsmodi abbildet. Für das Training dieser KI-Verfahren sind annotierte Luftbilddaten erforderlich, die unterschiedliche Verkehrsszenarien von einfachen bis hin zu komplexen Situationen repräsentieren. Durch eine präzise Klassifizierung können auch Mehrfachnutzungen von Flächen erfasst werden.
Anwendungsgebiete
Zu den Anwendungsgebieten zählen unter anderem die flächendeckende Erfassung von Parkflächen und deren Kapazitäten, die Inventarisierung von Rad- und Fußwegen sowie die Ableitung von Straßenbreiten. Die Darstellung der Trainingsdaten machte zugleich deutlich, welche Herausforderungen bei der automatisierten Klassifizierung bestehen, etwa bei der Abgrenzung von Zufahrten oder von Parkflächen, die nicht öffentlich zugänglich sind. Trotz bestehender Fehlerquellen zeigte sich, dass die Vorteile dieser Methoden vor allem in der hohen Aktualität der Daten und im vergleichsweise geringen Aufwand durch Automatisierung liegen, zumal die Verfahren kontinuierlich weiterentwickelt werden.
Zum Abschluss unterstrich Professor Kolbe die zentrale Bedeutung der Geoinformation für die Modernisierung der Verwaltung. Digitale Zwillinge würden zunehmend zu einem selbstverständlichen Werkzeug, Fernerkundungsdaten veränderten die operative Verwaltungsarbeit, Anwendungen in den Bereichen Mobilität, Barrierefreiheit und Planung profitierten unmittelbar und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz beschleunige Verfahren und schaffe neue Informationsqualitäten.