WASSERKRAFT UND FLUSSÖKOLOGIE Wasser als Lebensader – Wie Wasserkraft Flusslandschaften stabilisieren kann
von Michael von Hassel

Ralf Klocke (LEW) über Zusatznutzen der Wasserkraft am Beispiel des Lechs Der Klimawandel stellt Flusslandschaften und Wasserhaushalt vor neue Herausforderungen. Während über Wasserkraft meist im Zusammenhang mit Energieerzeugung diskutiert wird, lenkte Ralf Klocke von der LEW AG (Lechwerke) beim Kongress „Bayerns beste kommunale Umweltbeispiele“ den Blick auf einen oft unterschätzten Aspekt: den ökologischen und wasserwirtschaftlichen Zusatznutzen von Wasserkraftanlagen.
Klocke, seit fast 30 Jahren bei den Lechwerken tätig und verantwortlich für Stauanlagen, schilderte am Beispiel des unteren Lechs – zwischen Augsburg und der Mündung in die Donau –, wie stark menschliche Eingriffe Flüsse bereits seit dem 19. Jahrhundert verändert haben. Die Begradigung der Flüsse, damals als Fortschritt gefeiert, sollte landwirtschaftliche Flächen gewinnen und Hochwasser besser kontrollieren. Doch die Folgen zeigen sich bis heute: Gerade gezogene Flüsse fließen schneller, schneiden sich tiefer ins Gelände ein und entkoppeln sich zunehmend von ihren Auen.
Die Konsequenzen sind vielfältig. Sinkende Flussbetten führen zu instabilen Ufern, gefährden Brückenbauwerke und senken den Grundwasserspiegel. Für Landwirtschaft, Wälder und Trinkwasserversorgung kann das gravierende Auswirkungen haben. Genau hier, so Klocke, kommt ein bislang wenig beachteter Effekt von Staustufen ins Spiel.
Stabilisierung des Grundwassers
Durch Stauhaltungen wird der Wasserspiegel im Fluss stabilisiert – und damit auch der Grundwasserspiegel in den angrenzenden Auen. „Von unseren Staustufen hängt das gesamte Grundwasserregime im Flusstal ab“, erklärte Klocke. Gerade in kiesgeprägten Flusssystemen wie dem Lech kann das Wasser seitlich in die Aue infiltrieren und dort Grundwasserstände sichern.
Das hat direkte Bedeutung für die Trinkwasserversorgung. So speisen Brunnen im Bereich Genderkingen große Teile der regionalen Wasserversorgung – auch durch Uferfiltrat aus dem Lechsystem. Ähnliche Zusammenhänge bestehen im Augsburger Siebentischwald, wo die Brunnen teilweise weniger als fünf Meter tief sind. Ein hoher Grundwasserspiegel ist dort Voraussetzung für die nachhaltige Trinkwassergewinnung.
Auch die Landwirtschaft profitiert. Sinkt der Grundwasserspiegel, verlieren landwirtschaftliche Flächen ihre natürliche Wasserversorgung. Staustufen können diesen Effekt zumindest teilweise abmildern.
Neue Flussarme für mehr Biodiversität
Neben dieser wasserwirtschaftlichen Funktion stellte Klocke das EU-geförderte Projekt „Contempo“ vor. Ziel ist es, in der Aue des unteren Lechs neue Gewässerstrukturen zu schaffen und so Lebensräume für Fische und andere Arten zurückzugewinnen.
Die Herausforderung: Große Teile des Wassers werden heute über den Lechkanal abgeleitet, während das ursprüngliche Flussbett nur noch Restwasser führt. Über ein technisches System – unter anderem mittels Dükerleitungen – wird nun Wasser aus dem Kanal in ehemalige Auenbereiche zurückgeführt. Insgesamt sollen rund zwölf Kilometer neue Gewässerstrukturen entstehen.
Diese Seitengewässer erfüllen mehrere Funktionen. Sie dienen als Laichhabitate für Fische, als Rückzugsräume bei hohen Wassertemperaturen und als strukturreiche Lebensräume für zahlreiche Arten. Gerade in Zeiten häufiger Hitzeperioden könnten solche kühlen, beschatteten Gewässer wichtige Refugien werden.
Kooperation als Erfolgsfaktor
Das Projekt wird von einem breiten Netzwerk getragen: Neben den Lechwerken sind unter anderem der Fischereiverband Schwaben, Wissenschaftler der Technischen Universität München, die Universität Augsburg, das Aueninstitut Neuburg sowie die Stadt Gersthofen beteiligt. Die EU unterstützt das Vorhaben mit rund 3,4 Millionen Euro.
Für Klocke ist diese Zusammenarbeit entscheidend. Flussökologie, Wasserbau, kommunale Interessen und Freizeitnutzung müssten zusammen gedacht werden. Gerade für Kommunen entlang des Lechs spiele auch die Aufenthaltsqualität eine Rolle: Kiesinseln, zugängliche Ufer und Radwege ermöglichen den Menschen direkten Kontakt mit dem Fluss.
Teil der Lösung
Mit Blick auf den Klimawandel erwartet Klocke künftig häufiger nasse Winter und trockenere Sommer. Gleichzeitig verschieben sich Abflussmuster, weil Schnee in den Alpen seltener als langfristiger Wasserspeicher wirkt. Wasserkraftanlagen könnten dabei eine stabilisierende Rolle im Energiesystem übernehmen – etwa durch höhere Stromproduktion im Winter.
Sein Fazit jedoch ging über die Energiefrage hinaus. Wasserkraftwerke seien nicht nur Stromerzeuger, sondern könnten auch zur Stabilisierung von Flusslandschaften beitragen. „Wir sind nicht das Problem, sondern Teil der Lösung“, sagte Klocke – und griff damit eine These des Zoologen Otto Kraus aus den 1950er-Jahren auf: Staukraftwerke können kranke Flusslandschaften stabilisieren.
Für Kommunen entlang großer Flüsse eröffnet dieser Ansatz eine wichtige Perspektive: Wenn Wasserbau, Ökologie und regionale Entwicklung zusammengedacht werden, können technische Anlagen zugleich zum Motor für Renaturierung und Klimaanpassung werden.